Die nationalsozialistische Ideologie und Olympia
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte die Olympischen Spiele bereits 1931, in der Zeit der Weimarer Republik, an Deutschland vergeben. Zwei Jahre später wurde Adolf Hitler Reichskanzler und die Nationalsozialisten übernahmen die Macht. Hitler, der nicht als Sportenthusiast bekannt war, begegnete dem Vorhaben, Olympische Spiele in Deutschland auszurichten, zunächst mit Skepsis. Die olympische Idee von friedlichen sportlichen Wettkämpfen zwischen den Nationen der Welt widersprach der nationalsozialistischen Ideologie, die die vermeintliche Überlegenheit der „arischen Rasse“ propagierte.
Im März 1933 jedoch traf sich Theodor Lewald, seit 1924 Mitglied im IOC und Vorsitzender des Organisationskomitees für die Sommerspiele 1936, mit Adolf Hitler zu einem persönlichen Gespräch. Lewald war der Ansicht, dass die Spiele dem Kulturbetrieb und der Wirtschaft seines Heimatlandes zugutekommen würden. Daher wollte er Adolf Hitler dafür gewinnen, das Projekt der Olympischen Spiele in Deutschland zu unterstützen. Dies gelang ihm, indem er Adolf Hitler aufzeigte, dass die Nationalsozialisten die Ausrichtung der Olympischen Spiele für Propaganda nutzen könnten. Lewald selbst war jüdischer Herkunft, nahm aber aufgrund seiner Erfahrung als Sportfunktionär und seiner Kontakte in die internationale Sportpolitik eine wichtige Rolle bei der Organisation der Olympischen Spiele in Berlin ein.
Ein weiteres zentrales Ziel der Nationalsozialisten war, die Bevölkerung über die Olympischen Spiele für Fitness zu begeistern und zu motivieren, mehr Sport zu machen. Denn: Das NS-Regime traf bereits 1936 Vorkehrungen für einen Krieg und in der Ideologie der Nationalsozialisten war ein körperlich fitter Mensch auch ein leistungsfähiger Soldat.
Aufrufe zum Boykott der Olympischen Spiele in Deutschland
International begleiteten Boykottaufrufe vor allem in den USA, Frankreich und England die Vorbereitungen der Spiele. Auch die politische Linke in Europa sowie deutsche linksintellektuelle Emigranten (z. B. Heinrich Mann oder Rudolf Breitscheid) unterstützten die Aufrufe. Die Gegnerinnen und Gegner von deutschen Olympischen Spielen waren überzeugt, dass Deutschland grundlegende Werte der Olympischen Bewegung wie Gleichberechtigung, Verständigung und Respekt nicht einhalten würde. Bereits wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 diskutierte das IOC erstmals über einen Boykott der Spiele in Deutschland. In einer von Innenminister Wilhelm Frick autorisierten Erklärung versicherte das nationalsozialistische Regime, dass Deutschland die Olympische Charta einhalten und die Teilnahme jüdischer Sportlerinnen und Sportler erlauben würde. Diese Zusicherung genügte dem IOC.
Besonders ab 1935, als die „Nürnberger Gesetze“ in Kraft traten, forderten im Ausland immer mehr Stimmen einen Boykott der Spiele in Deutschland. Sie kritisierten die grundsätzliche Diskriminierung von jüdischen Menschen im Land. Die Kritikerinnen und Kritiker missbilligten auch, dass jüdische Sportlerinnen und Sportler am Training gehindert würden. Tatsächlich war die jüdische Bevölkerung in Deutschland bereits 1933 aus den Sportvereinen ausgeschlossen worden. Sie durften Sport nur noch in jüdischen Vereinen wie „Makkabi“ oder „Schild“ ausüben.
Maßnahmen zur Verschleierung nationalsozialistischen Unrechts
Karl Ritter von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele in Deutschland, wies daher im Jahr 1935 in einem Schreiben an das Reichsinnenministerium auf die Notwendigkeit hin, die offene Diskriminierung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden im Vorfeld und während der Spiele zu unterlassen. Die Winterspiele sollten zu einem Friedensfest werden. Der Grund: Die Spiele in Garmisch-Partenkirchen galten als Probelauf für die größeren und prestigeträchtigeren Sommerspiele in Berlin, die fünf Monate später stattfinden sollten. Vorfälle, die die Weltöffentlichkeit weiter gegen Deutschland aufbringen konnten, sollten daher unbedingt vermieden werden.
Propagandaminister Joseph Goebbels wies zudem die Presse an, den Ton in der Olympia-Berichterstattung zu mäßigen. Berichte über Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden waren zu unterdrücken. Außerdem sollten rassistische Kommentare in der Berichterstattung über schwarze Sportlerinnen und Sportler vermieden werden. Des Weiteren wurde der Verkauf des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“ während der Olympischen Spiele eingestellt.
Am 6. Februar 1936 begannen schließlich die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen mit einer großen Eröffnungsfeier im Skisprungstadion. Weitere Informationen zum Verlauf des Olympiajahres 1936 und eine Auswahl an Archivgut aus dem Bundesarchiv dazu finden Sie in unserer Olympia-Chronologie.