Mit diesen Worten drückte Generalleutnant Albert Schnez, seine Sorge über die innere Verfasstheit des Heeres aus. Als Inspekteur des Heeres sah Schnez die Verteidigungsfähigkeit der vor Luftwaffe und Marine größten Teilstreitkraft der Bundeswehr gefährdet. Mit seiner grundsätzlichen Kritik am gesellschaftlichen Wertewandel hielt Schnez den damaligen Verteidigungsminister Helmut Schmidt und den obersten Soldaten der Bundeswehr und militärischen Berater der Bundesregierung, Generalinspekteur Ulrich de Maiziére in Atem. Denn Schnez‘ Äußerungen stießen in der bundesdeutschen Nachkriegs- und beginnenden Wohlstandsgesellschaft vielfach auf Unverständnis und Ablehnung. Seine konservativen, zum Teil kulturpessimistischen Thesen waren politisch wenig anschlussfähig.
Das Dokument befindet sich im Archivgut mit der Signatur BArch, BW 2/4870. Bei der Akte handelt es sich um Registraturgut der Stabsabteilung IV des Führungsstabes der Streitkräfte im Bundesministerium der Verteidigung. Sie ist Teil einer Abfolge der jährlich in der Zuständigkeit des Generalinspekteurs der Bundeswehr erstellten militärischen Zustandsberichte der Streitkräfte.
Historischer Hintergrund
Zu ihrem 15. Geburtstag 1970 sah sich die Bundeswehr als Teil einer Gesellschaft, die sich seit ihrer Aufstellung stark verändert hatte. Der steigende Wohlstand der Wirtschaftswunderjahre hatte gerade bei vielen jungen Menschen den Wunsch nach einer individuellen, freien Lebensgestaltung verstärkt. Die Aussicht, eine längere Zeit der eigenen, jungen Lebensjahre im Wehrdienst zu verbringen, erzeugte vermehrt Widerspruch und Ablehnung. Die immense nukleare Rüstung der beiden Supermächte USA und Sowjetunion ließ zudem für immer mehr Menschen die Idee einer militärischen Verteidigung absurd erscheinen, da ein allgemeiner Krieg eine vollständige Vernichtung zur Folge gehabt hätte.
Hinzu kam, dass in der jüngeren Generation das Selbsterleben des Zweiten Weltkrieges der biografischen Frage der Beteiligung der eigenen Familie gewichen war. Dies galt auch in Bezug auf die Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen. All dies führte zunehmend zu einer Abgrenzung der Jungen von der Elterngeneration und staatlicher Obrigkeit.
Als sichtbare Folge dieser tiefgreifenden Veränderungen stieg Anfang der 1970er Jahre die Zahl der Kriegsdienstverweigerungen stark an, die Zahl der Freiwilligen sank auf einen Tiefstand. Immer mehr zum Wehrdienst eingezogene junge Männer entfernten sich unerlaubt von der Truppe. Außerdem kam es vermehrt zu anderen Verstößen gegen die soldatische Ordnung, die auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam beruhte. Als größte Teilstreitkraft der Bundeswehr war das Heer in besonderem Maße von dieser Entwicklung betroffen. Viele Kommandeure warnten vor der Erosion des inneren Gefüges der Truppe.