Das Manuskript Kurt Kaftans
Fritz Todt hatte Anfang Juli 1937 von Willy Hof, einem der frühen Verfechter und Kenner der Autobahnidee in Deutschland, ein Manuskript des Journalisten Kurt Kaftan mit dem Titel „Autostraßen im Europa“ erhalten. Das Manuskript, auf Kaftans Schrift „Europa braucht Autobahnen“ basierend und ins Italienische übersetzt, hatte Hof auch an Puricelli in Mailand gesandt.
Sowohl Todt als auch Puricelli waren empört über Kaftans Schrift. Beiden gingen die Positionen in der Schrift Kaftans zu weit. Der Generalinspektor und der Senator reklamierten in einem Schriftverkehr, ihren und den Anspruch ihrer „Führer“ auf die geistige Urheberschaft an den Autobahnen.
Andererseits galt Kaftan auch als Kritiker von Puricellis Planungen und bezeichnete dessen im Jahre 1935 veröffentlichte Fassung eines internationalen Autobahnnetzes auf Grund des nur peripher berücksichtigten Nordeuropa als unausgegoren. Indes wurde Kaftans aus heutiger Sicht von erstaunlicher Weitsichtigkeit geprägter Artikel zu einem europäischen Autobahnnetz von Todt und Puricelli nicht einmal ansatzweise einer sachlichen Bewertung unterzogen. Auch Hof bezeichnet ihn als „lausige Schrift“.
Der Schriftverkehr zwischen Todt, Hof und Puricelli
Am 15. Oktober 1937 schrieb Todt an Willy Hof, dass er sich nicht vorstellen konnte, „dass Herr Puricelli die Arbeit tatsächlich von sich aus veröffentlichen lassen will.“ Er fügte hinzu: „Unmöglich bleibt aber auf alle Fälle die Darstellung, als ob die deutschen Autobahnen die Verwirklichung eines Puricellischen Projektes gewesen wären. Der Führer hat bereits 1923 in Landsberg seine grundlegenden Gedanken über den Bau deutscher Autobahnen dargelegt [..].“
Es ist heute nicht nachvollziehbar, auf welchem Weg dieser Brief in die Hände Puricellis gelangt ist. Denn Puricelli schrieb an Hof am 3. Dezember: „Sehr geehrter Herr Hof! Ich habe den an Sie gerichteten Brief des Herrn Generalinspektor Todt vom 15. Oktober 1937 genau gelesen.“ Vier Seiten lang ließ der Italiener sich nun daran aus, die Dinge aus seiner Sicht klarzustellen. „Mit der Unterstützung Mussolinis habe ich die erste Autostraße erdacht, studiert und ausgeführt – und zwar im Jahre 1922 [..].“
Puricelli erläuterte seine Beteiligung an der 1926 gegründeten HAFRABA ebenso wie seine persönlichen Gespräche mit Hitler 1933. Er wies ebenfalls auf seine Vorreiterrolle bei den ersten Internationalen Straßenkongressen hin sowie auf sein Zusammentreffen mit Technikern und Direktoren von Reichsbahn und Autobahn. Dazu stellte Puricelli fest: „Das europäische Straßennetz ist allein von mir nach den Wünschen der Vertreter der einzelnen Staaten entworfen worden [..]. Ich kann aber nicht erlauben, dass mir die Idee, mein geistiges Eigentum, genommen oder abgestritten wird[..]. Dies ist alles geschehen, bevor Herr Todt kam [..].“.
Kaftan selbst wurde daraufhin offenbar von Todt und Puricelli unter Druck gesetzt, die aus ihrer Sicht „großen“ Fehler in seinem Manuskript zu beseitigen. Anderenfalls wollte Puricelli mit einer „Publikation den wahren Hergang“ schildern: „Ich nehme an, dass ich Herrn Dr. Todt selbst einen Gefallen tun werde, wenn ich damit zur Kenntnis bringe, was in der Autostraßenplanung und im Autobahnenbau alles geleistet wurde, bevor er die Ehre und das Glück hatte, vom Führer an die erste Stelle gesetzt zu werden.“
„Ein sehr, sehr guter Rat“
Die offen ausgesprochene Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Willy Hof gelang es, Puricelli von seinem Vorhaben abzubringen. Nur mit Unterstützung „gemeinsamer Freunde“ sei es ihm gelungen, „ihn (Puricelli, Anm. d. Autors) davon abzuhalten, s. E. dem Duce die Angelegenheit zu unterbreiten.“ Am 29. Dezember 1937 schrieb er an Todt: „Ich kenne nun die Autobahnvorgänge seit 1921 ganz genau und insbesondere in Italien. Ich kenne auch die Mentalität des Duce [..].“
Hof beschwörte Todt, auf Puricelli zuzugehen: „Wenn ich Ihnen einen sehr, sehr guten Rat geben darf, versuchen Sie direkt mit Herrn Puricelli klar zu kommen. Geht er zum Duce, und das tut er, wenn die lausige Kaftansche Schrift nicht geändert oder zurückgenommen wird, dann garantiere ich Ihnen, gibt es eine direkte Beschwerde an den Führer“. Er machte an anderer Stelle noch einmal klar, „[..]wie eng Herr Puricelli in Rom mit seinem Duce verbunden ist.“
Dazu kam es aber nicht. Todt und Puricelli näherten sich schon bald wieder einander an. Bereits am 20. Januar 1938 lud Todt den italienischen Senator nach Berlin zu den Feierlichkeiten aus Anlass des 5. Jahrestages der Machtergreifung Hitlers ein. Puricelli schrieb ihm allerdings zurück, dass es ihm wegen seiner Verpflichtungen nicht möglich sei, der Feier beizuwohnen.
Kurt Kaftan veröffentlichte 1955, fast 20 Jahre nach dem Schriftverkehr zwischen Todt, Hof und Puricelli, seine Memoiren. Er nannte sie: „Der Kampf um die Autobahnen“.
Dieser Themenbeitrag wurde verfasst von Karl-Heinz Friedrich.