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Dr. Carola Hoécker beim Vortrag

Quelle: Bundesarchiv / Alexander Danner

Rastatt

Ein Spion in Rastatt? Der Maler Friedrich Kaiser und die Revolution 1848/49  

Finale der Vortragsreihe „Es lebe die Freiheit! Menschen in der Revolution 1848/49“

Juli 1849: Den von preußischen Truppen eingeschlossenen Verteidigern der revolutionären Festung Rastatt fiel eine verdächtige Gestalt auf, die sich zwischen den Frontlinien herumtrieb und Zeichnungen anfertigte. Dabei konnte es sich nur um einen preußischen Spion handeln, der die Verteidigungsanlagen auskundschaften wollte! Die Freiheitskämpfer nahmen den überraschten Mann gefangen und sperrten ihn in die Kasematten der belagerten Festung. Als vermeintlichen Spion drohte dem Fremden der Tod durch ein Erschießungskommando. Doch der Gefangene hatte Glück: beim Verhör erkannte ein ehemaliger Schulfreund den in Lörrach geborenen Maler und Zeichner Friedrich Kaiser. Ein prüfender Blick in das Skizzenbuch Kaisers, und der Künstler durfte die belagerte Festung als freier Mann verlassen.

Diese dramatische Episode war nicht die einzige Gelegenheit, bei der sich Friedrich Kaiser gefährlich nahe an das von ihm im Bild festgehaltene Geschehen heranwagte. Am 14. November ließ die Historikerin Dr. Carola Hoécker in der Bundesarchiv-Erinnerungsstätte ein gespanntes Publikum an ihren Forschungen zum Leben und Schaffen dieses heute vielfach vergessenen Bildchronisten der Badischen Revolution teilhaben.

Kaisers Werke entstanden in einer für die Bildberichterstattung brisanten Übergangszeit. Die Fotografie hatte bereits begonnen, traditionellen Darstellungsformen wie Malerei, Lithografie und Holzdruck Konkurrenz zu machen, steckte aber immer noch in den Kinderschuhen. Auch andere technische Neuheiten wie Telegrafie und Eisenbahn veränderten die Kommunikation. Die Menschen verlangten immer stärker nach aktuellen Informationen und Bildern. Zeitschriften wie die Leipziger Illustrierte Zeitung – das erste illustrierte Blatt Deutschlands – fanden reißenden Absatz. Ihre Bilder gaben den Leserinnen und Lesern das Gefühl, die dramatischen Ereignisse der Revolutionsjahre 1848/49 „hautnah“ mitzuerleben.

Einzug der Freischar Weishaar in Lörrach (Friedrich Kaiser 1848, Dreiländermuseum Lörrach)
Einzug der Freischar Weishaar in Lörrach (Friedrich Kaiser 1848)Quelle: Dreiländermuseum Lörrach, Foto: Carola Hoécker

Einer der Künstler, die für die Leipziger Illustrierte zeichneten, war Friedrich Kaiser. Ursprünglich hatte er Lithograf werden wollen, wandte sich dann aber auch der Malerei zu. Unter anderem dokumentierte Kaiser den Bau der Rheintalbahn, bevor 1848/49 die Revolution im deutschen Südwesten sein Schaffen dominierte. Die Revolutionswirren erfassten Kaisers Familie auch auf einer persönlichen Ebene: einer seiner Brüder lehnte die Revolution vehement ab, ein anderer schloss sich ihr an und bezahlte dies mit dem Leben. Kaiser selber sympathisierte laut Dr. Hoécker mit den Zielen der Revolution. Um seine Werke ausstellen zu können und seinen Lebensunterhalt zu verdienen, musste er dies allerdings geheim halten. Mit seiner eher neutralen Darstellung der Ereignisse war er so erfolgreich, dass es ihm 1848/49 als einzigem badischen Künstler möglich war, Bilder von revolutionären Ereignissen zu veröffentlichen, was ansonsten strikt untersagt wurde. Dementsprechend prägten seine Bilder die öffentliche Wahrnehmung der Revolution und sind bis heute in Ausstellungen zu 1848/49 omnipräsent.

Unter anderem wurde Kaiser während des „Heckerzuges“ in seiner Heimatstadt Lörrach Zeuge des Einzuges der Freischärler unter Joseph Weißhaar und hielt die dramatische Szene in einem Gemälde fest. Dabei verewigte er nicht nur bekannte Revolutionäre wie Weißhaar und das Ehepaar Struve, sondern schmuggelte auch zahlreiche Bekannte und Verwandte auf das Gemälde, dass so zu einem Wimmelbild der Badischen Revolution, aber auch der Lörracher Bevölkerung und Kaisers persönlichen Umfeld wurde. Während der Badischen Revolution 1849 hielt Kaiser im Gefolge der Preußen die Kämpfe zwischen den revolutionären Verteidigern und den einmarschierenden preußischen und verbündeten Truppen zeichnerisch fest – wie auch seinen unfreiwilligen Aufenthalt in den Rastatter Kasematten.

Ab 1850 in Berlin tätig, wusste Kaiser die 1849 geknüpften Kontakte zu nutzen, und fertigte in den folgenden Jahren zahlreiche Gemälde im Auftrag des Preußischen Hofes an, ohne seine Tätigkeit für die Leipziger Illustrierte aufzugeben. Während der sogenannten deutschen „Einigungskriege“ begleitete er erneut die preußische Armee und hielt das Schlachtengeschehen in Gemälden und Zeichnungen fest.

Mit diesem Vortrag endete die Vortragsreihe „Es lebe die Freiheit! Menschen in der Revolution 1848/49“ der Bundesarchiv-Erinnerungsstätte, die in den Jubiläumsjahren 2023/24 ein buntes Kaleidoskop von bekannten und unbekannten Revolutionärinnen und Revolutionären, Zeitzeugen und Gegnern der Revolution präsentierte und so die Ereignisse vor 175 Jahren wieder lebendig werden ließ.

Dr. Carola Hoécker beim Vortrag
Dr. Carola Hoécker beim VortragQuelle: Bundesarchiv / Alexander Danner