Der Berliner Rocksommer 1988
Der Sommer 1988 stand in Ost- und West-Berlin ganz im Zeichen der Rock- und Pop-Musik: Während auf der Bühne der Radrennbahn Weißensee in Ost-Berlin Künstler wie Joe Cocker oder Bruce Springsteen standen, war das Highlight des West-Berliner Konzertsommers ein Auftritt von Michael Jackson. Der „King of Pop“ trat im Zuge der Promotion seines Albums „Bad“ erstmals in Deutschland auf. Dementsprechend groß war die Begeisterung unter den Musikfans.
"Jacksons Konzertpremiere in Deutschland fand am 19. Juni 1988 auf dem „Platz der Republik“ vor dem Reichstagsgebäude statt. Dieser lag unmittelbar neben der Berliner Mauer, und so hofften auch die Musikfans aus der "Hauptstadt der DDR", Michael Jacksons Konzert hören zu können. Neben dem „King of Pop“ traten die britische Band Pink Floyd am 16. Juni und deutsche Künstlerinnen und Künstler wie Nina Hagen, Rio Reiser und Udo Lindenberg am 18. Juni vor dem Reichstagsgebäude auf.
Das Ministerium für StaatssicherheitMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... (MfSMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische...) erwartete Menschenansammlungen an der Grenze zu West-Berlin während Jacksons Konzert. Außerdem befürchtete es Ausschreitungen. Der Grund: Im Jahr zuvor war es bei Konzerten der Bands „Eurythmics“ und „Genesis“ vor dem Reichstagsgebäude zu Krawallen auf der DDR-Seite am Brandenburger Tor gekommen. Die Volkspolizei war mit Schlagstöcken gegen hunderte Jugendliche vorgegangen, die sich an der Grenze versammelt hatten, um der westlichen Rock-Musik zu lauschen. Dabei hatten die Fans Parolen wie „Die Mauer muss weg!“ oder „Russen raus!“ gerufen.
Eine Wiederholung dieser Vorgänge wollte das MfS unbedingt verhindern. Drei Wochen vor dem Michael-Jackson-Konzert ging die Auswertungs- und KontrollgruppeAuswertungs- und Kontrollgruppe1978 wurden die Auswertungs- und Informationsgruppe (AIG) der Bezirksverwaltung (BV) mit der... (AKGAuswertungs- und Kontrollgruppe1978 wurden die Auswertungs- und Informationsgruppe (AIG) der Bezirksverwaltung (BV) mit der...) der MfS-Bezirksverwaltung Berlin Hinweisen auf mögliche „feindlich-negative Aktivitäten“ in Ost-Berlin nach.
Die Stasi vermerkte, dass sich „Jugendliche in Schulen und Jugendklubs […] über bevorstehende Konzerte vor dem ehemaligen Reichstagsgebäude in Westberlin unterhalten und beabsichtigen, sich zur Straße Unter den Linden in der Nähe des Brandenburger Tors zu begeben, um diese Musik zu hören.“ (BArch, MfS, AKG, Nr. 261, Bl. 1). In der Hauptsache rechnete die Geheimpolizei mit dem Erscheinen von „musikinteressierten Personen“, sie schloss aber nicht aus, dass sich auch Menschen mit „provokatorischen Absichten“ auf den Weg machen könnten. Um die Situation an der Grenze zu kontrollieren, sollten während des Konzerts am 19. Juni 1988 Mitarbeiter des MfS und der Volkspolizei in Zivil eingesetzt werden.
Der falsche Michael Jackson
Bereits am Vortag des Konzerts versetzte ein Vorfall an der Grenzübergangsstelle „Checkpoint Charlie“ die Stasi in Aufregung: Am Nachmittag des 18. Juni 1988 fuhren dort drei Autos vor, aus denen mehrere weibliche und männliche Personen stiegen. Sie bewegten sich auf das Dienstgebäude des „Checkpoints Charlie“ zu. Unter den Personen befand sich auch ein Mann, der mit Hut und Sonnenbrille gekleidet war und von einem Kamerateam begleitet wurde. Wie die anderen Anwesenden war sich auch das MfSMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... sicher: Dieser Mann musste Michael Jackson sein.
Der Mann mit Hut und Sonnenbrille schüttelte die Hände der US-amerikanischen Militärpolizisten, während sich eine Gruppe von 80 bis 100 Schaulustigen um ihn herum bildete. Nur wenige Minuten später stiegen „Michael Jackson“ und die anderen Personen wieder in ihre Fahrzeuge und verließen die Grenzübergangsstelle.
Die Stasi hatte das Ereignis fotografiert – jedoch nicht den „King of Pop“ abgelichtet: Es stellte sich heraus, dass der Mann nicht Michael Jackson war, sondern ein Doppelgänger. Der Südafrikaner Faisal St. Anthony war für einen satirischen Bericht des Sat-1-Magazins „Hallo Berlin“ als Michael Jackson verkleidet durch die Stadt geschickt worden.
Das Michael-Jackson-Konzert an der Mauer
Am Abend des 19. Juni 1988 eröffnete Michael Jackson vor knapp 50.000 Menschen sein Konzert. Neben Hits wie „Thriller“, „Billie Jean“ oder „Beat it“ spielte Jackson auch Lieder der „Jackson Five“.
An der Radrennbahn Weißensee in Ost-Berlin fand zeitgleich ein „Gegenkonzert“ mit Bryan Adams und Heinz Rudolf Kunze statt. Die DDR-Behörden wollten dem Michael-Jackson-Auftritt damit ein in ihren Augen ähnlich prestigeträchtiges Konzert entgegensetzen. Zudem sollte so verhindert werden, dass sich während des Michael-Jackson-Konzerts Menschensammlungen an der Berliner Mauer bildeten. Tatsächlich wohnten der Veranstaltung in Weißensee knapp 100.000 Menschen bei.
Dennoch fanden sich 3.000 bis 5.000 Menschen auf der östlichen Seite des Brandenburger Tors ein, um dem Konzert des US-Popstars zuzuhören.
Kamerateams der westdeutschen TV-Sender ARD und ZDF wollten über Musikfans berichten, die in Ost-Berlin zu westlicher Musik feierten. Um solche Bilder zu verhindern, gingen als Zivilisten getarnte MfS-Mitarbeiter und Volkspolizisten gegen die Filmteams vor. Sie griffen die Kameraleute an und zerstörten ihr Filmequipment. Gleichzeitig lösten MfS-Mitarbeiter Gruppen von Jugendlichen auf und nahmen mindestens 17 Personen fest. Andere Musikfans versuchten, die TV-Teams zu beschützen. Diesen gelang es, Teile der Unruhen zu filmen. Ihre Aufnahmen strahlte die ARD beispielsweise in der Sendung „Tagesthemen“ aus.
Die Stasi sammelte Pressereaktionen aus Ost und West zum Vorgehen der DDR-Sicherheitsbehörden gegen die westlichen Kamerateams während des Konzerts von Michael Jackson.
Am nächsten Tag legte die Bundesregierung einen offiziellen Protest gegen das Vorgehen der DDR-Sicherheitsbehörden ein. Das Außenministerium der DDR dementierte jedoch jegliche Berichte über ein gewaltsames Vorgehen gegen westliche Journalisten.
In einem Ergebnisbericht vom Tag nach dem Konzert unterstellte das MfSMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... den Journalisten, dass sie die Zuhörerinnen und Zuhörer aufwiegeln wollten. Ihr Verhalten sei durch ein „bewusst aggressives, auffälliges und auf die Aktivierung von feindlich-negativen Kräften ausgerichtetes Wirksamwerden gekennzeichnet“ gewesen. Das MfS resümierte weiter, dass die westlichen Kamerateams „lediglich passiv in ihrer Tätigkeit“ gehindert worden seien. Zu gewalttätigen Angriffen sei es „in keiner Phase des Einsatzes gekommen“. Das Verhalten der MfS-Mitarbeiter sei „zu jeder Zeit […] sachlich und besonnen“ gewesen.