Direkt zum Seiteninhalt springen
Junge Soldaten der NVA in Uniform protestieren 1990 in Cottbus für bessere Dienstbedingungen. Die Soldaten tragen Schilder mit den Aufschriften „Fünf Tage-Woche und mehr Urlaub sonst läuft nichts mehr“ und „Wir fodern die Verkürzung des Wehrdienstes auf 12 Monate! *rückwirkend“. Einige Soldaten haben Kerzen angezündet.

Demonstration von NVA-Soldaten für Verbesserungen ihres Dienstes, Quelle: BArch, Bild 183-1990-0112-304 / Weisflog, Rainer

Eine Zukunft für die NVA?

Bis kurz vor Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 gab es Versuche, die NVA als Organisation zu erhalten und in eine gesamtdeutsche Zukunft zu retten.

Der am 31. August 1990 zwischen der Bundesrepublik und der DDR geschlossene Einigungsvertrag enthielt auch Bestimmungen zum Rechtsverhältnis der Soldaten der ehemaligen Nationalen Volksarmee (NVA) (Anl. I, Kap. XIX, B II). Im Juni hatten die Innenministerien beider Teilstaaten federführend die Vertragsverhandlungen geleitet. Das ostdeutsche Ministerium für Abrüstung und Verteidigung (MfAV) unter Minister Rainer Eppelmann versuchte dabei, mit einem eigenen Protokollvermerk Teile der NVA innerhalb der künftigen gesamtdeutschen Streitkräfte zu konservieren. Die Forderungen des MfAV liefen dabei in letzter Konsequenz auf die Existenz einer ostdeutschen Parallelarmee innerhalb der Bundeswehr hinaus, die sich weitgehend auf Strukturen und Personal der NVA gestützt hätte. Sie wäre jedoch nach den Prinzipien und Regularien der alten Bundeswehr geführt worden. Zugleich wollte man die (ehemaligen) Angehörigen der NVA sozial absichern.

Das Bundesministerium der Verteidigung lehnte das Ansinnen des MfAV kategorisch ab. Damit befand sich das Bonner Verteidigungsministerium im Einklang mit dem Bundeskanzleramt und dem Bundesministerium des Innern als bundesdeutschem Verhandlungsführer.

  • Maschinenschriftliches Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung, Referat 1 (Militärpolitische Grundlagen) der Stabsabteilung III des Führungsstabs der Streitkräfte (Fü S III 1): Vermerk vom 9. August 1990 mit Anlage (Entwurf Protokollvermerk MfAV) (Seite 1)
  • Maschinenschriftliches Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung, Referat 1 (Militärpolitische Grundlagen) der Stabsabteilung III des Führungsstabs der Streitkräfte (Fü S III 1): Vermerk vom 9. August 1990 mit Anlage (Entwurf Protokollvermerk MfAV) (Seite 2)
  • Maschinenschriftliches Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung, Referat 1 (Militärpolitische Grundlagen) der Stabsabteilung III des Führungsstabs der Streitkräfte (Fü S III 1): Vermerk vom 9. August 1990 mit Anlage (Entwurf Protokollvermerk MfAV) (Seite 3)
  • Maschinenschriftliches Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung, Referat 1 (Militärpolitische Grundlagen) der Stabsabteilung III des Führungsstabs der Streitkräfte (Fü S III 1): Vermerk vom 9. August 1990 mit Anlage (Entwurf Protokollvermerk MfAV) (Seite 4)
  • Maschinenschriftliches Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung, Referat 1 (Militärpolitische Grundlagen) der Stabsabteilung III des Führungsstabs der Streitkräfte (Fü S III 1): Vermerk vom 9. August 1990 mit Anlage (Entwurf Protokollvermerk MfAV) (Seite 5)
  • Maschinenschriftliches Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung, Referat 1 (Militärpolitische Grundlagen) der Stabsabteilung III des Führungsstabs der Streitkräfte (Fü S III 1): Vermerk vom 9. August 1990 mit Anlage (Entwurf Protokollvermerk MfAV) (Seite 6)
  • Maschinenschriftliches Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung, Referat 1 (Militärpolitische Grundlagen) der Stabsabteilung III des Führungsstabs der Streitkräfte (Fü S III 1): Vermerk vom 9. August 1990 mit Anlage (Entwurf Protokollvermerk MfAV) (Seite 7)
  • Maschinenschriftliches Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung, Referat 1 (Militärpolitische Grundlagen) der Stabsabteilung III des Führungsstabs der Streitkräfte (Fü S III 1): Vermerk vom 9. August 1990 mit Anlage (Entwurf Protokollvermerk MfAV) (Seite 8)
  • Maschinenschriftliches Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung, Referat 1 (Militärpolitische Grundlagen) der Stabsabteilung III des Führungsstabs der Streitkräfte (Fü S III 1): Vermerk vom 9. August 1990 mit Anlage (Entwurf Protokollvermerk MfAV) (Seite 9)

Das vorliegende Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, BW2/22075. Die Akte ist Teil von Unterlagen des „Informations- und Lagezentrums“ in der Unterabteilung IV des Führungsstabs der Streitkräfte (Fü S) im Bonner Verteidigungsministerium. Das Zentrum war während der Einigungsphase eingerichtet worden.

Historischer Hintergrund

Junge Soldaten der NVA in Uniform protestieren 1990 in Cottbus für bessere Dienstbedingungen. Die Soldaten tragen Schilder mit den Aufschriften „Fünf Tage-Woche und mehr Urlaub sonst läuft nichts mehr“ und „Wir fodern die Verkürzung des Wehrdienstes auf 12 Monate! *rückwirkend“. Einige Soldaten haben Kerzen angezündet.
Auf einer gemeinsamen Demonstration in der Albert-Zimmermann-Kaserne forderten am 3. Januar 1990 Angehörige von zwei Truppenverbänden der NVA des Cottbusser Raumes eine sofortige Miltärreform, verbunden mit einer Reduzierung der Wehrdienstzeit auf zwölf MonateQuelle: BArch, Bild 183-1990-0112-304 / Weisflog, Rainer

Bis zum Umbruch 1989 war die NVA eine stabile Stütze des SED-Regimes. Die politischen Umwälzungen in der DDR gingen jedoch nicht folgenlos an den ostdeutschen Streitkräften vorbei. Die verfestigten inneren Verhältnisse, schwere Arbeits- und Lebensbedingungen sowie die Belastungen der hohen Gefechtsbereitschaft führten zu Unruhe und Protesten in der Truppe. Die Führung der NVA leitete Schritte zur Mitbestimmung und zu einer Verbesserung der Lebens- und Dienstbedingungen der Soldaten ein.

In dieser Umbruchphase zeigte die ostdeutsche Armee keine Auflösungserscheinungen. Im Gegenteil: Trotz Unsicherheiten und Frustration wurde der Dienstbetrieb aufrechterhalten. Noch wenige Monate vor ihrem Ende zog die NVA neue Rekruten ein und vereidigte sie.

Teil dieses Prozesses war die Umbildung des Ministeriums für Nationale Verteidigung in das Ministerium für Abrüstung und Verteidigung. Erster und letzter Minister war der evangelische Pfarrer, Bürgerrechtler und Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs, Rainer Eppelmann. Er wurde am 12. April 1990 als Mitglied der letzten DDR-Regierung unter Ministerpräsident Lothar de Maizière zum Minister für Abrüstung und Verteidigung ernannt. In diesem Amt verblieb er bis zum 2. Oktober 1990.

Im Spiegel des Archivguts wird sichtbar, dass sich viele ostdeutsche Zeitgenossinnen und -genossen ein abruptes und vollständiges Verschwinden der 40 Jahre bestehenden NVA nicht vorstellen konnten.

Rainer Eppelmann (r.), Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR, mit seinem Vorgänger, dem Minister für Nationale Verteidigung, Admiral Theodor Hoffmann (l.), bei der Amtsübernahme im April 1990. Eppelmann in Zivil und Hoffmann in Uniform schütteln sich die Hände. Begleitet wird die Übergabe von zahlreichen Reportern mit Mikrofonen und Kameras.
Übergabe der Amtsgeschäfte vom Minister für Nationale Verteidigung, Admiral Theodor Hoffmann, an Rainer Eppelmann, Strausberg 1990Quelle: BArch, Bild 183-1990-0418-031 / Oberst, Klaus