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Ergebnisprotokoll über eine Besprechung mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß zu Sofortmaßnahmen im Nachgang des Iller-Unglücks und weiterer schwerer Vorfälle in der Bundeswehr, 2. Juli 1957, Quelle: BArch, BW 2/2572, Image 0053

Tragischer Unfall oder Organisationsversagen?

Am 3. Juni 1957 ertranken 15 Wehrdienstleistende bei dem Versuch, den Fluss Iller zu durchqueren. Die Bundesregierung bemühte sich daraufhin, den Vorwurf des Organisationsversagens zu entkräften. Der Vorfall gilt als größte Tragödie der jungen Bundeswehr.

Auf Befehl ihres Vorgesetzten sollten Rekruten des Luftlande-Jäger-Bataillons 19 am 3. Juni 1957 den Fluss Iller nahe Kempten durchqueren. Die Aktion erfolgte im Rahmen der militärischen Grundausbildung. Die Iller führte zu diesem Zeitpunkt Hochwasser, und die starke Strömung riss die Soldaten mit sich. Die Rettungsversuche von Vorgesetzten und Kameraden blieben erfolglos, 15 Soldaten ertranken.

Verteidigungsminister Franz Josef Strauß setze daraufhin eine Untersuchungskommission ein. Das folgende Strafverfahren vor dem Landgericht Kempten gegen drei beschuldigte Vorgesetzte deckte Mängel bei der Dienst- und Fachaufsicht auf. Auch hatten die Soldaten einem Befehl, der die Durchquerung des Flusses verbat, nicht Folge geleistet.

In der Folge ordnete Verteidigungsminister Strauß an, die Soldaten für eine korrekte und eindeutige Befehlsgebung, das korrekte Befolgen erteilter Befehle sowie die unbedingte Beachtung von Rechtsvorschriften zu sensibilisieren. Ziel war es, die Sicherheit der Soldaten zu gewährleisten.

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    Ergebnisprotokoll über eine Besprechung mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß zu Sofortmaßnahmen im Nachgang des Iller-Unglücks und weiterer schwerer Vorfälle in der Bundeswehr, 2. Juli 1957 (Seite 1)
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    Ergebnisprotokoll über eine Besprechung mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß zu Sofortmaßnahmen im Nachgang des Iller-Unglücks und weiterer schwerer Vorfälle in der Bundeswehr, 2. Juli 1957 (Seite 2)
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    Ergebnisprotokoll über eine Besprechung mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß zu Sofortmaßnahmen im Nachgang des Iller-Unglücks und weiterer schwerer Vorfälle in der Bundeswehr, 2. Juli 1957 (Seite 3)
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    Ergebnisprotokoll über eine Besprechung mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß zu Sofortmaßnahmen im Nachgang des Iller-Unglücks und weiterer schwerer Vorfälle in der Bundeswehr, 2. Juli 1957 (Seite 4)
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    Ergebnisprotokoll über eine Besprechung mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß zu Sofortmaßnahmen im Nachgang des Iller-Unglücks und weiterer schwerer Vorfälle in der Bundeswehr, 2. Juli 1957 (Seite 5)

Das präsentierte Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, BW 2/2572. Diese Akte aus dem Führungsstab der Bundeswehr im Bundesministerium der Verteidigung enthält die ressortinternen Ermittlungsergebnisse zum Ablauf und zu den Ursachen des Iller-Unglücks. In den Unterlagen ist auch der Bericht eines Referenten des Ministeriums abgelegt, der dem Strafprozess vor dem Landgericht Kempten als Beobachter beiwohnte.

Historischer Hintergrund

Die Gründe für das Iller-Unglück waren eine Verkettung unglücklicher Umstände, das Versagen einzelner Vorgesetzter und strukturelle Defizite der jungen Bundeswehr. Insbesondere die unteren militärischen Führungsränge waren mit Personal besetzt, das zum Teil nicht ausreichend ausgebildet bzw. für die Führung junger Rekruten ungeeignet war.

In Teilen von Politik und Öffentlichkeit der jungen Bundesrepublik stieß der Wiederbewaffnungskurs der Regierung Adenauer auf Kritik. Erst kurz vor dem Unglück hatten die ersten Wehrpflichtigen ihren Dienst bei der Bundeswehr angetreten.

Die Bundesregierung versuchte, negative Nachrichten über die Aufstellung und den Aufbau der Bundeswehr sorgsam zu vermeiden. Sie trat dem Vorwurf eines Organisationsversagens als Ursache für das Unglück offensiv entgegen. In der Kabinettssitzung der Bundesregierung am 12. Juni 1957 gab Bundeskanzler Konrad Adenauer eine Erklärung ab: Es müsse der Anschein vermieden werden, den gewisse Zeitungen zu erwecken versuchen, als ob das Unglück auf Fehlern des militärischen oder politischen Systems beruhe. Es müsse, was nach den bisherigen Feststellungen klar zu sein scheine, herausgestellt werden, dass nicht das System, sondern die Schuld eines Einzelnen oder mehrerer Einzelner zu der Katastrophe geführt hätte. Adenauer weiter: In der Öffentlichkeit werde versucht, die angeblich fehlerhafte Struktur der neuen Bundeswehr mit dem tragischen Ereignis in Verbindung zu bringen.

Verteidigungsminister Strauß trat am 26. Juni 1957 im Deutschen Bundestag zwei in der Öffentlichkeit erhobenen Vorwürfen entgegen: die Bundeswehr werde zu schnell aufgebaut und Defizite beim Ausbildungspersonal würden die Sicherheit der Wehrpflichtigen gefährden. Das hier gezeigte Dokument belegt aber auch, dass er als unmittelbare Reaktion auf das Unglück, anwies, „Gefahrenkunde“ als festen Bestandteil in die militärische Ausbildung in der Bundeswehr aufzunehmen.