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Horst Hesse während eines Vortrags in der MfS-Bezirksverwaltung Suhl, 25. September 1974, Quelle: BArch, MfS, BV Suhl, ZPL, Fo, Nr. 2123, Bild 5

Diener zweier Herren

Am 20. Mai 1956 floh der Doppelspion Horst Hesse mit einem brisanten Datensatz von Würzburg aus in die DDR. In Ost-Berlin wurde er als „Kundschafter des Friedens“ gefeiert und sein Coup propagandistisch ausgeschlachtet.

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Stasi-Tätigkeit und „Republikflucht“

Horst Hesse kam am 12. Mai 1922 in Magdeburg zur Welt. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie, besuchte die Volksschule und absolvierte anschließend eine Lehre als Feinmechaniker. Nach dem Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg und der Kriegsgefangenschaft kehrte Hesse in seine Geburtsstadt zurück. Er arbeitete als Schlosser und trat in den Dienst der Volkspolizei ein. 1948 wurde er Mitglied der SED.

Anfang 1954 geriet Hesse in das Blickfeld des Ministeriums für Staatssicherheit (MfSMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische...) und dessen Magdeburger BezirksverwaltungBezirksverwaltungIm Zusammenhang mit der Verwaltungsreform der DDR vom Sommer 1952 wurden die fünf... (BV): Er hatte diese kurz zuvor darüber informiert, dass ein ehemaliger Nachbar ihn als Agenten für den amerikanischen Militärgeheimdienst Military Intelligence Division (MID) angeworben hatte. Hesse sollte Liegenschaften der sowjetischen Streitkräfte in und um Magdeburg auskundschaften.

Das MfS verpflichtete ihn daraufhin zur inoffiziellen Mitarbeit (Deckname „Jürgen“). Es versorgte ihn – unter Mitwirkung der sowjetischen Seite – mit präpariertem Material, wie z. B. Fotos von Kasernen. Durch seine vermeintlichen Spionageerfolge in der DDR gewann Hesse mehr und mehr das Vertrauen seiner US-amerikanischen Auftraggeber, die ihn unter dem Decknamen „Lux“ führten.

Im August 1954 floh Hesse mit Wissen des MfS in die Bundesrepublik. Dort stattete ihn die MID mit einem neuen Namen aus: Horst Berger. Hesse war zunächst für die Befragung von DDR-Flüchtlingen zuständig. Anschließend wechselte er in die MID-Dienststelle nach Würzburg.

In der beschaulichen Stadt am Main wertete Hesse DDR-Post aus und warb Agenten für den US-Geheimdienst an. Dass der hochmotivierte Mitarbeiter regelmäßig in Kontakt mit dem MfS stand, war den Amerikanern auch nach akribischen Sicherheitsüberprüfungen verborgen geblieben.

Aktion „Schlag“

Nachdem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der MID-Dienststelle in Würzburg ins verlängerte Pfingstwochenende verabschiedet hatten, lief die vom MfS geplante Aktion „Schlag“ an. Hesse und zwei ebenfalls in den Diensten der DDR-Geheimpolizei stehende Komplizen, darunter Hans Wax (Deckname „Donner“), entwendeten zwei Panzerschränke aus der Würzburger Dienststelle. Sie luden diese in einen Mercedes 190 SL und setzten sich am 20. Mai 1956 über den Grenzübergang Helmstedt-Marienborn in die DDR ab.

Der aus Würzburg gestohlene Datensatz umfasste Karteikarten, Dokumente und Blankoausweise, die Hinweise auf Spionageaktivitäten des MID in der DDR enthielten. Nun ging es den Verantwortlichen in Ost-Berlin darum, den Coup im globalen Ost-West-Konflikt für sich propagandistisch auszuschlachten. Ihr Ziel: über die „skrupellosen Methoden des amerikanischen Geheimdienstes“ informieren.

Bereits am 10. Juli 1956 fand eine Pressekonferenz im Steinsaal des Hauses der Nationalen Front am damaligen Thälmannplatz (heute: Ecke Wilhelmstraße/Voßstraße) in Ost-Berlin statt. Die internationale Presse erfuhr zum ersten Mal von Horst Hesse und der MID-Dienststelle in Würzburg.

Während der Pressekonferenz wurden den Anwesenden ausgewählte Dokumente und Fotografien vorgestellt, die Hesse und seine Komplizen in der Aktion „Schlag“ erbeutet hatten. Die langjährige inoffizielle Tätigkeit Hesses für das MfS und die Rolle des inoffiziellen Mitarbeiters „Donner“ blieben unerwähnt.

Zwei Tage später, am 12. Juli 1956, fand an exponierter Stelle – im Berolinahaus auf dem Alexanderplatz – eine weitere Propagandaveranstaltung statt. Das Amt für Jugendfragen beim Magistrat von Groß-Berlin präsentierte – flankiert durch das MfS – vermeintliche Materialien, die belegen sollten, dass der US-Geheimdienst vor allem Jugendliche für Spionageeinsätze in der DDR ködern wollte.

Ein Mann steht an einem Rednerpult und spricht ins Mikrofon. Daneben sitzen an einem langen Tisch fünf Männer.
Vortrag von Stasi-Major Gerhard Kehl über die MID (am Tisch 2. v. l.: Ost-Berlins Oberbürgermeister Friedrich Ebert), Berlin, 12. Juli 1956Quelle: BArch, Bild 183-39677-0008 / Quaschinsky, Hans-Günter

Verhaftungen und Schauprozesse

Die beiden Veranstaltungen fielen in eine Zeit, in der DDR-weit zahlreiche Schauprozesse gegen vermeintliche und tatsächliche Agenten geführt wurden, Meldungen über einfliegende Kleinballons mit Propagandamaterialien eingingen und öffentliche Ausstellungen über Aktivitäten westlicher Geheimdienste stattfanden. Die Medien berichteten ausführlich über diese Themen – vor allem über den amerikanisch-britischen Spionagetunnel im Berliner Ortsteil Altglienicke. Die Sowjets hatten dessen inszenierte „Entdeckung“ im April 1956 öffentlichkeitswirksam verkündet.

Als Folge des Würzburger Datendiebstahls verhafteten MfS und Volkspolizei in den folgenden Monaten in der DDR zahlreiche Menschen. Im November 1956 fand vor dem 1. Strafsenat des Bezirksgerichtes Suhl in Meiningen ein Prozess gegen vier vermeintliche Agenten des MID statt. Die Staatsanwaltschaft warf ihnen Militärspionage vor und forderte zwischen 7 und 15 Jahren Zuchthaus.

Ein weiterer dokumentierter Prozess fand am 12. März 1958 vor dem 1. Strafsenat des Bezirksgerichts Potsdam statt. Angeklagt waren zwei Männer und eine Frau aus Berlin, die als Agentin und Agenten für den MID tätig gewesen sein sollen.

Der abtrünnige Agentenwerber Horst Hesse wurde von einem amerikanischen Militärgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt. In der DDR konnten die USA Hesse aber nicht festnehmen.

Der ostdeutsche James Bond

Im Jahr 1963 verarbeitete die DEFA die Aktion „Schlag“ im Kinofilm „For eyes only“. Sie baute die Hauptperson „Hansen“ als Gegenentwurf zum ebenfalls 1963 erstmals auf der Kinoleinwand erschienenen James Bond auf. Der Film entwickelte sich zum Kassenschlager und zum „Vater aller Kundschafterfilme“ (Filmwissenschaftler Frank-Burkhard Habel).

Hesse machte bis zu seiner Invalidisierung im Jahr 1966 Karriere im Bereich der SpionageabwehrSpionageabwehrSpionageabwehr beinhaltete nicht nur defensives Abwehren westlicher Spionage, sondern auch... des MfS. Er stieg in der AbteilungAbteilungEine selbständige Abteilung ist eine Organisationsstruktur in der MfS-Zentrale, die durch den... II der Bezirksverwaltung Magdeburg und in der Hauptabteilung IIHauptabteilung IIDie HA II wurde 1953 durch Fusion der MfS-Abt. II (Spionage) und IV (Spionageabwehr) gebildet. Sie... bis zum Major auf. Danach wirkte er als wichtiger Zeitzeuge im Rahmen der Öffentlichkeits- und Traditionsarbeit des MfSÖffentlichkeits- und Traditionsarbeit des MfSBevor sich Anfang der 80er Jahre der Begriff Öffentlichkeitsarbeit, zumeist als Begriffspaar... und trat bei unzähligen Veranstaltungen auf. Hesse starb am 16. Dezember 2006 in Schwedt.

Mehr Fotos von Horst Hesse finden Sie in der Stasi-Mediathek unter diesem Link.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und spricht in ein Mikrofon. Daneben steht ein weiterer Mann an einem Rednerpult und schaut in die Richtung des sprechenden Mannes.
Horst Hesse während eines Vortrags in der Bezirksverwaltung Suhl, 25. September 1974Quelle: BArch, MfS, BV Suhl, ZPL, Fo, Nr. 2123, Bild 2

Interview mit Horst Hesse

Das Interview ist Teil des Propagandafilms „Kühler Kopf, Heisses Herz, Saubere Hände“, den die Abteilung AgitationAbteilung AgitationFür Öffentlichkeits- und Traditionsarbeit zuständige zentrale Diensteinheit, 1955 aus der Abteilung... des MfS zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution im Jahr 1967 produzierte. Der komplette Film ist in der Stasi-Mediathek unter diesem Link zu sehen.

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