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Screenshot der Online-Audio-Edition „Töne der Repression“, Quelle: BArch

Pressemitteilung

Wie klang ein DDR-Gerichtssaal im Kalten Krieg?

Bundesarchiv startet die Online-Audio-Edition „Töne der Repression“ am 17. Juni in Berlin  

Mit der neuen Online-Audio-Edition „Töne der Repression“ macht das Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv Tonaufnahmen von Spionageprozessen der DDR systematisch zugänglich. Launch des ersten Prozesses ist am Mittwoch, 17. Juni 2026, um 17:30 Uhr in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Hier stellt das Projektteam vor, wie die Aufzeichnungen einen Einblick in Abläufe politischer Strafjustiz geben und damit nicht nur Inhalte, sondern auch Sprache, Tonfall und Dynamiken im Gerichtssaal dokumentieren. Die Aufnahmen eröffnen neue Perspektiven auf die Inszenierung von Gerichtsprozessen und die Arbeit der Geheimdienste im Kalten Krieg. Weitere Prozesse folgen sukzessive in den kommenden Jahren.

Das Forschungsprojekt des Stasi-Unterlagen-Archivs verbindet als Prototyp die digitalisierten Tonaufnahmen mit Transkripten, Fotos von Beweismitteln aus den Prozessen sowie einer wissenschaftlichen Kommentierung und Kontextualisierung. Herzstück ist ein Online-Audioplayer. Er ermöglicht eine gezielte Navigation durch lange Tondokumente, die Suche im Transkript und den Kommentaren sowie die Analyse von Sprechweisen und Verfahrensabläufen. „Töne der Repression“ spricht damit unter anderem die wissenschaftliche Fachcommunity, die geschichtsinteressierte Öffentlichkeit sowie Medien- und Bildungsinstitutionen an. Audiomitschnitte von Gerichtsverfahren sind in Deutschland eine seltene Quellengattung. In der Bundesrepublik waren sie lange grundsätzlich verboten. Erhaltene Aufnahmen wie vom Frankfurter Auschwitz-Prozess oder fragmentarische Überlieferungen des Stammheim-Prozesses bilden Ausnahmen. Aus der DDR liegen im Stasi-Unterlagen-Archiv Prozessmitschnitte vor, die digitalisiert wurden.

Zum Editionsstart steht ein besonders aussagekräftiger Schauprozess aus dem Jahr 1955 online: das Verfahren gegen Wilhelm Lehmann und sechs weitere Angeklagte vor dem Obersten Gericht der DDR vom 9. bis 13. Juni 1955. Der Prozess steht exemplarisch für die politische Instrumentalisierung von Strafverfahren im frühen Kalten Krieg und für die enge Verzahnung von Staatssicherheit, Justiz und Propaganda.

Verhaftungswellen, Schauprozess, Propaganda

Die Aufnahme ist in Radioqualität überliefert und umfasst etwa 20 Stunden Audiomaterial, knapp 1200 Minuten vollständig transkribierter und editorisch erschlossener Tonquellen. Die Transkription entspricht einem Umfang von rund 1000 Seiten.

Der Prozess gegen Wilhelm Lehmann, Hans-Joachim Koch und fünf weitere Angeklagte bündelt mehrere zentrale Themen der Edition: Schauprozess, Kalter Krieg, Geheimdienstkonflikt, Propaganda, Staatssicherheit und Justiz. Es handelt sich um den letzten Schauprozess in einer frühen Phase des Geheimdienstkrieges, der aus den sogenannten „konzentrierten Schlägen“ der Staatssicherheit hervorging. Die Stasi stand nach dem nicht verhinderten Volksaufstand vom 17. Juni 1953 unter Druck, Erfolge zu generieren. In mehreren Wellen verhaftete sie in einer großangelegten Spezialoperation hunderte mutmaßliche Agenten westlicher Geheimdienste. Einzelne Fälle wurden stellvertretend in großen Schauprozessen vor dem Obersten Gericht der DDR angeklagt.

Während ihre Urteile bereits feststanden, übernahmen die Angeklagten eine Statistenrolle. Für die bestmögliche innen- und außenpolitische Wirkung wurden Zusammenhänge zwischen Angeklagten und der aktuellen politischen Weltlage konstruiert und in eine Propagandakampagne der SED gegen die Westintegration der Bundesrepublik und ihre Aufnahme ins westliche Verteidigungsbündnis NATO integriert.

Das Oberste Gericht verurteilte Wilhelm Lehmann und Hans-Joachim Koch zum Tode; die Urteile wurden noch im Juni 1955 in der zentralen Hinrichtungsstätte der DDR in Dresden vollstreckt. Die übrigen Angeklagten erhielten lange Haftstrafen.

Was können Töne als Quelle leisten?

Tonaufnahmen zeigen nicht nur, was gesagt wurde, sondern wie es gesagt wurde. Damit lassen sich Dimensionen der Prozessinszenierung erfassen, die in schriftlichen Akten nur begrenzt sichtbar werden: Unsicherheit, Druck, Unterbrechungen, Reaktionen des Publikums, Tonfall, Gesprächsführung und Machtverhältnisse im Gerichtssaal. In einer exemplarischen Szene des ersten Editionsprozesses konfrontiert Richter Walter Ziegler einen Angeklagten mit früheren Vernehmungsprotokollen, blättert hörbar in Unterlagen und drängt ihn in scheinbare Widersprüche. Lacher aus dem Publikum begleiten die Szene.

Veranstaltung auf dem Campus für Demokratie

Im Podiumsgespräch zum Editionsstart geht es um den Quellenwert historischer Tonaufnahmen und darum, wie die Aufnahmen im Bundesarchiv überliefert sind.

Termin:
Mittwoch, 17. Juni 2026, 17:30 Uhr

Begrüßung: 
Prof. Dr. Michael Hollmann, Präsident des Bundesarchivs

Vorstellung:
Prof. Dr. Daniela Münkel, Dr. Mark Laux und Dr. Ronald Funke (Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv)

Moderation: 
Korbinian Frenzel, Deutschlandfunk

Ort: 
Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv
Stasi-Zentrale-Campus für Demokratie, Ruschestraße 103, „Haus 22“
Berlin-Lichtenberg (U-Bahnlinie U 5),

Empfang im Anschluss, Eintritt frei, Anmeldung bitte unter campus@bundesarchiv.de oder 030 18665-6770

Weitere Informationen:

Töne der Repression

www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/vor-ort-entdecken/veranstaltungen/termin/toene-der-repression-berlin-17-06-2026/

Die Online-Audio-Edition „Töne der Repression“ wird herausgegeben von Daniela Münkel und bearbeitet von Mark Laux und Ronald Funke.

Service für Redaktionen:

Kontakt zum Projektteam und Möglichkeit zur Vorab-Nutzung des Audioplayers:

VF@bundesarchiv.de und Telefon 030 18665 6701

Kontakt zur Pressestelle

Elmar Kramer, Stellv. Pressesprecher

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Elmar Kramer

Telefon: 030 18 665-7181
E-Mail: elmar.kramer@bundesarchiv.de