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[Handschriftliche Ergänzung: Div. Kmor Tub. 177]  Artillerie-Regiment 156 Ia  Rgt. St. Qu., 19.11.1941  [Stempel: Rdo. 56. Inf. Div. Eing. 19. November 1941 Br. B. Nr. [Auslassung] Anl. [Auslassung] Bearb. Nr. [Handschriftliche Ergänzung: Ia [Kürzel: L.]]]  Der 56. Infanterie-Division  Anliegend wird der Bericht des Kommandeurs der I./A. R. 156 über die für den 25.10.1941 angeordneten Vergeltungsmaßnahmen im Orte P. Chozum südostw. Briansk, vorgelegt. [Kürzel: [unleserlich]]  [Unterschrift: Strecker]  2 Anlagen

Anschreiben vom 19. November 1941 zum überarbeiteten (zweiten) Bericht des Kommandeurs der I. Abteilung des Regiments, Quelle: BArch, RH 26-56/21b

Der Kindermord von Chozum – Deutsche Soldaten im Abgrund

In den Anlagen des Kriegstagebuchs der 56. Infanterie-Division überliefern eine Handvoll Dokumente ein schweres Verbrechen – geradezu „nebenbei“ begangen und als bedauerliche Notwendigkeit dargestellt.

  • Artillerie-Regiment 156 Ia  Rgt. St. Qu., 10.11.1941  [Stempel: Rdo. 56. Inf. Div. Eing. 10. November 1941 Br. B. Nr. [Auslassung] Bearb. Nr. [Handschriftliche Ergänzung: Ia [Kürzel: Lpr.]]]  Der 56. Infanterie-Division  Anliegend wird der Bericht des Kommandeurs der I./A. R. 156 über die für den 25.10.1941 angeordneten Vergeltungsmaßnahmen im Orte P. Chozum südostwärts Briansk, vorgelegt. [Kürzel: [unleserlich]]  [Unterschrift: Strecker]  Anlage  [Handschriftliche Ergänzung: 56. Id. 10.11.1941 Ich bitte den Bericht der I. Abteilung noch dahingehend ergänzen zu lassen, wieviel Einwohner auf Befehl des Oberleutnants]
    Anschreiben des Ia, des mit Führung und Ausbildung betrauten 1. Generalstabsoffiziers des Artillerie-Regiments 156, vom 10. November 1941 zu einem Bericht des Kommandeurs der I. Abteilung des Regiments an die vorgesetzte 56. Infanterie-Division, unterschrieben vom Regiments-Kommandeur Oberst Wilhelm Strecker.
  • [Handschriftliche Notiz: Eilemann erschossen wurden und zwar getrennt Zahl der Männer, Frauen, Kinder. Ferner ist die Erschießung d. Frauen und Kinder so zu begründen, daß die Notwendigkeit dieser Maßnahme ganz klar. z. Ausdruck kommt. Nach der mdl. Darstellung, die Hptm Fr. u. Oblt. E mir kurz nach dem 24.10.1941 gaben, mußten d. Kinder mit erschossen werden, weil durch die [durchgestrichen: ß] Strafmaßnahme das ganze Dorf entvölkert wurde. Nach der Skizze scheinen aber nur die Bewohner der Nordhälfte des Dorfes erschossen worden zu sein. [Unterschrift: v. Oven]  An den Herrn Kdr. des Att. [unleserlich, Abkürzung aufgelöst zu: Artillerie-Regiments]
    Die Rückseite des Anschreibens vom 10. November mit der Fortsetzung des Vermerks von Generalmajor v. Oven.
  • [Handschriftliche Ergänzung: Div. Kmor Tub. 177]  Artillerie-Regiment 156 Ia  Rgt. St. Qu., 19.11.1941  [Stempel: Rdo. 56. Inf. Div. Eing. 19. November 1941 Br. B. Nr. [Auslassung] Anl. [Auslassung] Bearb. Nr. [Handschriftliche Ergänzung: Ia [Kürzel: L.]]]  Der 56. Infanterie-Division  Anliegend wird der Bericht des Kommandeurs der I./A. R. 156 über die für den 25.10.1941 angeordneten Vergeltungsmaßnahmen im Orte P. Chozum südostw. Briansk, vorgelegt. [Kürzel: [unleserlich]]  [Unterschrift: Strecker]  2 Anlagen
    Dem Anschreiben vom 10. November folgt das spätere Anschreiben vom 19. November 1941 zum überarbeiteten (zweiten) Bericht des Kommandeurs der I. Abteilung des Regiments, unterschrieben wieder vom Regiments-Kommandeur Oberst Wilhelm Strecker.
  • I./ A.R.156 O. U., den 15.11.1941  Dem Artillerie-Regiment 156.  Am 24.10.1941 hatte jede Batterie der Abt., den Auftrag, mit einem Reiterspähtrupp die Umgegend der Unterkunft abzusuchen. Dabei stiess der Spähtrupp der 3. Battr., der von Wachtm. Jokisch mit 5 Reitern durchgeführt wurde, auf Gegner und wurde in ein Feuergefecht verwickelt. Der Spähtrupp kehrte ohne 3 Mann und 6 Pferde zurück.  Wm. Jokisch meldet hierzu: "Ich ritt mit meinem Spähtrupp auf dem in anliegender Skizze bezeichneten Weg und wurde an dem mit 1. bezeichneten Punkt das erste Mal angeschossen. Die Schussrichtung war von rechts aus einem ca 250 m entfernten Waldrand mit einem Haus. Bis zu dieser Zeit hatte ich einen russ. Soldaten und 19 Zivilisten, die ihrem Aussehen nach Soldaten gewesen waren, aufgesammelt. Da ich von einem Gegner nichts feststellen konnte, liess ich einige Warnschüsse abgeben und ritt weiter. Kurz darauf machten wir 3 russ. Soldaten zu Gefangenen, die in einem Haus, das noch von Zivilisten bewohnt war, ihre Waffen versteckt hatten. Meine Absicht war, über den mit - - - - - bezeichneten Weg die Gefangenen gleich bei der Sammelstelle abzuliefern. Um unsere Pferde zu schonen, liess ich diese innerhalb des Gefangenenzuges führen. Ich selbst befand mich am Anfang der Kolonne. Bei Pkt. 2., gegen 15.3° Uhr, sprangen 4 russ. Soldaten aus einem. Haus und liefen in den angrenzenden Wald. Der neben mir marschierende Gefr. Soukup schoss sofort auf diese Leute. Gleich darauf fielen aus dem Walde einige Schüsse. Meine Gefangenen warfen sich zu Boden. Nun setzte ziemlich gleichzeitig aus drei Richtungen, aus Häusern und Buschwerk, starkes Gewehrfeuer ein. Dazwischen war auch M.Pi.- u. M.G.-Feuer. Vom Gegner war nichts zu sehen. Plötzlich stürmten etwa 40 russ. Soldaten und Zivilisten unter lautem Hurräh-Schreien aus dem Walde und aus den Häusern, worauf wir zurückgingen und Deckung hinter einem Haus suchten. In meiner Nähe war nur der Gefr. Soukup, von meinen Übrigen Leuten konnte ich -nichts mehr sehen und hören. Ich zog mich mit Soukup in ein anschliessendes Hanffeld zurück, wobei immer noch Schüsse auf uns, besonders aus den Häusern fielen. Nach Zurückziehen durch das Hanffeld erreichte ich mit S. einen 300 m entfernten Waldrand. Dort fand sich der Kan. Herrmann zu uns. Ca. 20 russ. Soldaten und Zivilisten verfolgten uns weiter, sodass wir, da wir keine Munition mehr hatten, uns weiter zurückziehen mussten. Im Wald warteten wir noch ca. eine Stunde auf die übrigen Leute, welche aber nicht mehr nachkamen. Es war inzwischen gegen 16:30 Uhr geworden. Um möglichst bald Meldung erstatten zu können, ging ich mit Hilfe meines Kompasses mit den zwei Mann zur Rollbahn. Dort traf ich einen Leutnant von J.R.234 und meldete ihm den Vorfall. Ich selbst fuhr mit meinen
    Bericht der I. Abteilung des Artillerie-Regiments 156 vom 15. November 1941, unterzeichnet von Hauptmann Theodor Friedmann, dem Kommandeur der I. Abteilung
  • Leuten mit einem vorbeikommenden Kraftwagen ins Quartier und erstattete Meldung. Ich traf bei der Batterie gegen 20:00 Uhr ein."  Auf meinen Befehl rückten am 25.10.1941, gegen 01:00 Uhr 3 Trupps in Stärke von je 60 Mann ab.  Führer:	Oberleutnant Eilemann, Leutnant Höfel, Oberwachtmeister Gläser.  Auftrag: Suchen und Einholen der 3 Battr.-Angehörigen, Durchsuchung des Ortes, Festnahme sämtlicher Personen und Erschiessen derselben. Auf dem Wege zum Tatplatz fand der Trupp Höfel bei Pkt. 3 13 gesattelte Kosakenpferde mit 2 Mann Wache. Die Wache sagte aus, dass die Übrigen ostwärts gegangen wären. Die beiden Soldaten wurden mitgenommen, die Umgebung untersucht, die Pferde bei der ca 600 m entfernten Mun.-Wache an der Rollbahn abgestellt. Der Trupp Höfel marschierte weiter auf das Dorf Chozum. Das Dorf ist keine geschlossene Siedlung. Die Siedlung ist in eine nördliche und südliche Hälfte geteilt, von denen jeder Teil als selbständiger Ort bezeichnet werden kann.  Der Trupp Eilemann säuberte den südlichen Dorfabschnitt und fand bei Pkt. 2 die 3 am Vortage Vermissten. Alle drei waren ermordet. Es konnte festgestellt werden, dass einer davon verwundet gewesen war, während die beiden anderen und der Verwundete je einen Kopfdurchschuss aus nächster Entfernung hatten. Den 3 Toten waren die Stiefel und Strumpfe ausgezogen, einem fehlte dazu noch die Hose und der Mantel. Wertgegenstände und Geld waren geraubt. Es wurden noch mehrere Soldaten festgenommen, die sich in den Häusern aufhielten. Beim Durchsuchen der Häuser musste weiter festgestellt werden, dass ein Grossteil der Frauen Waffen und Munition versteckt hielten. Dieses Art von Flintenweibern versuchte durch unverständige Gebärden unsere Männer von den Verstecken abzulenken und führte sie in jene Räume, wo keine Waffen versteckt waren. Die in den Häusern verborgenen Waffen und Munition wurden vernichtet.  Die vom Trupp Höfel im nördlichen Ortsteil festgenommenen Bewohner wurden, da es sich herausstellte, dass sie an dem Überfall nicht beteiligt waren, wieder frei gelassen. In deren Häusern waren auch keine Waffen vorgefunden worden. Während der Trupp Eilemann den südlichen Ortsteil abschirmte und die Umgebung säuberte, erhielt Lt. Höfel von Oblt. Eilemann den Auftrag, die Einwohner, da sie den Angriff am Vortag mit unterstützt und auch noch am Tage selbst Waffen verborgen hielten, zu erschiessen. 	~ Es wurden erschossen: 68 Männer, 60 Frauen.  Da ein Grossteil der Kinder ein Durchschnittsalter von 2-10 Jahren hatte, wollte man sie sich nicht selbst überlassen. Aus diesem Grunde wurden alle Kinder erschossen. Es waren 60 an der Zahl. Zu bemerken ist, dass anliegende Skizze mit den tatsächlichen Ortsverhältnissen und der Karte nicht genau in Einklang zu bringen ist.  [Handschriftliche Ergänzung: [unleserlich] Ich billige das Verhalten der I. Abtlg. des Bef. der Maßnahmen Eilemann, wie ich es kurz nach dem 24.10.1941 schon mdl. dem Abtlk. und Oblt. E. in Gegenwart d. Rgts Kms in Belyie Berega mitgeteilt habe. [Unterschrift: v. Oven] 22.11.1941]
    Zweite Seite des Berichts der I. Abteilung des Artillerie-Regiments 156 vom 15. November 1941, unterzeichnet von Hauptmann Theodor Friedmann, dem Kommandeur der I. Abteilung
  • Das Portraitfoto zeigt den General der 56. Infanterie Karl von Oven. Er trägt seine Wehrmachtsuniform inklusive seine Ritterkreuzes. Der Kragen seiner Uniform ist mit einer Kolbenstickerei für Generäle verziert. Von Oven blickt direkt zur Kamera.
    General d. Inf. Karl von Oven – Foto aus einem Dossier des Heerespersonalamtes
  • Abschrift!  33 [Handschriftliche Ergänzung: hr 31/3 ha]  Generalkommando XXXV.A.K.; H.Qu., den 05.02.1943 (Dienststelle)  [durchgestrichen: Beurteilung zum [Auslassung] 194 [Auslassung] Beurteilungsnotizen]  für Offz. ausschl. San.-, Vet.-, Jng.Offz., Offz. (W) über den  (Dienstgrad):Generalleutnant  RDA.(Ord.Nr.): 01.07.1941 (2)  Vorname: Karl  Name: von Oven  (Mob.-Dienststelle): Kdr. 56.Inf.Div.	  Friedensdienstatelle: Inf.Rgt. 59  geb. am: 29.11.1888  Laufbahn bzw. Zivilberuf: mit Kriegsschulausbildung  Anlaß der Vorlage bezw. Abgabe: Beauftragung mit der Führung des XXXXIII.A.K.  Verwendungen im jetzigen Kriege mit Daten: 09.1939-09.11.1939 Kdr. Inf.Rgt.59, 10.11.1939-19.05.1940 Wehrersatzinspekteur Allenstein, 20.05.1940-31.07.1940 Kdr.der 393. Inf. Div., 01.08.1940-15.10.1940 Kdt.der Oberfeldkdtr. 393, Warschau, 16.10.1940-15.11.1940 Führerreserve O.K.H., 16.11.1940-27.01.1943 Kdr.der 56. Inf.Div.  Deutsche Auszeichnungen des jetzigen Krieges mit Verleihungsdatum und Angabe, ob und zu welchen Auszeichnungen vorgeschlagen: 15.09.1939 Spange z.E.K. 2.K1., 05.10.1939 Spange Z.E.K. 1.K1., 09.01.1942 Ritterkreuz d.E.K., 14.08.1942 Medaille "Winterschlacht im Osten 1941/1942"  Kurze Beurteilung (Persönlichkeitswert, nationalsozialistische Haltung, Bewährung vor dem Feinde, dienstliche Leistungen, geistige und körperliche Anlagen und Eignung): Tatkräftige, sichere Persönlichkeit; zeigt Zielbewußtheit und Festigkeit an der Führung, wird, wo es die Lage erfordert, auch hart sein können; gute taktische Anlagen. Durchdrungen von der nat.soz. Weltanschauung, die er auch vertritt.  Starke Seiten: Vereinigt den Blick für das Große mit dem Interesse für sichtige Einzelheiten.  Schwache Seiten: Die in früheren Beurteilungen angeführte unduldsame Vertretung seiner Ansichten und die Reibungen mit Nachbarn sind unter meiner Führung niemals in Erscheinung getreten. Sollten diese Mängel tatsächlich bestanden haben, sind sie behoben.  Zusammenfassendes Urteil (Durchschnitt,über Durchschnitt, unter Durchschnitt):  Guter Durchschnitt.
    Beurteilung v. Ovens vom 05.02.1943 durch den Kommandierenden General des XXXV. Armeekorps mit der Formulierung: „[…] […] wird, wo es die Lage erfordert, auch hart sein können; […] […] Durchdrungen von der nationalsozialistischen Weltanschauung, die er auch vertritt.“
  • [Abgebildet ist ein Portraitfoto des Generalmajor Wilhelm Strecker aus seiner Personalakte. Strecker trägt seine Feldbluse und schaut zur linken Bildseite in die Ferne.]
    Generalmajor Wilhelm Strecker – Foto aus der Personalakte
  • [Zu sehen ist ein Portraitfoto des Hauptmann Theodor Friedmann aus seiner Personalakte. Friedmann hat einen starren Blick zur Kamera, er trägt seine Feldbluse. Das Bild ist rechts gebrochen, die Risse klar zu erkennen.]
    Hauptmann Theodor Friedmann – Foto aus der Personalakte
  • Vermerk der Fernschreibstelle.  Fernschreibvermittlung: [Auslassung] Fernschreibstelle: [Handschriftliche Ergänzung: PZ/P1]  weiter an; Datum; Uhrzeit; R.-Nr.; durch; TM-Zahl  Angenommen: [Auslassung] Datum: [Auslassung] Uhrzeit: [Auslassung] Aufgenommen: [Auslassung] Datum: 7/2 Uhrzeit: 09:45 Uhr von: HDVG durch: Wiese Verzögerungsvermerke. [Kürzel: [unleserlich]]  [Stempel: Heeres-Vers.-Amt 09. Februar 1942 p3 [Handschriftliche Ergänzung: IIIb] Anl. [Auslassung]] [Kürzel: [unleserlich]]  Fernschreiben [Auslassung] Telegramm HBZ. 619265  Dringlichkeitsvermerk: [Auslassung] Fernpr.-Nr. des Auslieferers: [Auslassung]  +HCQXB 75 6/2 2230= An O.K.H. Heerespers. Amt., Berlin= [unterstrichen: Ritterkreuztraeger] Hptm. Friedmann, A.R. 156 ist am [unterstrichen: 10.01.1942] im Kriegslazarett Roslawl seinen Wunden erlegen. Div. erhielt erst 05.02.1942 hiervon Kenntnis. Abt. Hptm. Friedmann unterstand Gruppe von Gilsa.- 56. I.D. Roem Zwei A Uschr.++  Handschriftliche Ergänzung: Zum Vorgang. [Kürzel: [unleserlich]]
    Fernschreiben des IIa
  • W. Kdo. IV W. Bez. Kdo. Bitterfeld Nr.: [Auslassung] 27. August 1938  Name; Vorname; geb. am; Truppenteil, Versetzungen; Dienstgrad; Rangdienstalter; In das Offz. Korps d. B.; [Handschriftliche Ergänzung: Eilemann; Karl; 13.01.1905; Q. R. 14; [durchgestrichen: Oblt; Lt. d. R.]; Hptm. d. K. [durchgestrichen: 01.01.1930; (13D) 01.08.1939; (354);]; 01.06.1942 (177); am: 01.10.1938; Verfg.: 6930138 o .09.09.1938]
    Hauptmann Paul Eilemann – Karteikarte der Kriegsreserveoffizierskartei

Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Dieser „Vernichtungskrieg“ gegen das „jüdisch-bolschewistische Untermenschentum“, wie ihn Hitler selbst nannte, wurde seitens der Wehrmacht vom ersten Tag an mit großer Härte und Unbarmherzigkeit geführt. Rechtsgrundlage für die über weite Strecken Tradition und Kriegsrecht zuwiderlaufende Kriegführung der Wehrmacht waren u. a. die im Vorfeld erlassenen „verbrecherischen Befehle“, zuvorderst der „Kriegsgerichtsbarkeitserlass“, der „Kommissarbefehl“ und die „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland“. Durch die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, aber auch durch Brigaden der Waffen-SS wurden bereits im Laufe des Jahres 1941 im Rücken der Front Juden, politische Funktionsträger und Partisanen (die oft nur versprengte Soldaten waren) zu Hunderttausenden erschossen, erhängt oder auf andere Art ums Leben gebracht.

Pauschale Aussagen über ein Sozialgebilde wie die Wehrmacht, der im Laufe ihres Bestehens über 17 Mio. Menschen angehörten, sind in der Regel schwierig, mitunter auch Unfug. Dass die Wehrmacht als Organisation wesentlicher Teil eines verbrecherischen Unrechtsregimes war und dass ihr Vordringen auf fremdes Gebiet und schließlich ihr Ausharren an den Fronten den Raum für zuvor undenkbare Verbrechen schufen, kann jedoch nicht geleugnet werden, es ist ernsthaft nicht einmal diskutabel. Dass von der Führung der Wehrmacht wie auch ihrer Teile Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine verbrecherische Befehle erlassen und ihre Befolgung durchgesetzt wurde, ist hinlänglich nachgewiesen; die entsprechenden Quellen im Bundesarchiv sind für jeden offen zugänglich. Dass einzelne Dienststellen und Einheiten und die in ihnen tätigen Soldaten darüber hinaus Verbrechen begingen, ist ebenfalls bekannt und vielfach erwiesen – und kann dennoch nicht dazu führen, alle Angehörigen der Wehrmacht mit denjenigen ihrer Kameraden gleichzusetzen, die zu Verbrechern in Uniform wurden. Die deutsche Herrschaft, ausgeübt u. a. durch die Wehrmacht, forderte über die Jahre unter den unter völlig unzureichenden Bedingungen internierten sowjetischen Kriegsgefangenen, im Rahmen des Partisanenkrieges (der häufig nur der Verschleierung von rassistisch motivierten Vernichtungsaktionen diente) oder im Zuge der rücksichtslosen ökonomischen Ausplünderung der besetzten Gebiete der Sowjetunion millionenfache Opfer. Dennoch bleiben die reinen Zahlen und Befunde abstrakt und für das konkrete Erfahren nur schwer greifbar. Das ändert sich, wenn die Verbrechen in der Schilderung eines amtlichen Berichtes in aller Deutlichkeit vor einen treten.

Ein Beispiel ist der Kindermord von Chozum (so die damalige deutsche Schreibweise; heute „Khatsun“, ca. 20 km südöstlich von Brjansk) im November 1941. In den Anlagen des Kriegstagebuchs der 56. Infanterie-Division (Signatur BArch, RH 26-56/21b) überliefern eine Handvoll Dokumente ein schweres Verbrechen – geradezu „nebenbei“ begangen und als bedauerliche Notwendigkeit dargestellt. Es handelt sich um eine Episode im jahrelangen, ebenso brutalen wie letztlich erfolglosen Bestreben der Wehrmacht, sich im Raum Brjansk durchzusetzen.

Im November 1941 befand sich das deutsche Ostheer und mit ihm die 56. Infanterie-Division im Vormarsch durch Russland. Die Rote Armee wehrte sich hart und verbissen – und selbst unter massivem militärischen und politischen Druck stehend – stellenweise mit allen Mitteln. Den deutschen Soldaten fehlte in aller Regel jedes Verständnis dafür, dass für den in seinem eigenen Land Überfallenen in der Verteidigung gegen den Angreifer andere moralische Maßstäbe gelten als für den unmotiviert Eindringenden, den der Verteidiger nur als Räuber und Mörder ansehen konnte. Zivilisten, die sich an der Verteidigung ihrer Heimat beteiligten, wurden von deutschen Soldaten als „Banditen“ verfolgt und getötet – auch solche, von denen dies nur vermutet wurde. Die deutschen Soldaten fühlten sich im Recht, bestärkt und ermuntert durch die eigene Propaganda. Hinzu kamen die oben bereits benannten, im Vorfeld des Ostfeldzuges und in der Folgezeit erlassenen Befehle, die bewusst einen rechtsfreien Raum schufen und die deutschen Soldaten von traditionellen Verhaltensregeln entbanden. Ein weiteres Element dürfte ein auch unter Wehrmachtsangehörigen weit verbreitetes kulturelles und zivilisatorisches Überlegenheitsgefühl gegenüber der sowjetischen Zivilbevölkerung gewesen sein, von dem aus der Weg zur rücksichtslosen Unterdrückung jeglichen Widerstands des „Untermenschentums“ nicht weit war. Die Radikalisierung des Verhaltens der deutschen Soldaten erfolgte jedoch weder plötzlich bis ins Extrem noch allumfassend. Es war offensichtlich ein Prozess, der sich an unterschiedlichen Stellen, bei unterschiedlichen Einheiten und Soldaten, unterschiedlich schnell und intensiv auswirkte.

Zur 56. Infanterie-Division gehörte das Artillerie-Regiment 156. Am 24. Oktober 1941 hatte die I. Abteilung dieses Regiments den Auftrag, den eigenen Unterkunftsbereich nach gegnerischen Soldaten und/oder Partisanen abzusuchen. Dabei wurde ein Spähtrupp der Abteilung in einem Dorf in ein Gefecht mit sowjetischen Soldaten und einigen Zivilisten verwickelt. Von den fünf Soldaten des Spähtrupps kamen nur zwei wieder zurück. Am nächsten Tag sandte die Abteilung 120 Mann in drei Trupps aus, um das Schicksal der drei vermissten Soldaten zu klären, das Dorf zu durchsuchen und „sämtliche Personen“ zu erschießen. Der Auftrag wurde erfüllt. Die drei Soldaten wurden tot aufgefunden – in der Darstellung des entsprechenden Berichts „ermordet“ und eben nicht „gefallen“. Die aus Sicht der deutschen Soldaten verantwortlichen Dorfbewohner wurden festgenommen. Die Erwachsenen wurden ohne Prüfung im Einzelfall insgesamt erschossen – 128 Personen. Ohne Zweifel ein Kriegsverbrechen. Da man die Kinder der Erschossenen „sich nicht selbst überlassen“ wollte, wie das im entsprechenden Bericht genannt wurde, wurden kurz darauf auch diese erschossen: 60 Kinder, die meisten zwischen zwei und zehn Jahren alt.

In dem hier vorgestellten Fall handelt sich um ein zufällig ausführlich überliefertes Beispiel, nur eines von mehreren Tausend von deutschen Soldaten oder Polizisten in ähnlicher Art und Weise vernichteten Dörfern. Es wirft ein Schlaglicht auf die alltägliche Dimension des deutschen Vernichtungskrieges im Osten.

Bemerkenswert an diesem konkreten Fall der Auslöschung eines ganzen Dorfes durch das Artillerie-Regiment 156 und die ausnahmslose Erschießung von Männern, Frauen und Kindern als „Sühnemaßnahme“ in einer ungleichen Auseinandersetzung ist weniger die Kälte der Täter als vielmehr der frühe Zeitpunkt im Herbst 1941. Nach den bisherigen Erkenntnissen war die Wehrmacht erst im Rahmen der Verschärfung des Partisanenkriegs im Laufe des Jahres 1942 zu dieser Praxis übergegangen. Die unterschiedslose Ermordung von Männern, Frauen und Kindern war jedoch bei den „Judenaktionen“ der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD sowie der Brigaden der Waffen-SS bereits ab Spätsommer 1941 üblich. Ob die Angehörigen des Artillerie-Regiments 156 lediglich diesem Beispiel folgten oder diese Radikalisierung aus eigenem Antrieb vollzogen, bleibt unklar. So oder so steht das Artillerie-Regiment 156 mit dem Verbrechen von Chozum am Anfang eines Prozesses der partiellen Verhaltensangleichung des Heeres an Waffen-SS und Einsatzgruppen.

Seit 2011 erinnert in Khatsun eine Gedenkstätte („Memorial Komplex“) an dieses Massaker und auch an viele andere vergleichbare Verbrechen, die in dieser Region von Deutschen begangen wurden.

Thomas Menzel

Mit bestem Dank für Rat, Kritik und Mitwirken an Peter Gohle.
 

Literaturauswahl

  • Cüppers, Martin: Wegbereiter der Shoah. Die Waffen-SS, der Kommandostab Reichsführer-SS und die Judenvernichtung 1939–1945. Darmstadt 2005
  • Gerlach, Christian: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944. Hamburg 1999
  • Hartmann, Christian, Hürter, Johannes, Lieb, Peter und Pohl, Dieter (Hrsg.): Der deutsche Krieg im Osten 1941–1944. Facetten einer Grenzüberschreitung. München 2009
  • Hartmann, Christian: Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42. München 2009
  • Klein, Peter (Hrsg.): Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD. Berlin 1997
  • Müller, Rolf-Dieter und Volkmann, Erich (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität. München 1999
  • Pohl, Dieter: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941–1944. München 2008
  • Pohl, Karl Heinrich (Hrsg.): Wehrmacht und Vernichtungspolitik. Militär im nationalsozialistischen System. Göttingen 1999
  • Römer, Felix: Der Kommissarbefehl. Wehrmacht und NS-Verbrechen an der Ostfront 1941/42. Paderborn 2008
  • Schulte, Jan Erik, Lieb, Peter und Wegner, Bernd (Hrsg.): Die Waffen-SS. Neue Forschungen. Paderborn 2014
  • Streit, Christian: Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941–1945. Bonn 1997
  • Wegner, Bernd: Hitlers politische Soldaten: die Waffen-SS 1933-1945. Leitbild, Struktur und Funktion einer nationalsozialistischen Elite. Paderborn 1982