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Maschinengeschriebenes Dokument

Begleitschreiben des Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Albert Schnez, zum Zustandsbericht des Heeres 1970, 2. März 1971, Quelle: BArch, BW 2/4870, Image 0592

Die Bundeswehr im gesellschaftlichen Umbruch der 1960er Jahre

Auch die Bundeswehr kann sich dem Einfluss gesellschaftlicher Wandlungsprozesse nicht entziehen – heute wie Ende der 1960er Jahre: Damals sah sie sich mit einer jungen Generation konfrontiert, die mehr Freiheiten und Rechte für sich einforderte. Zugleich polarisierten Ereignisse wie der Vietnamkrieg die öffentliche Meinung stark, insbesondere in Bezug auf Militär und Soldatentum.

„Durch abnehmende Wehrbereitschaft, zunehmende Liberalisierung sowie Ausdehnung des Freiheitsdranges unserer Jugend wurde es schwerer, Disziplin und Ordnung im Soldatenalltag sowie das Verantwortungsbewußtsein gegenüber Waffen und Gerät aufrechtzuerhalten. Die Polarisierung der öffentlichen Meinung über politische Fragen ging auch an der Armee nicht vorüber […].“

Generalleutnant Albert Schnez, Inspekteur des Heeres in einem Begleitschreiben zum Zustandsbericht des Heeres 1970, 2. März 1971

Mit diesen Worten drückte Generalleutnant Albert Schnez, seine Sorge über die innere Verfasstheit des Heeres aus. Als Inspekteur des Heeres sah Schnez die Verteidigungsfähigkeit der vor Luftwaffe und Marine größten Teilstreitkraft der Bundeswehr gefährdet. Mit seiner grundsätzlichen Kritik am gesellschaftlichen Wertewandel hielt Schnez den damaligen Verteidigungsminister Helmut Schmidt und den obersten Soldaten der Bundeswehr und militärischen Berater der Bundesregierung, Generalinspekteur Ulrich de Maiziére in Atem. Denn Schnez‘ Äußerungen stießen in der bundesdeutschen Nachkriegs- und beginnenden Wohlstandsgesellschaft vielfach auf Unverständnis und Ablehnung. Seine konservativen, zum Teil kulturpessimistischen Thesen waren politisch wenig anschlussfähig.

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    Begleitschreiben des Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Albert Schnez, zum Zustandsbericht des Heeres 1970, 2. März 1971 (Seite 1)
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    Begleitschreiben des Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Albert Schnez, zum Zustandsbericht des Heeres 1970, 2. März 1971 (Seite 2)
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    Begleitschreiben des Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Albert Schnez, zum Zustandsbericht des Heeres 1970, 2. März 1971 (Seite 3)
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    Begleitschreiben des Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Albert Schnez, zum Zustandsbericht des Heeres 1970, 2. März 1971 (Seite 4)
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    Begleitschreiben des Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Albert Schnez, zum Zustandsbericht des Heeres 1970, 2. März 1971 (Seite 5)
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    Begleitschreiben des Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Albert Schnez, zum Zustandsbericht des Heeres 1970, 2. März 1971 (Seite 6)

Das Dokument befindet sich im Archivgut mit der Signatur BArch, BW 2/4870. Bei der Akte handelt es sich um Registraturgut der Stabsabteilung IV des Führungsstabes der Streitkräfte im Bundesministerium der Verteidigung. Sie ist Teil einer Abfolge der jährlich in der Zuständigkeit des Generalinspekteurs der Bundeswehr erstellten militärischen Zustandsberichte der Streitkräfte.

Historischer Hintergrund

Zu ihrem 15. Geburtstag 1970 sah sich die Bundeswehr als Teil einer Gesellschaft, die sich seit ihrer Aufstellung stark verändert hatte. Der steigende Wohlstand der Wirtschaftswunderjahre hatte gerade bei vielen jungen Menschen den Wunsch nach einer individuellen, freien Lebensgestaltung verstärkt. Die Aussicht, eine längere Zeit der eigenen, jungen Lebensjahre im Wehrdienst zu verbringen, erzeugte vermehrt Widerspruch und Ablehnung. Die immense nukleare Rüstung der beiden Supermächte USA und Sowjetunion ließ zudem für immer mehr Menschen die Idee einer militärischen Verteidigung absurd erscheinen, da ein allgemeiner Krieg eine vollständige Vernichtung zur Folge gehabt hätte.

Hinzu kam, dass in der jüngeren Generation das Selbsterleben des Zweiten Weltkrieges der biografischen Frage der Beteiligung der eigenen Familie gewichen war. Dies galt auch in Bezug auf die Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen.  All dies führte zunehmend zu einer Abgrenzung der Jungen von der Elterngeneration und staatlicher Obrigkeit.

Als sichtbare Folge dieser tiefgreifenden Veränderungen stieg Anfang der 1970er Jahre die Zahl der Kriegsdienstverweigerungen stark an, die Zahl der Freiwilligen sank auf einen Tiefstand. Immer mehr zum Wehrdienst eingezogene junge Männer entfernten sich unerlaubt von der Truppe. Außerdem kam es vermehrt zu anderen Verstößen gegen die soldatische Ordnung, die auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam beruhte. Als größte Teilstreitkraft der Bundeswehr war das Heer in besonderem Maße von dieser Entwicklung betroffen. Viele Kommandeure warnten vor der Erosion des inneren Gefüges der Truppe.

In dieser Situation veranlasste Verteidigungsminister Gerhard Schröder im Mai 1969 eine Analyse über die innere Lage des Heeres, die Generalleutnant Schnez als oberster Heeressoldat verantwortete. In der Studie attestierte die Führungsspitze des Heeres der eigenen Teilstreitkraft einen überaus kritischen Zustand: In einer zunehmend wehrfeindlichen Gesellschaft, die teilweise offen gegen die Streitkräfte agitiere, könne man mit eigenen Mitteln die Verteidigungsfähigkeit des Landes nicht mehr garantieren.

Die Lösungsvorschläge dieser als „Schnez-Studie“ bekannt gewordenen Analyse gipfelten in der provokanten und zugleich wenig konkreten Forderung nach einer Reform an „Haupt und Gliedern, an Bundeswehr und Gesellschaft“. Die „Schnez-Studie“ gelangte Ende 1969 in Teilen in die Öffentlichkeit. Sie löste innerhalb in Politik, Presse und Bundeswehr zum Teil heftige Diskussionen aus. Manchen Kritikerinnen und Kritikern der Bundeswehr schien damit der Beweis erbracht, dass die Streitkräfte ein Hort von Ewiggestrigen, Generälen mit Nazi-Mentalität und Kommissmethoden waren. Helmut Schmidt, seit Oktober 1969 Verteidigungsminister, stieß im Frühjahr 1970 eine umfassende Bestandsaufnahme der Bundeswehr an.

Das hier präsentierte Dokument beleuchtet schlaglichtartig die spannungsgeladene Zeit des Generationenwechsels in der Bundeswehr Anfang der 1970er Jahre. Die kriegsgeprägte Aufbaugeneration schied aus Altersgründen aus. Die nun folgenden jüngeren Soldatenjahrgänge brachten ein breiteres Meinungsbild über den Beruf des Soldaten und seine Position in der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft der Bundesrepublik ein. Die im Dezember 1969 in die Presse getragenen Thesen der „Leutnante 70“  sowie die öffentlichen Äußerungen der sogenannten „Hauptleute von Unna“ 1970/71 liefern anschauliche Beispiele.

Portraitfoto von Generalleutnant Albert Schnez in Uniform
Portrait von Generalleutnant Albert Schnez, Inspekteur des Heeres, 1969Quelle: Bundeswehr / BMVg