Mit dem Begriff „intersexuell/intergeschlechtlich“ werden Menschen bezeichnet, die sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale aufweisen. Der Leistungssport im Nationalsozialismus sah eine strikte Geschlechtertrennung vor, die jedoch noch nicht mit verbindlichen Regelwerken überwacht wurde.
Im Alter von 17 Jahren nahm die intergeschlechtliche Person Dora Ratjen an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teil. Gemeinsam mit der späteren Bronze-Medaillen-Gewinnerin Elfriede Kaun trat Ratjen für Deutschland im Hochsprungwettbewerb der Damen an und erreichte dort den vierten Platz. Zwei Jahre später holte sie bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Wien mit 1,70 m den Weltrekordsieg im Hochsprung der Frauen.
Vernehmung und ärztliche Überprüfung
Auf dem Rückweg vom Turnier in Wien im September 1938 verdächtigten zwei Zugpassagiere Ratjen, als Frau verkleidet zu sein und ein weibliches Geschlecht lediglich vorzuspielen. Ratjen wurde daraufhin von der Polizei in Magdeburg festgenommen, befragt und in mehrtägigen medizinischen Untersuchungen auf ihr*sein Geschlecht überprüft.
Die heteronormative und binäre Geschlechterideologie des Nationalsozialismus schloss jegliche Abweichungen von den zwei Geschlechtern „männlich“ und „weiblich“ aus. So ergab auch die angeordnete ärztliche Untersuchung laut des vorliegenden Berichts des Chefs der Sicherheitspolizei trotz der anatomischen Abweichung eines breitflächigen Narbenstrangs an der Unterseite des Penis „keinen Zweifel an der männlichen Geschlechtsbestimmung“.
Neues Leben als „Heinrich“
In den biographischen Angaben des Polizeiberichts zu „Dora Ratjen“ heißt es, die Hebamme habe bei der Geburt das weibliche Geschlecht festgelegt und die Eltern hätten dieses trotz uneindeutiger Geschlechtsmerkmale nicht angezweifelt. Ratjen war unter dem Namen „Dora“ als Mädchen aufgewachsen und hatte einen „Frauenberuf“ in einer Tabakfabrik ergriffen. Laut eigenen Angaben hätte Ratjen ab dem zwölften Lebensjahr Zweifel an der ihr*ihm zugeschriebenen Geschlechtsidentität bekommen und sich selbst als „Zwitter“ erkannt. Über die nun folgende Aberkennung der weiblichen Identität soll Ratjen laut Bericht geäußert haben, sie*er sei froh, dass „nun alles zum Klappen gekommen sei“.
Auf juristische Anordnung musste Ratjen Geschlecht, Namen („Heinrich“ statt „Dora“) und Beruf wechseln. Zudem wurde er als nunmehr offiziell männliche Person aus dem Frauensport ausgeschlossen, durfte keine Frauenkleider mehr tragen und musste nachträglich den Wehrdienst antreten. Ratjens Weltrekord und EM-Sieg in Wien 1938 wurden nachträglich aberkannt. Der Dachverband des NS-Sports – Deutscher Reichsbund für Leibesübungen (DRL) – wollte den Vorfall in der Öffentlichkeit vertuschen: Die deutsche Presse durfte nicht mehr über das ehemalige Sportidol berichten.