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Reichsführer-SS Heinrich Himmler besucht das Grab von König Heinrich I. in Quedlinburg.

Heinrich Himmler in Quedlinburg, 1936, Quelle: BArch, Bild 183-S16571 / Spahn

Das Ahnenerbe der SS – Himmlers „Geisteselite“

Findbuch zum Bestand NS 21 Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Das Ahnenerbe“ jetzt online zugänglich

  • Emblem des "Ahnenerbes" mit einer Irminsäule vor stilisiertem Himmel und SS-Runen
    Emblem des „Ahnenerbes“
  • Reichsführer-SS Heinrich Himmler besucht das Grab von König Heinrich I. in Quedlinburg.
    Himmler in Quedlinburg
  • Eintrittskarten und Postkarten für die Externsteine in Detmold 1936
    Postkarte mit Eintrittskarte zu den Externsteinen
  • Kurator des "Ahnenerbes" Walther Wüst während eines Vortrags in München
    Kurator des „Ahnenerbes“ Walther Wüst während eines Vortrags
  • Porträtfotos von Reichsgeschäftsführer Wolfram Sievers
    Reichsgeschäftsführer Wolfram Sievers
  • Kurzbiografie von Herman Wirth 1936
    Ehrenpräsident Herman Wirth
  • Sonderauftrag Himmlers zum Nachweis einer germanischen Ursprungskultur, aus der die griechisch-römische Kultur hervorgegangen sei
    „Klassische“ Altertumswissenschaft
  • Schreiben Walther Wüsts zu zwei Sonderforschungsaufträgen zu Helgoland und zum Geschlechtsverkehr der Germanen
    Helgoland und Geschlechtsverkehr bei den Germanen
  • Forschungsauftrag Himmlers zur Aufstellung einer SS-Einheit mit griechischem Profil 1942
    SS mit griechischem Profil
  • Schreiben Himmlers zur Propaganda-Zeitschrift Hamer 1943
    Germanischer Wissenschaftseinsatz
  • Schreiben des Kurators für das Ahnenerbe Wüst an den Stab-Reichsführer SS Brandt
    „Hitlers Licht-Charisma im Koran“
  • Rückseite des Schreibens von Kurator Wüst zum göttlichen Licht-Charisma Adolf Hitlers
    Rückseite „Hitlers Licht-Charisma im Koran“
  • Deckblatt der Zeitschrift "Germanen" von 1939
    „Monatshefte für Germanenkunde zur Erkenntnis des deutschen Wesens“
  • Liste mit Forschungsaufträgen des Ahnenerbe-Projektes
    „Gemeinschaftswerk Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte“
  • Vermerk über ein Treffen Sven Hedins mit Mitarbeitern des "Ahnenerbes" zur Umbenennung der Lehr- und Forschungsstätte für Innerasien und Expeditionen (Leiter Ernst Schäfer) als "Reichsinstitut Sven Hedin"
    Vermerk über ein Treffen Sven Hedins mit Mitarbeitern des „Ahnenerbes“
  • Dankschreiben des Asienforschers Sven Hedin an Himmler vom 14. Juni 1942
    Dankschreiben des Asienforschers Sven Hedin an Himmler vom 14. Juni 1942
  • Bruno Beger in Tibet (1938/1939)
    Bruno Beger in Tibet (1938/1939)
  • Abrechnung zur Genealogie von Heinrich Himmler
    Genealogie im Auftrag Himmlers
  • Deckblatt zur Festschrift der vom "Ahnenerbe" mit dem Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung veranstalteten "Salzburger Wissenschaftswochen"
    Salzburger Wissenschaftswochen
  • Vermerk zur Katalogisierung prähistorischer Funde in Südrussland 1943
    Erfassung von Kulturgut in Südrussland
  • Schreiben Himmlers an den Arzt Sigmund Rascher zu Menschenversuchen im Konzentrationslager
    Menschenversuche der SS
  • Telegramm des Reichsgeschäftsführers Sievers an Sigmund Rascher über eine geplante Besprechung Generalfeldmarschall Milchs mit Himmler zu den Dachauer Versuchen, 27. Apr. 1942
    Beteiligung der Luftwaffe an den Höhenversuchen Raschers
  • Grundriss eines Gebäudes zur Ausstellung von Schädeln ermordeter Häfttlinge 1942
    Schädelsammlung und Kampfstoffversuche
  • Vermerk Reichsgeschäftsführer Sievers zur Umerziehung norwegischer Studenten durch das "Ahnenerbe", 21. März 1944
    „Umerziehung“ norwegischer Studenten in Buchenwald

Hintergrundinformationen

Die Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Das Ahnenerbe“ wurde am 1. Juli 1935 als privater Verein insbesondere auf Anregung Himmlers und Herman Wirths errichtet. Ihre institutionellen Grundlagen waren Herman Wirths „Gesellschaft für Geistesurgeschichte“ und dessen Sammlung für „Volksbrauchtum und Urglauben“. Das „Deutsche Ahnenerbe, Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte“ sollte den „wissenschaftlichen“ Beweis für die Überlegenheit des deutschen „Ariers“ durch Forschungen – insbesondere zur germanischen Vorgeschichte – erbringen. Zu Beginn seiner Tätigkeit war der Verein auch als „weltanschaulich-wissenschaftliches Schulungsorgan für die SS“ gedacht. Zeit seines Bestehens war das „Ahnenerbe“ wissenschaftliches Zentrum der NS-Ideologie und nicht – trotz wiederholter Beteuerungen seiner Führer und Abteilungsleiter sowie Himmlers – an den Grundsätzen bewährter sachlicher Wissenschaftlichkeit orientiert. Das wirkte sich unmittelbar auf jedes Forschungsprojekt aus, das das „Ahnenerbe“ vergab oder selbst organisierte. So war beispielsweise die „Forschungsstätte für Geophysik“ mit der Verteidigung und „wissenschaftlichen“ Grundlegung der „Welteislehre“ Hanns Hörbigers beauftragt.

Wirtschaftlich wurde der Verein zu Beginn seiner Tätigkeit v. a. vom Reichsnährstand getragen. Ab 1936 übernahm die Deutsche Forschungsgemeinschaft (Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft) den Großteil der Finanzierung, die um Mittel aus dem SS-Etat und Spendengelder erweitert werden konnte. Bruno Galke, Leiter der Abteilung für wirtschaftliche Hilfe im Persönlichen Stab Reichsführer-SS, verwaltete im „Ahnenerbe“ als „Sonderbeauftragter des Reichsführers“ die Zuschüsse aus dem SS-Etat. Seit 1937 war das „Ahnenerbe“ wirtschaftlich dem späteren „SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt“ unterstellt. Die Gründung einer eigenen „Ahnenerbe-Stiftung“ sollte die „Forschungsgemeinschaft“ finanziell unabhängiger machen.

1937 erhielt der Verein eine neue Satzung und wurde in „Das Ahnenerbe e.V.“ umbenannt. Dieser sollte jetzt nicht nur für den deutschen Raum, sondern für das  gesamte Indogermanentum Forschungen betreiben. Himmler wurde neuer „Kurator“ des Vereins, was insbesondere den Einfluss des Reichsnährstandes weitgehend beschränkte. Der Kurator war zu Satzungsänderungen berechtigt, mit dem Reichsführer-SS identisch und übte die Aufsicht über das „Ahnenerbe“ aus, das formell durch einen Präsidenten geführt wurde. Diese Stelle besetzte der spätere Rektor der Universität München Walther Wüst. Die laufenden Geschäfte, insbesondere die gesamte Organisation und die personelle Führung, übernahm Wolfram Sievers als Reichsgeschäftsführer. Sievers war bereits seit 1935 Generalsekretär  der „Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte“. Die Satzung von 1937 legte folgende Ziele fest:

  1. Raum, Geist und Tat des nordischen Indogermanentums zu erforschen
  2. Die Forschungsergebnisse lebendig zu gestalten und dem deutschen Volke zu vermitteln
  3. Jeden Volksgenossen aufzurufen, hierbei mitzuwirken

Das „Ahnenerbe“ bestand bei seiner Gründung aus 5 Forschungsstätten:

  • Pflegstätte für Sinnbildkunde (Sammlung Hermann Wirth)
  • Pflegstätte für Wortkunde (Walther Wüst)
  • Pflegstätte für Germanenkunde (Wilhelm Teudt)
  • Pflegstätte für indogermanisch-finnische Kulturbeziehung (Yrjö von Grönhagen)
  • Pflegstätte für Märchen- und Sagenkunde (Otto Plassmann)

Die Gründung neuer Abteilungen des „Ahnenerbes“ konnte auf einen Einfall Himmlers bzw. der „Ahnenerbe“-Führung, aber auch auf „Gleichschaltung“ oder Enteignung zurückgehen. Die Abteilungen, Lehr- und Forschungsstätten waren dezentralisiert. Zwar befand sich die Reichsgeschäftsstelle offiziell in Berlin, ein Großteil der Institute hingegen war über das Reichsgebiet verstreut. Bis zum Kriegsende im Mai 1945 umfasste das „Ahnenerbe“ bis zu 45 „Forschungsstätten“. Einige der wichtigsten waren:

Lehr- und Forschungsstätte Ausgrabungen

  • Forschungsstätte für Germanenkunde
  • Forschungsstätte für Hausmarken und Sippenzeichen
  • Lehr- und Forschungsstätte für Volkserzählung, Märchen- und Sagenkunde (Zentralarchiv der deutschen Volkserzählung)
  • Lehr- und Forschungsstätte für indogermanisch-arische Sprach- und Kulturwissenschaft
  • Lehr- und Forschungsstätte für Innerasien und Expeditionen (Reichsinstitut Sven Hedin)
  • Forschungsstätte für Geophysik (Welteislehre)
  • Forschungsstätte für Karst- und Höhlenkunde (Reichsverband der Höhlenforscher)
  • Forschungsstätte für naturwissenschaftliche Vorgeschichte (Laboratorium für Pollenanalyse)
  • Forschungsstätte für Biologie (Reichsbund für Biologie)
  • Forschungsstätte für indogermanisch-finnische Kulturbeziehungen

Seit 1940 war das „Ahnenerbe“ als Amt A Teil des Persönlichen Stabs Reichsführer-SS. Als institutionelle Besonderheit war dem „Ahnenerbe“ das Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung, dessen Direktor Reichsgeschäftsführer Sievers in Personalunion war, unterstellt. Dieses Institut wurde 1942 offiziell eingerichtet. Unter dem Deckmantel des militärischen Nutzens führte dieses Institut Versuche an Menschen, insbesondere an Häftlingen von Konzentrationslagern, durch. Initiatoren waren Himmler und die Leitung des „Ahnenerbes“.

Zudem beauftragte Himmler „seine“ Forschungsgemeinschaft mit weiteren „Sonderaufträgen“. Das waren meist Themen, die ihm gerade einfielen oder durch die er nach Gesprächen mit Hitler angeregt wurde. Beispiele dafür sind die Goldsuche in deutschen Flüssen, das germanische „System der Geburtenregelung“, urväterliche Naturheilkunst, die Zucht eines „winterharten Ostpferdes“ oder die „Umerziehung“ norwegischer Studenten im Konzentrationslager Buchenwald.

Nach der Zunahme der Luftangriffe auf Berlin verlagerte Sievers im August 1943 die Reichsgeschäftsstelle des „Ahnenerbes“ in das fränkische Waischenfeld. Am 14. April 1945 befreiten amerikanische Truppen Waischenfeld. In den Nürnberger Prozessen wurde Wolfram Sievers zum Tod verurteilt und hingerichtet, Walther Wüst „als minderbelastet entnazifiziert“.

Der Bestand NS 21 enthält im Wesentlichen die Überlieferung der zentralen  Reichsgeschäftsstelle (Berlin/Waischenfeld) des „Ahnenerbes“, teilweise auch die Korrespondenz einzelner „Lehr- und Forschungsstätten“. Damit spiegelt der Bestand fast sämtliche Projekte und Tätigkeiten der „Forschungs- und Lehrgemeinschaft“ sowohl im Reichsgebiet als auch in den besetzten Gebieten seit ihrer Gründung wieder. Der Bestand enthält nicht die Überlieferung sämtlicher Lehr- und Forschungsstätten, sondern lediglich einen Teil der ursprünglich vorhandenen Überlieferung.

Claudia Schmidt, Sven Devantier