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Ein Jagdflugzeug F-104G „Starfighter“ des Jagdgeschwaders 74 „Mölders“ steht auf einer Rollbahn. Im Hintergrund ist ein Tower zu sehen.

Jagdflugzeug F-104G „Starfighter“ des Jagdgeschwaders 74 „Mölders“ auf einer Rollbahn, 1965, Quelle: BArch, B 145 Bild-F027409-0011 / Berretty 

Eine Momentaufnahme aus der „Starfighter-Krise“

Am 10. März 1970 stürzte in Obdrup ein Lockheed F-104 Starfighter ab. Der Pilot der Maschine starb: Oberleutnant zur See Joachim von Hassel, Sohn des ehemaligen Verteidigungsministers Kai-Uwe von Hassel. Die Kampfflugzeuge des Typs Starfighter standen wegen ihrer technischen Mängel und komplizierten Bedienung bereits in der Kritik. Dies war der 117. Absturz eines Starfighters.

Am 10. März 1970 absolvierte Oberleutnant Joachim von Hassel zusammen mit zwei weiteren Kameraden vom Marinefliegergeschwader 2 eine Luftkampfübung im dänischen Luftraum. Bei der Rückkehr der drei Maschinen zu ihrem südlich von Flensburg gelegenen Stützpunkt Eggebeck verlor von Hassel die Kontrolle über seine Maschine. Sein Starfighter stürzte in der Nähe des kleinen Ortes Obdrup in einen tiefverschneiten Kiefernwald. Von Hassel hatte dabei nicht versucht, sich mit dem Schleudersitz zu retten.

Wie bei jedem militärischen Flugunfall untersuchte die Dienststelle General Flugsicherheit der Bundeswehr den Vorfall. Der Abschlussbericht zur Untersuchung benannte keine abschließende Ursache für den Absturz. Ein technischer Fehler ließ sich nicht nachweisen. Joachim von Hassel war zum Zeitpunkt seines Absturzes bereits ein erfahrener Pilot mit mehreren hundert Stunden Flugpraxis auf der Maschine. Ein bis zwei Minuten bevor er vom Radarschirm der Leitstelle verschwand, war der Funkkontakt zu ihm abgebrochen. Die spätere pathologische Untersuchung schloss nicht aus, dass von Hassel wegen Unterzuckerung bewusstlos wurde.

  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Vorabinformation des Referats Fü M II 2 an das Kabinettsreferat im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) über den bisherigen Kenntnisstand zum Absturz von Joachim von Hassel (Seite 1)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Vorabinformation des Referats Fü M II 2 an das Kabinettsreferat im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) über den bisherigen Kenntnisstand zum Absturz von Joachim von Hassel (Seite 2)

Das vorliegende Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, BM 1/1337a. Die Akte ist Teil des Registraturguts des Führungsstabs der Marine im Bundesministerium der Verteidigung. Sie enthält vor allem Unterlagen zum Unfall von Joachim von Hassel, unter anderem den Bericht des General Flugsicherheit. In der Akte ist auch ein Ausschnitt aus dem Protokoll der Sitzung des Verteidigungsausschusses vom 29. Juni 1962 abgelegt. Dieses beschäftigt sich mit dem Absturz von vier Starfightern bei einem Kunstflugmanöver in Nörvenich – einen Tag vor der offiziellen Übergabe des Kampfflugzeugs an die Bundeswehr. In dem Protokoll werden auch die technischen Beschaffungsgründe erläutert.

Historischer Hintergrund

Der Lockheed F-104G Starfighter war 1962 offiziell bei der Luftwaffe der Bundeswehr in Dienst gestellt worden. Kurze Zeit später erhielten auch die Marineflieger ihre ersten Maschinen für die Bekämpfung von Seezielen. Das Kampfflugzeug war ausgewählt worden, weil es die verschiedenen Ansprüche von Luftwaffe und Marine an ein Allzweckflugzeug am besten erfüllte. Im Vergleich zu seinen direkten Konkurrenten, der französischen Mirage III und der ebenfalls amerikanischen Grumman F11F/1F („Super Tiger“), wurde der Starfighter als insgesamt technisch überlegen bewertet. Zugleich stellte die Einführung des US-Flugzeugs die deutsche Teilhabe am amerikanischen Nuklearpotenzial sicher, denn der Starfighter konnte ohne größere Aufwände mit US-Atomwaffen bestückt werden. Das umfangreiche deutsche Anforderungsprofil erforderte allerdings zahlreiche Konstruktionsänderungen und erhöhte dadurch die technische Komplexität der Maschinen weiter.

Der hier dokumentierte Absturz war der 117., den die Bundeswehr in ihrer F-104G-Starfighter-Flotte seit Einführung zu verzeichnen hatte. Insgesamt stürzten 269 Starfighter der Bundeswehr ab, wobei 116 Piloten starben.

Zwölf F-104G „Starfighter“ des Jagdgeschwaders 74 „Mölders“ stehen nebeneinander auf einer Startbahn.
Zwölf F-104G „Starfighter“ des Jagdgeschwaders 74 „Mölders“ nebeneinander aufgestellt auf einer Startbahn, 1965Quelle: BArch, B 145 Bild-F027401-0002 / Berretty

Für die häufigen Abstürze in den Anfangsjahren der Nutzung gab es unterschiedliche Gründe: Zum einen hatten die Piloten und das Bodenpersonal zunächst wenig Erfahrung, während die Technik im Vergleich zu früheren Kampfflugzeugen weitaus komplexer war. Zum anderen fehlte die geeignete Infrastruktur, um die Hightech-Maschinen unterzubringen, zu warten und instand zu setzen. Die Absturzzahlen gingen nach katastrophalen Anfangsjahren zu Beginn der 1970er Jahre zurück. Die jährliche Absturzhäufigkeit von etwa zehn Maschinen in den Folgejahren muss vor dem Hintergrund der großen Anzahl der eingesetzten Flugzeuge und der Menge der Flugstunden gesehen werden.  Rückblickend äußerten sich viele ehemalige Piloten positiv über das leistungsfähige, aber fliegerisch sehr anspruchsvolle Flugzeug.

Die Probleme der Bundeswehr mit „ihren“ Starfightern wurden öffentlich und politisch kontrovers diskutiert. Im Zentrum der „Starfighter-Affäre“ stand Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, dessen Rolle bei der Beschaffung des Starfighters bis heute umstritten ist. Sein starkes Eintreten zu Gunsten einer Entscheidung für den Starfighter verband sich in der öffentlichen Diskussion mit dem Vorwurf der Korruption. Diese Anschuldigungen sind bis heute nicht konkret belegt.

Weitere Informationen

In den Filmbeständen des Bundesarchivs finden sich auch zahlreiche Filmaufnahmen zum Starfighter. Einige davon können Sie im Digitalen Lesesaal des Bundesarchivs anschauen.