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Das Schnellboot P6120 „Kormoran“ der Bundesmarine auf See

Schnellboot P6120 „Kormoran“ auf See, Quelle: Bundeswehr

Strategie, Taktik und Technologie

Bei der Versenkung des israelischen Zerstörers „Eilath“ im Jahr 1967 kamen erstmals sowjetische Lenkflugkörper in der Seekriegsführung zum Einsatz. Der technische Vorsprung des Warschauer Pakts in diesem Bereich führte zu einem Modernisierungsdruck in den Marinen der NATO-Staaten.

Am 21. Oktober 1967 – wenige Monate nach Israels Sieg im Sechstagekrieg – versenkten sowjetische Lenkflugkörper des Typs P 15 (NATO-Bezeichnung SS-N-2 Styx) das israelische Kriegsschiff „Eilath“ (auch „Eilat“ oder „Elath“). Ägyptische Schnellboote der „Komar“-Klasse (sowjetisches Projekt 183R) hatten die Raketen abgefeuert. Die Sowjetunion lieferte dieses Waffensystem nicht nur an Ägypten und andere ihr politisch und wirtschaftlich zugewandte Staaten. Sie rüstete auch die Volksmarine der DDR, Teil der Seestreitkräfte des Warschauer Paktes, mit einer stetig wachsenden Anzahl von Raketenschnellbooten der Osa- und Osa-II-Klasse (sowjetisches Projekt 205) aus, die mit Styx-Lenkflugkörpern bewaffnet waren.

NATO und Bundeswehr verfolgten seit Längerem, wie die von der Sowjetunion angeführten Seestreitkräfte einen Vorsprung auf dem Feld der Lenkflugkörper erzielten. Die Schiffe und Boote der Bundesmarine waren dagegen weitgehend schutzlos gegenüber den Styx-Raketen.

Der „Eilath-Vorfall“ unterstrich eindrücklich den Handlungsbedarf. Unmittelbar reagierte die Führung der Bundesmarine, indem sie ihre Einsatzgrundsätze bei der Bekämpfung der gegnerischen Osa-/Komar-Schnellboote anpasste. Mittelfristig erhielt die bereits angelaufene Entwicklung eigener Lenkflugkörper sowie geeigneter Mittel zur Aufklärung und Abwehr gegnerischer Lenkwaffen einen deutlichen Auftrieb.

Eine Anti-Schiffs-Rakete vom Typ P-15 (NATO-Bezeichnung SS-N 2 „Stxy“) hängt an einem Kran und wird in eine Abschussanlage auf dem Raketenschnellboot „Otto Tost“ hinuntergelassen.
Beladung des Raketenschnellboots „Otto Tost“ mit einer Rakete vom Typ P 15 (NATO-Bezeichnung: SS-N-2 „Stxy“), November 1985Quelle: BArch, Bild 183-1985-1101-021 / Sindermann, Jürgen
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Vermerk der Abteilung Wehrtechnik im Bundesministerium der Verteidigung über Folgerungen aus dem „Eilath-Vorfall“ für die Marineausrüstung der Bundeswehr, 2. Januar 1968 (Seite 1)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Vermerk der Abteilung Wehrtechnik im Bundesministerium der Verteidigung über Folgerungen aus dem „Eilath-Vorfall“ für die Marineausrüstung der Bundeswehr, 2. Januar 1968 (Seite 2)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Vermerk der Abteilung Wehrtechnik im Bundesministerium der Verteidigung über Folgerungen aus dem „Eilath-Vorfall“ für die Marineausrüstung der Bundeswehr, 2. Januar 1968 (Seite 3)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Vermerk der Abteilung Wehrtechnik im Bundesministerium der Verteidigung über Folgerungen aus dem „Eilath-Vorfall“ für die Marineausrüstung der Bundeswehr, 2. Januar 1968 (Seite 4)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Vermerk der Abteilung Wehrtechnik im Bundesministerium der Verteidigung über Folgerungen aus dem „Eilath-Vorfall“ für die Marineausrüstung der Bundeswehr, 2. Januar 1968 (Seite 5)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Vermerk der Abteilung Wehrtechnik im Bundesministerium der Verteidigung über Folgerungen aus dem „Eilath-Vorfall“ für die Marineausrüstung der Bundeswehr, 2. Januar 1968 (Seite 6)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Vermerk der Abteilung Wehrtechnik im Bundesministerium der Verteidigung über Folgerungen aus dem „Eilath-Vorfall“ für die Marineausrüstung der Bundeswehr, 2. Januar 1968 (Seite 7)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Befehl des Fühungsstabes der Marine im Bundesministerium der Verteidigung an das nachgeordnete Flottenkommando, taktische Grundsätze zum Kampf gegen Osa-/Komar-Schnellboote zu entwickeln, 1. April  1968 (Seite 1)
  •  Maschinengeschriebenes Dokument
    Befehl des Fühungsstabes der Marine im Bundesministerium der Verteidigung an das nachgeordnete Flottenkommando, taktische Grundsätze zum Kampf gegen Osa-/Komar-Schnellboote zu entwickeln, 1. April  1968 (Seite 2)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Befehl des Fühungsstabes der Marine im Bundesministerium der Verteidigung an das nachgeordnete Flottenkommando, taktische Grundsätze zum Kampf gegen Osa-/Komar-Schnellboote zu entwickeln, 1. April  1968 (Seite 3)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Befehl des Fühungsstabes der Marine im Bundesministerium der Verteidigung an das nachgeordnete Flottenkommando, taktische Grundsätze zum Kampf gegen Osa-/Komar-Schnellboote zu entwickeln, 1. April  1968 (Seite 4)
  •  Maschinengeschriebenes Dokument
    Befehl des Fühungsstabes der Marine im Bundesministerium der Verteidigung an das nachgeordnete Flottenkommando, taktische Grundsätze zum Kampf gegen Osa-/Komar-Schnellboote zu entwickeln, 1. April  1968 (Seite 5)

Das erste Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, BM 1/1021. Die Akte ist Teil des Registraturguts des Führungsstabs der Marine im Bundesministerium der Verteidigung. Sie enthält vor allem technische Berichte und Analysen verschiedener Flugkörpersysteme, unter anderem auch der SS-N-2 Styx. Darüber hinaus finden sich einige Vermerke über die Rückschlüsse, die die Bundeswehr aus dem „Eilath-Vorfall“ für die Rüstungsvorhaben der Bundesmarine zog.

Das zweite Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, BM 10/4046. Die Akte ist Teil des Registraturguts des Flottenkommandos der Bundeswehr. Sie enthält Dokumente, die aufgrund ihres Geheimhaltungsgrades vom übrigen Aktenschriftgut getrennt wurden. Darunter befinden sich weitere Analysen der Bundesmarine zur Wirksamkeit sowjetischer Seezielflugkörper Anfang der 1970er Jahre.

Historischer Hintergrund

Frontansicht des Raketenschnellboots „Otto Trost“ der Volksmarine der DDR in Fahrt. Das Bild wurde niedrig vom Heck eines anderen Boots aufgenommen. Im Vordergrund ist aufschlagendes Wasser zu sehen.
Das Raketenschnellboot der Volksmarine der DDR „Otto Trost“ in Fahrt. Die „Otto Trost“ gehörte zur Osa-Klasse (sowjetisches Projekt 205) von RaketenschnellbootenQuelle: BArch, Bild 183-1986-0213-002 / Sindermann, Jürgen

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre gelang es der Landmacht Sowjetunion, sich auch als zweitgrößte Seemacht der Welt nach den USA zu positionieren. Die sowjetischen Seestreitkräfte waren nach Einschätzung der NATO moderner und jünger als die der US Navy. Zudem waren sie, wie der „Eilath-Vorfall“ zeigt, in Bezug auf den Einsatz von Lenkflugkörpern den Marinen der NATO-Streitkräfte technisch überlegen.

Umgekehrt besaß die Bundesmarine zehn Jahre nach ihrer Aufstellung völlig veraltete Schiffe, Boote und Flugzeuge. Diese stammten entweder von den Alliierten oder aus Schiffsbeständen der früheren Kriegsmarine, die nach dem Krieg unter deutscher, britischer oder US-amerikanischer Flagge u. a. zum Minenräumen weiter genutzt worden waren.

Die rüstungstechnologischen Fortschritte der damaligen Zeit ermöglichten neue Mittel zur weitreichenden Aufklärung, zum Einsatz funkgelenkter Waffen sowie zur automatisierten Verarbeitung von Daten. Neue, sogenannte Operations-Research-Einheiten beschäftigten sich in der Bundeswehr mit Informatik und Datenverarbeitung.

Im Mittelpunkt der Modernisierung der Bundesmarine zu Beginn der 1970er Jahre stand folglich die Beschaffung solcher Schiffe, Boote und Flugzeuge, die mit modernen Abstandswaffen zur Bekämpfung von Seezielen ausgestattet werden konnten. Dabei gab es unter den für Rüstungsangelegenheiten zuständigen Stellen im Bundesministerium der Verteidigung, namentlich dem Führungsstab Marine (Fü M) und der Abteilung Wehrtechnik (T), zum Teil erheblich voneinander abweichende Auffassungen. Beispielhaft dafür steht die im ersten Dokument anklingende Kontroverse, ob nun dem Bau von Kriegsschiffen oder der verstärkten Ausstattung mit Kampflugzeugen der Vorrang einzuräumen wäre.

Mit den von Frankreich und Deutschland parallel entwickelten Lenkflugkörpern MM 38 „Exocet“ und AS.34 „Kormoran“ konnte die Bundeswehr den waffentechnologischen Rückstand zum sowjetischen „Styx“ aufholen. Und mit den Schnellbooten der Albatros-Klasse (143) sowie der Tiger-Klasse (148) verfügte sie ab 1972 erstmals über Marineeinheiten mit „Exocet“-Raketen als Hauptwaffensystem. Die F-104F „Starfighter“ der Marineflieger wurden ab 1973 mit dem „Kormoran“ zur Bekämpfung gegnerischer Schiffe ausgerüstet.

Neben der Bekämpfung gegnerischer Schiffe blieb die Herausforderung, sich auch gegen die von diesen abgefeuerten Lenkflugkörper zu verteidigen. Als Reaktion auf den „Eilath-Vorfall“ schlossen sich 1968 mehrere NATO-Staaten zu einem gemeinsamen Rüstungsprojekt zur Entwicklung und Produktion einer leistungsfähigen Abfangrakete zusammen. Das Ergebnis war die „Sea-Sparrow“-Rakete, die in der Folgezeit stetig weiterentwickelt wurde. Deutschland trat dem Konsortium 1977 bei. Die „Sea Sparrow“ ist in der deutschen Marine bis heute im Einsatz.

Schnellboot P 6118 „Seeadler“ der Bundesmarine auf der Ostsee
Schnellboot P 6118 „Seeadler“ der Klasse 143 auf der Ostsee, 1997Quelle: Bundeswehr / Modes, Detmar
Sechs Jagdflugzeuge vom F-104G „Starfighter“ des Marinefliegergeschwaders 1 im Flug
Nach der Luftwaffe wurden auch die Marineflieger Mitte der 1960er Jahre mit dem F-104G „Starfighter“ ausgestattetQuelle: BArch, B 145 Bild-F027437-0003 / Berretty