Das zehnseitige Dokument fasst thesenartig die Erkenntnisse der Bundeswehr zusammen, die sie auch unter Zuhilfenahme nachrichtendienstlicher Methoden gewonnen hatte. Zum Entstehungszeitpunkt des Berichts bestand die DDR noch als souveräner Staat. Die Beschaffung von Informationen über das Innenleben der ostdeutschen Streitkräfte durch die Armee eines anderen Staates konnte nicht direkt und offen erfolgen.
Das Amt für Nachrichtenwesen der Bundeswehr (1956–2002) hatte die Aufgabe, die militärische und politische Lage anderer Staaten und fremder Streitkräfte zu beobachten und zu analysieren. Die Informationen bezog das Amt vor allem vom Bundesnachrichtendienst, vom Auswärtigen Amt sowie von den vor Ort tätigen Militärattachés.
Das vorliegende Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, BW 40/573. In der Akte ist nur dieses eine Dokument abgelegt, obgleich es Teil eines größeren Berichtswesens ist: Die sogenannten „G2/A2-Kurzinformationen Ost“ informierten die Stellen der Bundeswehr regelmäßig über Zustand und Kampfkraft der Streitkräfte der DDR und der anderen Warschauer-Pakt-Staaten.
Historischer Hintergrund
Die NVA hatte das Ende der SED-Herrschaft 1989/90 weitgehend passiv, abwartend begleitet. Es ist das historische Verdienst aller Führungsebenen der ostdeutschen Streitkräfte, dass von ihnen kein Anlass zu einer möglichen gewaltsamen Eskalation der Ereignisse im Herbst 1989 ausging. Die Streitkräfte der DDR blieben trotz aller beginnenden Umbrüche und Veränderungen als Organisation intakt und erfüllten die ihnen zugewiesenen Aufgaben.
Diese Rolle der NVA in der Schlussphase der DDR war nicht selbstverständlich. Denn von Beginn an waren die ostdeutschen Streitkräfte auch eine tragende Säule bei der Sicherung der SED-Diktatur nach innen. Folglich wies insbesondere das Offizierskorps der NVA hinsichtlich Personalauswahl und Weltanschauung eine besondere Nähe zur Staatspartei auf.
Vor dem Hintergrund einer sich abzeichnenden Deutschen Einheit sprachen deshalb viele Gründe dafür, dass sich die Bundeswehr eine breitere Wissensbasis über den ehemaligen Gegner und die möglicherweise zukünftigen Kameraden verschaffte.