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Fahnenschmuck während der Olympischen Spiele 1936 am Berliner Schloss

„Fahnenaltar der Nationen“ während der Olympischen Spiele 1936 am Berliner Schloss, Quelle: BArch, B 145 Bild-P017200 / o. Ang.

Der Weg zu den Olympischen Spielen 1936 in Deutschland

Mit den Olympischen Spielen im eigenen Land wollten die Nationalsozialisten Deutschland als friedliebende Nation darstellen. Hitlers tatsächliche Absichten wie die Kriegsaufrüstung oder die Verfolgung von Jüdinnen, Juden und anderer Gruppen sollten während der Wettbewerbe verschleiert werden. Aufrufe aus dem In- und Ausland forderten den Boykott der Spiele. Dabei stand Hitler den Spielen anfangs skeptisch gegenüber.

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Die nationalsozialistische Ideologie und Olympia

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte die Olympischen Spiele bereits 1931, in der Zeit der Weimarer Republik, an Deutschland vergeben. Zwei Jahre später wurde Adolf Hitler Reichskanzler und die Nationalsozialisten übernahmen die Macht. Hitler, der nicht als Sportenthusiast bekannt war, begegnete dem Vorhaben, Olympische Spiele in Deutschland auszurichten, zunächst mit Skepsis. Die olympische Idee von friedlichen sportlichen Wettkämpfen zwischen den Nationen der Welt widersprach der nationalsozialistischen Ideologie, die die vermeintliche Überlegenheit der „arischen Rasse“ propagierte.

Im März 1933 jedoch traf sich Theodor Lewald, seit 1924 Mitglied im IOC und Vorsitzender des Organisationskomitees für die Sommerspiele 1936, mit Adolf Hitler zu einem persönlichen Gespräch. Lewald war der Ansicht, dass die Spiele dem Kulturbetrieb und der Wirtschaft seines Heimatlandes zugutekommen würden. Daher wollte er Adolf Hitler dafür gewinnen, das Projekt der Olympischen Spiele in Deutschland zu unterstützen. Dies gelang ihm, indem er Adolf Hitler aufzeigte, dass die Nationalsozialisten die Ausrichtung der Olympischen Spiele für Propaganda nutzen könnten. Lewald selbst war jüdischer Herkunft, nahm aber aufgrund seiner Erfahrung als Sportfunktionär und seiner Kontakte in die internationale Sportpolitik eine wichtige Rolle bei der Organisation der Olympischen Spiele in Berlin ein.

  • Pressenotiz zum Treffen von Theodor Lewald mit Adolf Hitler am 16. März 1933 zur Austragung der Olympischen Spiele in Deutschland 1936
    Pressenotiz zum Treffen von Theodor Lewald mit Adolf Hitler am 16. März 1933 zur Austragung der Olympischen Spiele in Deutschland 1936

Ein weiteres zentrales Ziel der Nationalsozialisten war, die Bevölkerung über die Olympischen Spiele für Fitness zu begeistern und zu motivieren, mehr Sport zu machen. Denn: Das NS-Regime traf bereits 1936 Vorkehrungen für einen Krieg und in der Ideologie der Nationalsozialisten war ein körperlich fitter Mensch auch ein leistungsfähiger Soldat.

Aufrufe zum Boykott der Olympischen Spiele in Deutschland

International begleiteten Boykottaufrufe vor allem in den USA, Frankreich und England die Vorbereitungen der Spiele. Auch die politische Linke in Europa sowie deutsche linksintellektuelle Emigranten (z. B. Heinrich Mann oder Rudolf Breitscheid) unterstützten die Aufrufe. Die Gegnerinnen und Gegner von deutschen Olympischen Spielen waren überzeugt, dass Deutschland grundlegende Werte der Olympischen Bewegung wie Gleichberechtigung, Verständigung und Respekt nicht einhalten würde. Bereits wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 diskutierte das IOC erstmals über einen Boykott der Spiele in Deutschland. In einer von Innenminister Wilhelm Frick autorisierten Erklärung versicherte das nationalsozialistische Regime, dass Deutschland die Olympische Charta einhalten und die Teilnahme jüdischer Sportlerinnen und Sportler erlauben würde. Diese Zusicherung genügte dem IOC.

  • Aufruf zum Boykott der Olympischen Spiele in Berlin 1936 durch die Rote Sportlernationale und die Sozialistische Arbeiter-Sportinternationale
    Aufruf zum Boykott der Olympischen Spiele in Berlin 1936 durch die Rote Sportinternationale und die Sozialistische Arbeiter-Sportinternationale
  • Der amerikanische Journalist Bill Cunningham in seinem Meinungsbeitrag „Should not send team to Berlin“ (Übersetzung: „Wir sollten kein Team nach Berlin schicken“), erschienen am 29. Juli 1935 in der Boston Post
    Der amerikanische Journalist Bill Cunningham in seinem Meinungsbeitrag: „Should not send team to Berlin“ (Übersetzung: „Wir sollten kein Team nach Berlin schicken“), erschienen am 29. Juli 1935 in der Boston Post

Besonders ab 1935, als die „Nürnberger Gesetze“ in Kraft traten, forderten im Ausland immer mehr Stimmen einen Boykott der Spiele in Deutschland. Sie kritisierten die grundsätzliche Diskriminierung von jüdischen Menschen im Land. Die Kritikerinnen und Kritiker missbilligten auch, dass jüdische Sportlerinnen und Sportler am Training gehindert würden. Tatsächlich war die jüdische Bevölkerung in Deutschland bereits 1933 aus den Sportvereinen ausgeschlossen worden. Sie durften Sport nur noch in jüdischen Vereinen wie „Makkabi“ oder „Schild“ ausüben.

„We can't reform Germany, maybe, and more's the pity, but we can at least stay out of there until the presently sick animal succumbs of its own hydrophobia (…).“

Übersetzung der Redaktion: „Wir können Deutschland nicht reformieren – leider, aber wir können uns wenigstens von dort fernhalten, bis das derzeit kranke Tier seiner eigenen Tollwut erliegt“, aus dem Meinungsbeitrag „Should not send team to Berlin“ (Übersetzung: „Wir sollten kein Team nach Berlin schicken“) des amerikanischen Journalisten Bill Cunningham, erschienen am 29. Juli 1935 in der Boston Post (Bundesarchiv, R 8077/223, Image 0724)

Auch die Behandlung Andersdenkender stand im Fokus der internationalen Kritik. Kurz nach Adolf Hitlers Machtergreifung errichtete das nationalsozialistische Regime in Dachau bei München ein Konzentrationslager und inhaftierte dort ab März 1933 politische Gegner. In der Folgezeit wurden dort auch immer mehr Menschen aus rassenideologischen Gründen inhaftiert. Dazu zählten neben Jüdinnen, Juden und Sinti und Roma auch Zeugen Jehovas oder Homosexuelle.

Besuch des Leiters der "Deutschen Arbeitsfront" Robert Ley im Konzentrationslager Dachau am 11. Februar 1936: Ley an der Spitze der Besuchergruppe auf dem Weg durch das Lager
Besuch des Leiters der „Deutschen Arbeitsfront“ Robert Ley im Konzentrationslager Dachau am 11. Februar 1936: Ley an der Spitze der Besuchergruppe auf dem Weg durch das LagerQuelle: BArch, Bild 152-05-23 / Bauer, Friedrich Franz
Maschinengeschriebenes Dokument
Telegramm der afroamerikanischen Zeitung „Pittsburgh Courier“ vom 15. Juli 1936 an Adolf Hitler mit der Bitte um ein Statement zur Teilnahme von jüdischen und schwarzen Athletinnen und Athleten bei den Olympischen Spielen 1936Quelle: BArch, R 43-II/599a, Image 0033 (Ausschnitt)

Vor allem aus den USA kam zudem lautstarke Kritik an Deutschlands Haltung zur Teilnahme schwarzer Athletinnen und Athleten. Noch 1932, ein Jahr nach der Vergabe der Spiele nach Deutschland, hatte das NSDAP-Propagandablatt „Völkischer Beobachter“ von den Organisatoren der Spiele gefordert: „Die Schwarzen müssen ausgeschlossen werden.“ Die afroamerikanische Zeitung „Pittsburgh Courier“ sandte noch im Juli 1936 bezüglich seiner Einstellung zur Teilnahme jüdischer und schwarzer Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Telegramm an Hitler.

Maßnahmen zur Verschleierung nationalsozialistischen Unrechts

Karl Ritter von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele in Deutschland, wies daher im Jahr 1935 in einem Schreiben an das Reichsinnenministerium auf die Notwendigkeit hin, die offene Diskriminierung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden im Vorfeld und während der Spiele zu unterlassen. Die Winterspiele sollten zu einem Friedensfest werden. Der Grund: Die Spiele in Garmisch-Partenkirchen galten als Probelauf für die größeren und prestigeträchtigeren Sommerspiele in Berlin, die fünf Monate später stattfinden sollten. Vorfälle, die die Weltöffentlichkeit weiter gegen Deutschland aufbringen konnten, sollten daher unbedingt vermieden werden.

„Wenn in G.-P. [Garmisch-Partenkirchen, Anm. d. Red.] die geringste Störung passiert, dann – darüber sind wir uns doch alle im klaren[sic!] – können die Olympischen Spiele in Berlin nicht durchgeführt werden, da auch alle übrigen Nationen ihre Meldung zurückziehen würden. Diesen Standpunkt haben mir am Sonntag, den 12.5.1935, die Nationen, die bei der internationalen Tagung in Brüssel anwesend waren, eindeutig zum Ausdruck gebracht.“

Ritter von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, in einem Schreiben an das Reichsinnenministerium vom 14. Mai 1935, Quelle: BArch, R 43-II/599a, Image 0029

Das nationalsozialistische Regime leitete daraufhin unterschiedliche Maßnahmen ein. Antisemitische Schilder an der Bahnstrecke zwischen München und Garmisch-Partenkirchen sollten abgenommen werden. In einem Rundschreiben an die Gauleiter legte Reichsminister Rudolf Heß Vorgaben zur Gestaltung antisemitischer Schilder im Stadtbild und an Gasthäusern des Landes fest: Aufgrund der in Deutschland weilenden ausländischen Gäste sollten die Tafeln auf solche beschränkt werden, „die ohne besondere Gehässigkeit zum Ausdruck bringen, dass Juden unerwünscht sind“.

Gaststätte „Wiener Kaffee“ in Worms mit einem Schild mit der Aufschrift „Juden unerwünscht“ (ca. 1933/1939)
Gaststätte „Wiener Kaffee“ in Worms mit einem Schild mit der Aufschrift „Juden unerwünscht“ (ca. 1933/1939)Quelle: BArch, Bild 133-134 / o. Ang.
  • Karl Ritter von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, in einem Schreiben an das Reichsinnenministerium vom 14. Mai 1935
    Schreiben Karl Ritters von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, an das Reichsinnenministerium vom 14. Mai 1935 (Seite 1)
  • Karl Ritter von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, in einem Schreiben an das Reichsinnenministerium vom 14. Mai 1935
    Schreiben Karl Ritters von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, an das Reichsinnenministerium vom 14. Mai 1935 (Seite 2)
  • Karl Ritter von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, in einem Schreiben an das Reichsinnenministerium vom 14. Mai 1935
    Schreiben Karl Ritters von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, an das Reichsinnenministerium vom 14. Mai 1935 (Seite 3)
  • Karl Ritter von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, in einem Schreiben an das Reichsinnenministerium vom 14. Mai 1935
    Schreiben Karl Ritters von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, an das Reichsinnenministerium vom 14. Mai 1935 (Seite 4)
  • Anweisung des Reichsinnenministers zur Entfernung von antisemitischen Schildern an der Eisenbahnstrecke zwischen München und Garmisch-Partenkirchen vom 3. Dezember 1935
    Anweisung des Reichsinnenministers zur Entfernung von antisemitischen Schildern an der Eisenbahnstrecke zwischen München und Garmisch-Partenkirchen vom 3. Dezember 1935
  • Rundschreiben von Rudolf Hess an alle Gauleiter zur Gestaltung antisemitischer Schilder und Tafeln in Kreisen, Gemeinden und Gasthäusern vom 29. Januar 1936
    Rundschreiben von Rudolf Heß an alle Gauleiter zur Gestaltung antisemitischer Schilder und Tafeln in Kreisen, Gemeinden und Gasthäusern vom 29. Januar 1936

Propagandaminister Joseph Goebbels wies zudem die Presse an, den Ton in der Olympia-Berichterstattung zu mäßigen. Berichte über Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden waren zu unterdrücken. Außerdem sollten rassistische Kommentare in der Berichterstattung über schwarze Sportlerinnen und Sportler vermieden werden. Des Weiteren wurde der Verkauf des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“ während der Olympischen Spiele eingestellt.

Am 6. Februar 1936 begannen schließlich die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen mit einer großen Eröffnungsfeier im Skisprungstadion. Weitere Informationen zum Verlauf des Olympiajahres 1936 und eine Auswahl an Archivgut aus dem Bundesarchiv dazu finden Sie in unserer Olympia-Chronologie.

Themenseite zum Olympiajahr 1936

  • Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen in Anwesenheit von Adolf Hitler
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    Das Olympiajahr 1936: Eine Chronologie

    Dieser Beitrag ist Teil unserer Chronologie zum Olympiajahr 1936. Darin finden Sie zahlreiche Beiträge zum Verlauf der Olympischen Winter- und Sommerspiele 1936 sowie zu weiteren Ereignissen des Jahres 1936 mit einer Auswahl an Archivgut aus dem Bundesarchiv.