
Quelle: BArch, Bild 102-15531 / Pahl, Georg
Die Rede des Reichsvizekanzlers Franz von Papen am 17. Juni 1934
Franz von Papen, 1933 bis 1934 Reichsvizekanzler im Kabinett Hitler, hielt am 17. Juni 1934 eine Festrede anlässlich der 14. Hauptversammlung des Universitätsbundes Marburg. In dieser vom Publizisten Edgar Julius Jung verfassten Rede distanzierte sich von Papen deutlich vom NS-Regime.
Zwischen dem Universitätsbund und dem Büro von Papens hatte es im Vorfeld keinerlei Absprachen über den Inhalt der Rede gegeben. Auch auf Nachfragen der Veranstalter wurde der Redetext nicht übermittelt. Verfasser war der Politiker und Publizist Edgar Julius Jung, der seit 1933 als Berater und Redenschreiber für den Reichsvizekanzler tätig war. Wie heute bekannt ist, wurde von Papen die Rede erst auf der Fahrt von Gießen nach Marburg ausgehändigt. Zwar soll ihm der Inhalt zuvor bekannt gewesen sein; der Bedeutung der Worte schien er sich jedoch nicht bewusst.
In der Rede, in der er sich deutlich vom nationalsozialistischen RegimeRegimeAuch Regimeverhältnisse. Gesamtheit der Verhältnisse und Lebensbedingungen eines Landes oder... distanzierte, kritisierte von Papen u. a. die Presse, die „kein Gesicht mehr“ habe, und sagte, dass der Kritiker gerne und leicht zum Staatsfeind gerate. Wenngleich der Reichsvizekanzler von vielen Zeitgenossen als nicht ernstzunehmend und antiquiert eingestuft wurde, so riefen die Worte doch deutliche Reaktionen hervor: Schon während der Rede verließen zahlreiche SA-Mitglieder die Aula; und der Oberbürgermeister Dr. Ernst Scheller, ein treuer Anhänger des Nationalsozialismus, meldete die Angelegenheit umgehend an die Staatspolizei. Die regionale Presse berichtete zwar am nächsten Tag über die Veranstaltung, erwähnte jedoch mit keinem Wort den Inhalt der Rede, da die Polizeidienststellen zuvor ein Abdruckverbot erteilt hatten. Der eigentliche Verfasser, Edgar Julius Jung, hatte die Rede zuvor in der von Papen gehörenden Druckerei vervielfältigen und anschließend verbreiten lassen, sodass eine vollständige Beschlagnahme nicht mehr möglich war. Maschinenschriftliche Exemplare wie das hier vorliegende kursierten in politischen Kreisen und trugen wohl zu kurzzeitig aufflammenden Oppositionsbestrebungen von links und rechts bei.
Die unmittelbar folgenreichste Reaktion auf kritische Reden und Handlungen wie die von Papens waren die Festnahmen und Ermordungen zahlreicher Gegnerinnen und Gegner des Nationalsozialismus sowie SA-Funktionäre um Stabschef Ernst Röhm seit dem 30. Juni 1934 (auch bekannt als „Röhm-Putsch“). Der drohenden Exekution entging Franz von Papen nur durch seine Beziehungen zu höchsten politischen Kreisen; er wurde bald darauf als Botschafter nach Wien versetzt. Edgar Julius Jung wurde am 1. Juli 1934 im Konzentrationslager Oranienburg ermordet.
Antje Märke










