Direkt zum Seiteninhalt springen
Dora Ratjen beim Hochsprung

Dora Ratjen beim Hochsprung, Juli 1937, Quelle: BArch, Bild 183-C10378 / o. Ang.

9. August 1936: Intersexualität bei den Olympischen Sommerspielen 1936

Im Jahr 1938 tabuisierte der nationalsozialistische Deutsche Reichsbund für Leibesübungen (DRL) nachträglich Dora Ratjens Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936. Als intersexuelle Person war Ratjen für den Hochsprungwettbewerb der Damen angetreten. Nach der „Enthüllung“ von Ratjens Geschlecht wurde sie*er vom Frauensport disqualifiziert und lebte unter dem Namen „Heinrich“ fortan als Mann.

Zum Inhalt springen

Mit dem Begriff „intersexuell/intergeschlechtlich“ werden Menschen bezeichnet, die sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale aufweisen. Der Leistungssport im Nationalsozialismus sah eine strikte Geschlechtertrennung vor, die jedoch noch nicht mit verbindlichen Regelwerken überwacht wurde.

Im Alter von 17 Jahren nahm die intergeschlechtliche Person Dora Ratjen an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teil. Gemeinsam mit der späteren Bronze-Medaillen-Gewinnerin Elfriede Kaun trat Ratjen für Deutschland im Hochsprungwettbewerb der Damen an und erreichte dort den vierten Platz. Zwei Jahre später holte sie bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Wien mit 1,70 m den Weltrekordsieg im Hochsprung der Frauen.

Vernehmung und ärztliche Überprüfung

Auf dem Rückweg vom Turnier in Wien im September 1938 verdächtigten zwei Zugpassagiere Ratjen, als Frau verkleidet zu sein und ein weibliches Geschlecht lediglich vorzuspielen. Ratjen wurde daraufhin von der Polizei in Magdeburg festgenommen, befragt und in mehrtägigen medizinischen Untersuchungen auf ihr*sein Geschlecht überprüft.

Die heteronormative und binäre Geschlechterideologie des Nationalsozialismus schloss jegliche Abweichungen von den zwei Geschlechtern „männlich“ und „weiblich“ aus. So ergab auch die angeordnete ärztliche Untersuchung laut des vorliegenden Berichts des Chefs der Sicherheitspolizei trotz der anatomischen Abweichung eines breitflächigen Narbenstrangs an der Unterseite des Penis „keinen Zweifel an der männlichen Geschlechtsbestimmung“.

Neues Leben als „Heinrich“

In den biographischen Angaben des Polizeiberichts zu „Dora Ratjen“ heißt es, die Hebamme habe bei der Geburt das weibliche Geschlecht festgelegt und die Eltern hätten dieses trotz uneindeutiger Geschlechtsmerkmale nicht angezweifelt. Ratjen war unter dem Namen „Dora“ als Mädchen aufgewachsen und hatte einen „Frauenberuf“ in einer Tabakfabrik ergriffen. Laut eigenen Angaben hätte Ratjen ab dem zwölften Lebensjahr Zweifel an der ihr*ihm zugeschriebenen Geschlechtsidentität bekommen und sich selbst als „Zwitter“ erkannt. Über die nun folgende Aberkennung der weiblichen Identität soll Ratjen laut Bericht geäußert haben, sie*er sei froh, dass „nun alles zum Klappen gekommen sei“.

Auf juristische Anordnung musste Ratjen Geschlecht, Namen („Heinrich“ statt „Dora“) und Beruf wechseln. Zudem wurde er als nunmehr offiziell männliche Person aus dem Frauensport ausgeschlossen, durfte keine Frauenkleider mehr tragen und musste nachträglich den Wehrdienst antreten. Ratjens Weltrekord und EM-Sieg in Wien 1938 wurden nachträglich aberkannt. Der Dachverband des NS-Sports – Deutscher Reichsbund für Leibesübungen (DRL) – wollte den Vorfall in der Öffentlichkeit vertuschen: Die deutsche Presse durfte nicht mehr über das ehemalige Sportidol berichten.

Weiterführende Literatur

  • Dennis Krämer: Intersexualität im Sport. Mediale und medizinische Körperpolitiken, Bielefeld 2020.
Siegerehrung im modernen Fünfkampf bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin
Themenseite

Olympia 1936 im nationalsozialistischen Deutschland

1936 fanden die Olympischen Winter- und Sommerspiele in Deutschland statt – und damit das größte Sportereignis der Welt. Die Nationalsozialisten nutzten es für ihre Propaganda. Zum 90. Jahrestag der Spiele präsentiert das Bundesarchiv Archivalien aus dem Olympiajahr 1936.