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Reichsautobahn München - Salzburg bei einer Tankstelle am Rasthaus am Chiemsee (1939/1940 ca.)

Reichsautobahn München - Salzburg bei einer Tankstelle am Rasthaus am Chiemsee (1939/1940 ca.), Quelle: BArch, R 169 Bild-1940-028-09 / o. Ang.

Der Kampf um die Autobahnen

Ein Streit zwischen einem deutschen und einem italienischen Bauingenieur um die Urheberschaft an den Autobahnen führte fast zu einem Eklat zwischen Hitler und Mussolini. Das Bundesarchiv verwahrt einen Schriftwechsel, der diese Auseinandersetzung dokumentiert.

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Der Ursprung der Autobahn

Der Bauingenieur Fritz Todt war ab 1933 „Generalinspektor für das Deutsche Straßenwesen“. Gemeinsam mit Adolf Hitler forcierte er die propagandistische Verwertung der deutschen Autobahnen als "Straßen des Führers". Dies war jedoch eine Lüge: Die Pläne für den Bau der Autobahn waren bereits in der Weimarer Republik erstellt worden. Bereits 1929 bis 1932 war beispielsweise die Strecke von Köln nach Bonn entstanden.

Todt scheute auch nicht vor einer Konfrontation mit dem italienischen Senator Piero Puricelli zurück, einem einflussreichen Bauunternehmer, der ein enger Anhänger des italienischen Diktators Benito Mussolini war. Eine Akte aus dem Bundesarchiv-Bestand „R 4601 Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen“ zeigt, dass es bei dieser Auseinandersetzung beinahe auch zu einer direkten Konfrontation zwischen Hitler und Mussolini kam.

Adolf Hitler und ein weiterer Mann mit Hakenkreuz-Emblem auf dem Jackenärmel schippen mit Schaufeln Sand auf eine Haufen. Zahlreiche uniformierte Männer schauen zu.
Spatenstich zum Reichsautobahnbau, 23. September 1933. Rechts hinter Hitler: Fritz TodtQuelle: BArch, Bild 183-R27373 / o. Ang.

Das Manuskript Kurt Kaftans

Fritz Todt hatte Anfang Juli 1937 von Willy Hof, einem der frühen Verfechter und Kenner der Autobahnidee in Deutschland, ein Manuskript des Journalisten Kurt Kaftan mit dem Titel „Autostraßen im Europa“ erhalten. Das Manuskript, auf Kaftans Schrift „Europa braucht Autobahnen“ basierend und ins Italienische übersetzt, hatte Hof auch an Puricelli in Mailand gesandt.

Sowohl Todt als auch Puricelli waren empört über Kaftans Schrift. Beiden gingen die Positionen in der Schrift Kaftans zu weit. Der Generalinspektor und der Senator reklamierten in einem Schriftverkehr, ihren und den Anspruch ihrer „Führer“ auf die geistige Urheberschaft an den Autobahnen.

Versammlung zur Gründung der Gesellschaft zur Vorbereitung der Reichsautobahnen e.V. (GEZUVOR) am 18. August 1933
Versammlung zur Gründung der Gesellschaft zur Vorbereitung der Reichsautobahnen e.V. (GEZUVOR) am 18. August 1933Quelle: BArch, Bild 146-1996-047-34 / Beuttler

In verschiedenen seiner Schriften hatte Kaftan immer wieder die italienische Vorreiterrolle und die der HAFRABA in Deutschland betont. Dies war Todt natürlich ein Dorn im Auge. Der Verein „HAFRABA“, dessen Name sich aus der geplanten Streckenführung für eine Autobahn von Hamburg über Frankfurt nach Basel ableitete, war 1926 gegründet worden. Er stellte sich zum Ziel „im Rahmen einer Vorbereitungsgesellschaft alle Arbeiten zu leisten, welche in technischer, wirtschaftlicher, finanzieller, verkehrspolitischer und propagandistischer Hinsicht zur Prüfung der Durchführbarkeit und Vorbereitung der Ausführung der Autostraße Hansestädte-Frankfurt-Basel geeignet und erforderlich sind.“

Der Verein bestand bis zum Jahre 1933 und ging dann über in die „Gesellschaft zur Vorbereitung der Reichsautobahnen e. V.“ (GEZUVOR). Die schon weit fortgeschrittenen Planungen und Studien der HAFRABA für ein Autobahnnetz in Deutschland wurden kurzerhand übernommen. Schon zu dieser Zeit maßregelte Todt, verbunden mit einer offenen Drohung, den Journalisten Kaftan: „Die Reichsautobahnen, wie wir sie jetzt bauen, haben nicht als von der ‚HAFRABA‘ vorbereitet zu gelten, sondern einzig und allein als ‚Die Straßen Adolf Hitlers‘“ (BArch, R 4602/729, Bl. 79, Aufzeichnungen von Theodor Krebs).

Andererseits galt Kaftan auch als Kritiker von Puricellis Planungen und bezeichnete dessen im Jahre 1935 veröffentlichte Fassung eines internationalen Autobahnnetzes auf Grund des nur peripher berücksichtigten Nordeuropa als unausgegoren. Indes wurde Kaftans aus heutiger Sicht von erstaunlicher Weitsichtigkeit geprägter Artikel zu einem europäischen Autobahnnetz von Todt und Puricelli nicht einmal ansatzweise einer sachlichen Bewertung unterzogen. Auch Hof bezeichnet ihn als „lausige Schrift“.

Der Schriftverkehr zwischen Todt, Hof und Puricelli

Am 15. Oktober 1937 schrieb Todt an Willy Hof, dass er sich nicht vorstellen konnte, „dass Herr Puricelli die Arbeit tatsächlich von sich aus veröffentlichen lassen will.“ Er fügte hinzu: „Unmöglich bleibt aber auf alle Fälle die Darstellung, als ob die deutschen Autobahnen die Verwirklichung eines Puricellischen Projektes gewesen wären. Der Führer hat bereits 1923 in Landsberg seine grundlegenden Gedanken über den Bau deutscher Autobahnen dargelegt [..].“

  • Schreiben von Fritz Todt an Willy Hof vom 15. Oktober 1937
    Schreiben von Fritz Todt an Willy Hof vom 15. Oktober 1937

Es ist heute nicht nachvollziehbar, auf welchem Weg dieser Brief in die Hände Puricellis gelangt ist. Denn Puricelli schrieb an Hof am 3. Dezember: „Sehr geehrter Herr Hof! Ich habe den an Sie gerichteten Brief des Herrn Generalinspektor Todt vom 15. Oktober 1937 genau gelesen.“ Vier Seiten lang ließ der Italiener sich nun daran aus, die Dinge aus seiner Sicht klarzustellen. „Mit der Unterstützung Mussolinis habe ich die erste Autostraße erdacht, studiert und ausgeführt – und zwar im Jahre 1922 [..].“

Puricelli erläuterte seine Beteiligung an der 1926 gegründeten HAFRABA ebenso wie seine persönlichen Gespräche mit Hitler 1933. Er wies ebenfalls auf seine Vorreiterrolle bei den ersten Internationalen Straßenkongressen hin sowie auf sein Zusammentreffen mit Technikern und Direktoren von Reichsbahn und Autobahn. Dazu stellte Puricelli fest: „Das europäische Straßennetz ist allein von mir nach den Wünschen der Vertreter der einzelnen Staaten entworfen worden [..]. Ich kann aber nicht erlauben, dass mir die Idee, mein geistiges Eigentum, genommen oder abgestritten wird[..]. Dies ist alles geschehen, bevor Herr Todt kam [..].“.

  • Schreiben von Piero Puricelli an Willy Hof vom 3. Dezember 1937 (Seite 1)
    Schreiben von Piero Puricelli an Willy Hof vom 3. Dezember 1937 (Seite 1)
  • Schreiben von Piero Puricelli an Willy Hof vom 3. Dezember 1937 (Seite 2)
    Schreiben von Piero Puricelli an Willy Hof vom 3. Dezember 1937 (Seite 2)
  • Schreiben von Piero Puricelli an Willy Hof vom 3. Dezember 1937 (Seite 3)
    Schreiben von Piero Puricelli an Willy Hof vom 3. Dezember 1937 (Seite 3)
  • Schreiben von Piero Puricelli an Willy Hof vom 3. Dezember 1937 (Seite 4)
    Schreiben von Piero Puricelli an Willy Hof vom 3. Dezember 1937 (Seite 4)

Kaftan selbst wurde daraufhin offenbar von Todt und Puricelli unter Druck gesetzt, die aus ihrer Sicht „großen“ Fehler in seinem Manuskript zu beseitigen. Anderenfalls wollte Puricelli mit einer „Publikation den wahren Hergang“ schildern: „Ich nehme an, dass ich Herrn Dr. Todt selbst einen Gefallen tun werde, wenn ich damit zur Kenntnis bringe, was in der Autostraßenplanung und im Autobahnenbau alles geleistet wurde, bevor er die Ehre und das Glück hatte, vom Führer an die erste Stelle gesetzt zu werden.“

„Ein sehr, sehr guter Rat“

Die offen ausgesprochene Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Willy Hof gelang es, Puricelli von seinem Vorhaben abzubringen. Nur mit Unterstützung „gemeinsamer Freunde“ sei es ihm gelungen, „ihn (Puricelli, Anm. d. Autors) davon abzuhalten, s. E. dem Duce die Angelegenheit zu unterbreiten.“ Am 29. Dezember 1937 schrieb er an Todt: „Ich kenne nun die Autobahnvorgänge seit 1921 ganz genau und insbesondere in Italien. Ich kenne auch die Mentalität des Duce [..].“

Hof beschwörte Todt, auf Puricelli zuzugehen: „Wenn ich Ihnen einen sehr, sehr guten Rat geben darf, versuchen Sie direkt mit Herrn Puricelli klar zu kommen. Geht er zum Duce, und das tut er, wenn die lausige Kaftansche Schrift nicht geändert oder zurückgenommen wird, dann garantiere ich Ihnen, gibt es eine direkte Beschwerde an den Führer“. Er machte an anderer Stelle noch einmal klar, „[..]wie eng Herr Puricelli in Rom mit seinem Duce verbunden ist.“

Dazu kam es aber nicht. Todt und Puricelli näherten sich schon bald wieder einander an. Bereits am 20. Januar 1938 lud Todt den italienischen Senator nach Berlin zu den Feierlichkeiten aus Anlass des 5. Jahrestages der Machtergreifung Hitlers ein. Puricelli schrieb ihm allerdings zurück, dass es ihm wegen seiner Verpflichtungen nicht möglich sei, der Feier beizuwohnen.

  • Schreiben von Willy Hof an Fritz Todt vom 29. Dezember 1937 (Seite 1)
    Schreiben von Willy Hof an Fritz Todt vom 29. Dezember 1937 (Seite 1)
  • Schreiben von Willy Hof an Fritz Todt vom 29. Dezember 1937 (Seite 2)
    Schreiben von Willy Hof an Fritz Todt vom 29. Dezember 1937 (Seite 2)
  • Schreiben von Willy Hof an Fritz Todt vom 29. Dezember 1937 (Seite 2)
    Schreiben von Willy Hof an Fritz Todt vom 29. Dezember 1937 (Seite 2)

Kurt Kaftan veröffentlichte 1955, fast 20 Jahre nach dem Schriftverkehr zwischen Todt, Hof und Puricelli, seine Memoiren. Er nannte sie: „Der Kampf um die Autobahnen“.

Dieser Themenbeitrag wurde verfasst von Karl-Heinz Friedrich.

Weiterführende Links

  • Reichsautobahn Berlin-Bayreuth.- Saalebrücke Rudolphstein bei Hirschberg (ca. 1938/1940)
    Rechercheleitfaden

    Reichsautobahnen – Archivalien des Bundesarchivs

    Das Bundesarchiv verfügt über eine Vielzahl an Quellen zu Bau und Betrieb der Reichsautobahnen. Auf dieser Seite finden Sie eine Übersicht. Sie wurde zusammengestellt von Sabine Dumschat.

  • Adolf Hitler und ein weiterer Mann mit Hakenkreuz-Emblem auf dem Jackenärmel schippen mit Schaufeln Sand auf eine Haufen. Zahlreiche uniformierte Männer schauen zu.
    Geschichtsgalerie

    23. September 1933: Gründungsakt des Reichsautobahnbaus

    Als Hitler am 23. September 1933 propagandistisch wirksam den „ersten Spatenstich“ zum Bau der Reichsautobahn in Szene setzte, wurde bewusst ausgeblendet, dass die Autobahnen keine Erfindung des NS-Regimes waren, sondern bereits während der Weimarer Republik entsprechende Projekte verfolgt worden waren.