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Das Plakat zeigt die stillisierte Explosion einer Atombombe. Die Aufschrift lautet: „Sieg der Vernunft durch Abrüstung“. In kleinerer Schrift steht unten auf dem Plakat: „Wirkung einer 10 Megatonnen-Bombe (Es gibt bereits 50 Megatonnen-Bomben) 3,5 km – Feuerball, über eine Million Grad Hitze, 13 km – Absolute Todes- und Vernichtungszone, 20 km – Schwerste Verwüstungen durch Druckwelle, 40 km – Großbrände, tödliche Verbrennungen, 50 km – Brände, lebensgefährliche Verbrennungen, 300 km – in Windrichtung schwerste Schäden durch radioaktive Verseuchung (nach Unterlagen des Bundesluftschutzverbandes)“

Protestplakat gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr, Quelle: BArch, Plak 005-043-005 / Fr. Jumpertz KG, Düsseldorf

Der Blick der Bundeswehr auf die Friedensbewegung

Am 12. Dezember 1979 trafen die Mitgliedsstaaten der NATO eine der kontroversesten Entscheidungen der Bündnisgeschichte: den sogenannten NATO-Doppelbeschluss. Die geplante Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Westeuropa gab der Friedensbewegung in der Bundesrepublik einen starken Auftrieb.

Ende der 1970er Jahre modernisierte die Sowjetunion ihre auf Westeuropa ausgerichteten Mittelstreckenraketen durch die Einführung des neuen Typs SS 20. Die NATO sah ihre westeuropäischen Mitgliedsstaaten verstärkt bedroht und reagierte mit dem sogenannten NATO-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979. Dieser sah ein doppeltes Vorgehen des westlichen Bündnisses vor: Einerseits versuchte man mit der Sowjetunion über den Abbau ihrer SS-20-Raketen zu verhandeln. Andererseits begann die NATO – nach vier Jahren ergebnisloser Verhandlungen – ebenfalls neue, nukleare Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II und Marschflugkörper vom Typ BGM-109G Gryphon einzuführen.

In der Bundesrepublik Deutschland war die öffentliche Kritik und Ablehnung besonders ausgeprägt. Die Sorge vor einer militärischen Eskalation und dem Schreckensszenario eines alles vernichtenden Atomkriegs bewegte viele Menschen. Hunderttausende nahmen an Friedensdemonstrationen und Protesten gegen das atomare Wettrüsten teil.

Das Bundesministerium der Verteidigung beobachtete dieses gesellschaftliche Stimmungsbild eingehend. Das für Psychologische Verteidigung zuständige Referat Fü S III 9 im Bundesministerium der Verteidigung legte im Oktober 1983 eine detaillierte Analyse vor: zu Umfang, Zielen, Initiatorinnen und Initiatoren sowie Zukunft der bundesdeutschen Friedensbewegung. Psychologische Verteidigung bezeichnete ein Aufgabenfeld der Bundeswehr. Die zuständigen Stellen beobachteten das Stimmungsbild in der Bevölkerung zu sicherheits- und verteidigungspolitischen Themen und entwarfen entsprechende Informations- und Kommunikationsmaßnahmen. Über die Jahrzehnte war die Beschäftigung mit der Friedensbewegung ein zentrales Betätigungsfeld.

Das Plakat zeigt die stillisierte Explosion einer Atombombe. Die Aufschrift lautet: „Sieg der Vernunft durch Abrüstung“. In kleinerer Schrift steht unten auf dem Plakat: „Wirkung einer 10 Megatonnen-Bombe (Es gibt bereits 50 Megatonnen-Bomben) 3,5 km – Feuerball, über eine Million Grad Hitze, 13 km – Absolute Todes- und Vernichtungszone, 20 km – Schwerste Verwüstungen durch Druckwelle, 40 km – Großbrände, tödliche Verbrennungen, 50 km – Brände, lebensgefährliche Verbrennungen, 300 km – in Windrichtung schwerste Schäden durch radioaktive Verseuchung (nach Unterlagen des Bundesluftschutzverbandes)“
Protestplakat „Sieg der Vernunft durch Abrüstung“ gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr, ohne DatumQuelle: BArch, Plak 005-043-005 / Fr. Jumpertz KG, Düsseldorf
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung Referat Fü S III 9: Beitrag zur Cheflage: Beurteilung der Aktionswoche der Friedensbewegung unter PSV-Aspekten, 26. Oktober 1983 (Seite 1)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung Referat Fü S III 9: Beitrag zur Cheflage: Beurteilung der Aktionswoche der Friedensbewegung unter PSV-Aspekten, 26. Oktober 1983 (Seite 2)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung Referat Fü S III 9: Beitrag zur Cheflage: Beurteilung der Aktionswoche der Friedensbewegung unter PSV-Aspekten, 26. Oktober 1983 (Seite 3)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Bundesministerium der Verteidigung Referat Fü S III 9: Beitrag zur Cheflage: Beurteilung der Aktionswoche der Friedensbewegung unter PSV-Aspekten, 26. Oktober 1983 (Seite 4)

Das vorliegende Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, BW 2/59493. Die Akte ist Teil des Registraturguts des Führungsstabes der Streitkräfte im Bundesministerium der Verteidigung. Sie enthält verschiedene Dokumente zum Umgang der Bundeswehr mit möglichen Blockade- und Störaktionen vor Kasernen durch Friedensaktivistinnen und -aktivisten. Die hier gezeigte Analyse der Friedenswoche im Oktober 1983 scheint zu Informationszwecken in der Akte abgelegt worden zu sein.

Historischer Hintergrund

Das Plakat zeigt ein durch gelbe Hervorhebungen auf schwarzem Untergrund gebildetes Peace-Symbol. Die Aufschrift in Schwarz auf gelbem Hintergrund lautet: „Kampagne für Abrüstung, Ostermarsch der Atomwaffengegner“.
Protestplakat gegen Atomrüstung vom Ostermarsch 1965Quelle: BArch, Plak 005-043-018 / Poerschke & Weiner, München

Die Friedensbewegung kann in der Bundesrepublik Deutschland auf eine lange Geschichte zurückblicken. Bereits in  den 1950er Jahren trat die „Ohne-mich-Bewegung“ einer Wiederbewaffnung Westdeutschlands entgegen. Unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und Einzelpersonen engagierten sich vor dem Hintergrund der Verbrechen der NS-Herrschaft und der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs gegen eine „Remilitarisierung“ der Bundesrepublik.

Die Pläne für eine mögliche atomare Bewaffnung der Bundeswehr rief die „Kampf-dem-Atomtod“-Bewegung auf den Plan. In den Jahren 1957 bis 1959 protestierte ein breites Bündnis gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen. Dazu gehörten die oppositionellen Parteien SPD und FDP, der Deutsche Gewerkschaftsbund, evangelische Kirchenmitglieder um den Theologen Martin Niemöller, sowie weitere Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft. Besondere Aufmerksamkeit erhielt das sogenannte Göttinger Manifest, mit dem sich namhafte deutsche Naturwissenschaftler am 11. April 1957 gegen die militärische Nutzung der Atomenergie aussprachen. Ein Höhepunkt der Bewegung war eine Demonstration von 150.000 Menschen in Hamburg am 17. April 1958. In den Wochen danach ebbte die Mobilisierung stark ab, auch weil die von der SPD angestrebten Volksbefragungen zur Stationierungsfrage politisch und rechtlich scheiterten.

1960 erschienen Presseberichte über Übungen der Bundeswehr auf dem NATO-Schießplatz Bergen-Hohne in Niedersachsen mit dem Raketenwerfer „Honest John“, der nukleare Sprengköpfe tragen konnte. Die Berichte lösten die Welle der Ostermärsche aus.

In den folgenden Jahren gingen regelmäßig Hunderttausende an Ostern auf die Straße. Der Protest weitete sich im Laufe der Zeit auf weitere Themenfelder aus. Neben dem Protest gegen Atomwaffen kamen die Themen „Notstandsgesetze“ und der Widerstand gegen den Vietnamkrieg hinzu. Entsprechend groß war das gesellschaftliche und politische Spektrum der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Die Diskussionen um den NATO-Doppelbeschluss ab 1979 brachten einen neuen Aufschwung für die bundesdeutsche Friedensbewegung.  Höhepunkt war die sogenannte Friedenswoche vom 15. bis 22. Oktober 1983. Es fanden Kundgebungen und Menschenketten an zahlreichen Orten im Bundesgebiet und eine Großdemonstration von 200.000 Menschen im Bonner Hofgarten statt.