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Tarnschrift „Lernen Sie das schöne Deutschland kennen“

Tarnschrift „Lernen Sie das schöne Deutschland kennen“, Quelle: BArch, R 58/4035, Image 0044

Bei einer Olympia-Reisegesellschaft aufgefundene Tarnschrift „Lernen Sie das schöne Deutschland kennen“

Am 31. Juli 1936 zogen Zollbeamte an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze in einem Personenzug Richtung Berlin ein kleines Buch ein. Der Titel: „Lernen Sie das schöne Deutschland kennen“. Was auf den ersten Blick wie ein Reiseführer aussah, war in Wirklichkeit eine Tarnschrift, die über die Verbrechen des NS-Regimes aufklärte.

  • Tarnschrift „Lernen Sie das schöne Deutschland kennen“
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  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Abschrift für den Reichsminister der Finanzen vom Reichsführer SS und dem Chef der Deutschen Polizei über den Fund von „Hetzschriften“ bei einer Reisegesellschaft in einem Personenzug Richtung Berlin (3. August 1936)

Information zum Dokument

Am 31. Juli 1936 zogen Beamte des Zollamts Bodenbach (heute Podmokly in Böhmen) mehrere Exemplare eines dünnen Buches mit dem Titel „Lernen Sie das schöne Deutschland kennen“ ein. Die Zollbeamten hatten die Bücher bei einer „Reisegesellschaft“ von 300 Personen entdeckt, die mit dem Zug auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Berlin war. Was von außen wie ein harmloser Reiseführer aussah, entpuppte sich beim genaueren Hinsehen als Tarnschrift: Das Buch beinhaltete keine Reisetipps für Olympiagäste, sondern klärte über die Verbrechen des NS-Regimes auf. Zudem zeigte es die Standorte von Konzentrationslagern und militärischen Stützpunkten im Deutschen Reich. Die Zollbeamten meldeten diese „Schmäh- und Hetzartikel“ gleich der Gestapo.

Das Heft mit dem vollen Titel „Lernen Sie das schöne Deutschland kennen! Ein Reiseführer, unentbehrlich für jeden Besucher der Olympischen Spiele zu Berlin“ enthält (aufgeteilt nach Regionen) Erläuterungen zu den Verbrechen der Nationalsozialisten in Deutschland. Neben den Texten sind zahlreiche Abbildungen zu sehen. Diese zeigen u. a. touristische Orte sowie Zugstrecken mit wichtigen Städten, die Reisende Richtung Berlin passierten. Die in Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits verbotene KPD hatte die Tarnschrift in Prag durch Paul Prokop produzieren lassen. Prokop war ein in die Tschechoslowakei emigrierter Deutscher.

Im Zentrum des Heftes steht auch eine detaillierte Karte mit dem Titel „Übersichtskarte über die Sehenswürdigkeiten für den Olympiafahrer in Deutschland“. Ein Titel, der ebenfalls eine Tarnung ist. Tatsächlich zeigt die Karte Standorte von Konzentrationslagern, Strafanstalten und Gerichtsgefängnissen in Deutschland. Erstmals war die Karte in der Dokumentationsschrift „Das deutsche Volk klagt an“ erschienen, die der emigrierte deutsche Journalist Maximilian Scheer 1936 herausgebracht hatte. Scheer hatte darin Belege nationalsozialistischer Verbrechen gegen politische Gegner gesammelt. Die Tarnschrift aus dem Zug enthält neben Scheers Karte eine Werbeanzeige für sein Buch.

Ob der Fund der Hefte im Zug Richtung Berlin für die Reisenden Konsequenzen hatte, ist nicht in den Akten überliefert.

Das Olympiajahr 1936: Eine Chronologie

1936 blickte die Welt nach Deutschland: Vom 6. bis 16. Februar war Garmisch-Partenkirchen Austragungsort der Olympischen Winterspiele; die Sommerspiele richtete die Reichshauptstadt Berlin vom 1. bis 16. August aus. Das nationalsozialistische Regime erkannte die Möglichkeiten, die das Großereignis für seine Propaganda bot: Der deutsche NS-Staat konnte sich auf der Weltbühne als friedliebende Nation präsentieren – obwohl er Jüdinnen, Juden und Andersdenkende verfolgte, die ersten Konzentrationslager errichtete und heimlich für einen Krieg aufrüstete.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Chronologie zum Olympiajahr 1936. Darin finden Sie zahlreiche Beiträge zum Verlauf der Olympischen Winter- und Sommerspiele 1936 sowie zu weiteren Ereignissen des Jahres 1936 mit einer Auswahl an Archivgut aus dem Bundesarchiv.

  • Siegerehrung im modernen Fünfkampf bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin
    Themenseite

    Olympia 1936 im nationalsozialistischen Deutschland

    1936 fanden die Olympischen Winter- und Sommerspiele in Deutschland statt – und damit das größte Sportereignis der Welt. Die Nationalsozialisten nutzten es für ihre Propaganda. Zum 90. Jahrestag der Spiele präsentiert das Bundesarchiv Archivalien aus dem Olympiajahr 1936.