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Bild vom Referenten Dieter Zeh, Fördervereinsmitglied Roland Walter, zwei geschichtsbegeisterten Besucherinnen und Frau Dr. Irmgard Stamm beim Singen von Revolutionsliedern (v. l.)

Der Referent Dieter Zeh, Fördervereinsmitglied Roland Walter, zwei geschichtsbegeisterte Besucherinnen und Frau Dr. Irmgard Stamm beim Singen von Revolutionsliedern (v. l.), Quelle: Rainer Wollenschneider

Rastatt

Kolbenstöße und Zwangsarbeit: Erinnerungen eines Revolutionärs an die Rastatter Kasematten

Dieter Zeh berichtet über seine Forschungen zu Philip Reiter

Im Rahmen der noch bis Ende Oktober 2018 in der Bundesarchiv-Erinnerungsstätte laufenden Sonderausstellung "Festungen - Monumentale Zeugen einer bewegten Geschichte" der Europäischen Fotoakademie Rastatt war der Musiker und Heimatforscher Dieter Zeh am 18. September 2018 zu Gast. Er hielt einen fesselnden Vortrag zu Phillip Reiter, einem Protagonisten der badischen Revolution von 1848/49.

Auf der Suche nach Informationen zu dem in Wertheim geborenen Komponisten Ernst Reiter war der Heimatforscher in dessen Nachlass auf den Briefwechsel mit seinem Bruder Phillip gestoßen. Anhand bisher unveröffentlichter Bilder und Dokumente zeichnete der Vortrag ein facettenreiches Bild von Phillip Reiter und den dramatischen Ereignissen der badischen Revolution 1848/49. Dabei fiel die derbe, aber auch realistische Sprache des Revolutionärs auf, der einerseits von seiner Verlobten Mina schwärmte, aber auch ungeschminkt über die revolutionären Ereignisse berichtete.

Vom Heckeraufstand im April 1848, nach dessen Scheitern Phillip Reiter seine Verlobte auf Drängen von deren Vater verlassen und in die Schweiz flüchten musste, spannte sich der Bogen über den Aufstand von Gustav Struve, an dessen Organisation Reiter möglicherweise insgeheim beteiligt war, bis zum endgültigen Scheitern der Revolution im Sommer 1849. Bei der Verteidigung Badens gegen die unter preußischem Kommando vorrückenden Bundestruppen verwaltete Reiter zunächst die Hauptkasse der Kriegskommission, bevor er zum Proviantmeister für die etwa 6.000 in der Festung Rastatt eingeschlossenen Revolutionären ernannt wurde. Damit war er für ihre Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidung und Verbandszeug verantwortlich. Den Briefen Philipp Reiters ist auch zu entnehmen, dass Rastatts Bürgerschaft den Revolutionskämpfern, unter denen sich auch zahlreiche Abenteurer und Aufsteiger befanden, zwiespältig gegenüberstand. Nach der Kapitulation der Freiheitsfestung am 23. Juli 1949 wanderte er mit etwa 5.600 anderen in die berüchtigten Rastatter Kasematten.

Eindrücklich beschrieb Reiter die unmenschlichen Zustände in den völlig überfüllten Kasematten. Hunger, Durst, die katastrophalen hygienischen Bedingungen und die "schreckliche Behandlung" ließen viele Gefangene erkranken. Besonders zermürbend sei der zu erduldende Gestank in den engen Gewölben gewesen, in denen die Gefangenen über Nacht eingeschlossen wurden. Am Tage mussten sie unter den Kolbenstößen und Beleidigungen ihrer Bewacher schwere Schubkarren schieben.

Dank vieler Zufälle entkam Philipp Reiter dem drohenden Todesurteil und wurde zu 10 Jahren Zuchthaus in Bruchsal verurteilt. 1852 unter der Bedingung begnadigt, umgehend das Land zu verlassen, emigrierte er in die USA und konnte 1862 nach Deutschland zurückkehren.

Am Ende der spannenden Veranstaltung erklangen zum Gitarrenspiel von Roland Walter die Revolutionslieder "Trotz alledem!" und "Die Gedanken sind frei!". Für den Förderverein der Erinnerungsstätte sprach Dr. Irmgard Stamm die Hoffnung aus, dass die von Dieter Zeh geleistete Forschungsarbeit zu Philipp Reiter bald in gedruckter Form vorliegen wird.