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Truppen der Wehrmacht marschieren am Wenzelsplatz in Prag

Einmarsch deutscher Truppen in Prag, Quelle: BArch, Bild 183-H27147 / o. Ang.

Die Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938 bis 1939 in den Quellen der Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe

Sie erfahren in diesem Rechercheleitfaden, wie Sie zu den Truppenteilen der Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe recherchieren können, die an der Zerschlagung der Tschechoslowakei beteiligt waren.
 

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Einführende Informationen

Infolge des Münchner Abkommens, das am 30. September 1938 zwischen dem Deutschen Reich, Italien, Großbritannien und Frankreich unterzeichnet wurde, musste die Tschechoslowakei das mehrheitlich deutschsprachige Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten. Die Tschechoslowakei selbst war an den Verhandlungen nicht beteiligt.

Schon einen Tag nach der Unterzeichnung des Abkommens marschierten Truppenteile der Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe, später Waffen-SS, in das Sudetenland ein, um dieses zu besetzen.

Mit dem Münchner Abkommen verfolgten Großbritannien und Frankreich das Ziel, Europa vor einem neuen Krieg zu bewahren. Adolf Hitler hatte allerdings andere Pläne. Ihm ging es nicht allein um das Sudetenland, sondern um die Vernichtung der Tschechoslowakei in ihrer Gesamtheit. Daher ließ er nach der erfolgreichen Besetzung des Sudetenlandes umgehend Pläne für den Einmarsch in die „Rest-Tschechei“ ausarbeiten. Diese Pläne wurden schließlich am 15. März 1939 umgesetzt, indem die Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe erneut auf tschechoslowakisches Gebiet vordrangen. Am Vortag hatte sich bereits die Slowakei auf Druck des Deutschen Reichs für unabhängig erklärt und Ungarn besetzte die Karpatenukraine im Osten des Landes. Damit hörte die Tschechoslowakei auf zu existieren.

Der offene Bruch des Münchner Abkommens zeigte einmal mehr, dass Adolf Hitler kein verlässlicher Verhandlungspartner war. Stattdessen trieb er seine Expansionspolitik in Europa ungehindert voran und drohte offen mit Krieg. Diese Umstände veranlassten schließlich Großbritannien von der bisher betriebenen Appeasementpolitik abzurücken und zusammen mit Frankreich die polnische Unabhängigkeit zu garantieren. Nachdem das Deutsche Reich am 1. September 1939 trotzdem Polen überfiel, erklärten Großbritannien und Frankreich zwei Tage später dem Deutschen Reich den Krieg.

Der Einsatz der Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe in der Tschechoslowakei entfaltet sich umfangreich in deren Unterlagen. Sie sind aufgrund von Kriegseinwirkungen jedoch nicht vollständig. Besonders gen Ende des Zweiten Weltkriegs fanden durch die deutschen Stellen umfangreiche Vernichtungsaktionen statt. Außerdem erlitt das Heeresarchiv am 14. April 1945 im Zuge der Bombardierung Potsdams einen Volltreffer und brannte nahezu vollständig aus. Lediglich zuvor ausgelagerte Unterlagen blieben von den Flammen verschont. Für Unterlagen der Wehrmacht, die vor 1942 entstanden sind, gilt zu berücksichtigen, dass es im Februar 1942 im Heeresarchiv zu einem Brand kam, der zahlreiche Akten beschädigte und zum Teil zerstörte. Nachfolgend erfahren Sie, wie Sie trotz der Überlieferungslücken relevante Quellen zur Zerschlagung der Tschechoslowakei finden.

Recherchestrategie

Ortsbezogene Recherchen im Bundesarchiv, die einen militärischen Bezug aufweisen, sind generell mit hohen Aufwänden verbunden, denn die hiesigen Bestände sind allesamt nach militärischen Dienststellen und Truppenteilen abgelegt. Eine Suche mit Schlagworten allein führt nur zu einer begrenzten Anzahl an Ergebnissen. In Ergänzung dazu ist es unverzichtbar, die Bestände derjenigen Truppenteile, die in einem bestimmten Gebiet operierten, in die Recherche mit einzubeziehen.

Wenn deren Namen nicht bekannt sind, dann stellt das zunächst ein Hindernis dar, das sich aber oftmals mit Lagekarten überwinden lässt. Glücklicherweise gibt es im Falle der Zerschlagung der Tschechoslowakei einige aussagekräftige Lagekarten, die Ihnen bei der Ermittlung der Namen der Truppenteile helfen.

Für die Besetzung des Sudetenlandes liegt zumindest eine Lagekarte (RH 2/425K) vor, wohingegen der Einmarsch in die „Rest-Tschechei“ auf vier Karten zur Lage West im März 1939 (RH 2-KART) dokumentiert wird.

Nachdem Sie die jeweiligen Truppenteile identifiziert haben, können Sie Ihre Recherche in deren Kriegstagebüchern und sonstigen Unterlagen fortsetzen.

Primäre Überlieferung zur Zerschlagung der Tschechoslowakei

Die Besetzung des Sudetenlandes im Oktober 1938

Die Überlieferung zur Zerschlagung der Tschechoslowakei durch die Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe befindet sich in verschiedenen Beständen innerhalb des Bundesarchivs.

Beim Generalstab des Heeres (RH 2) sind zum Einsatz im Sudetenland lediglich ein Kriegstagebuch und dazugehörende Anlagen vorhanden. Deutlich umfangreichere Quellen existieren beim Heeresgruppenkommando z.b.V. (RH 19-XVI), das von General Wilhelm Ritter von Leeb geführt wurde. Es war für die zentrale Planung und Koordination des Einsatzes zuständig.

Neben dem Heeresgruppenkommando z.b.V. waren noch vier weitere Heeresgruppenkommandos involviert. Dabei handelte es sich um das Heeresgruppenkommando 1 (RH 64), das Heeresgruppenkommando 3 (RH 64), das Heeresgruppenkommando 4 (kein Bestand vorhanden) und das Heeresgruppenkommando 5 (RH 64).

Die Heeresgruppenkommandos wurden für den Einsatz als Armeeoberkommandos mobilisiert, sodass in deren entsprechenden Beständen weitere Hinweise existieren könnten. Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass der zeitliche Schwerpunkt ebendieser Bestände auf der Zeit ab dem deutschen Überfall auf Polen liegt. Demzufolge sind nur sehr wenige Quellen zur Besetzung des Sudetenlandes zu erwarten.

Den Heeresgruppenkommandos waren wiederum verschiedene Korps, Divisionen und andere kleinere Truppenteile unterstellt. Hierzu zählten unter anderem SS-Standarten, die die Wehrmacht unterstützten.

Die Überlieferung der Korps zeichnet sich durch eine Besonderheit aus. Im Falle der Mobilisierung eines Wehrkreiskommandos wurde dieses, solange es mobilisiert war, als Korps, meist Armeekorps, bezeichnet. Im Wehrkreis verblieb ein sogenanntes Stellvertretendes Generalkommando, das die territorialen Aufgaben des ursprünglichen Wehrkreiskommandos für die Dauer der Mobilisierung erfüllte.

Die Überlieferung der Korps zum Sudetenlandeinsatz befindet sich – mit Ausnahme des XIII. und XVI. Armeekorps – allein in den Beständen der Wehrkreiskommandos.

Im Falle des XIII. Armeekorps verteilt sich die entsprechende Überlieferung sowohl auf den Bestand des Wehrkreiskommandos als auch den Bestand des Korps.

Für das XVI. Armeekorps existierte hingegen kein eigener Wehrkreis. Im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurde aus dem XVI. Armeekorps die Panzergruppe 4 gebildet und im Jahr 1944 erfolgte die Aufstellung eines neuen XVI. Armeekorps. Der einschlägige Bestand des XVI. Armeekorps umfasst nur Akten des 1944 aufgestellten Verbandes und der Bestand der Panzergruppe 4 deckt nicht den Zeitraum ab, in dem die Tschechoslowakei zerschlagen wurde.

Der Einmarsch in die „Rest-Tschechei“ im März 1939

Quellen zur Planung der Besetzung der „Rest-Tschechei“ sind beim Generalstab des Heeres (RH 2) zu finden.

Für den Einmarsch kamen erneut das Heeresgruppenkommando 3 (RH 64) und das Heeresgruppenkommando 5 (RH 64) zum Einsatz. Diese wurden als Armeeoberkommando 8 (RH 20-8) und Armeeoberkommando 14 (RH 20-14) mobilisiert.

Die Bestände der Armeeoberkommandos geben jedoch, wenn überhaupt, nur spärlich Auskunft über die Ereignisse im März 1939.

Die genannten Armeen setzten sich aus verschiedenen Korps zusammen, denen Divisionen und andere kleinere Einheiten unterstanden. Erneut beteiligten sich Teile der SS-Verfügungstruppe am Einsatz.

Auch in Hinblick auf die Besetzung der „Rest-Tschechei“ zeichnet sich die Überlieferung der Korps dadurch aus, dass diese vor allem in den Beständen der Wehrkreiskommandos abgebildet wird. Ausnahmen bilden das XIV. und das XVI. Armeekorps, die über keine eigenen Wehrkreise verfügten. Vom XIV. Armeekorps liegen zumindest einige wenige Akten vor, die den Einsatz auf tschechischem Gebiet betreffen. Auf Seiten des XVI. Armeekorps gibt es diesbezüglich keine Überlieferung.

Die Besatzungszeit in der Tschechei

Das besetzte Sudetenland wurde unmittelbar 1938 in das Deutsche Reich integriert und auf die umliegenden Wehrkreiskommandos aufgeteilt. Die Gebiete Böhmen und Mähren bildeten nach dem Einmarsch der deutschen Truppen einen eigenen Wehrkreis im Jahr 1939.

Ersatzüberlieferung zur Zerschlagung der Tschechoslowakei

Archivgut

Aufgrund der immensen Schriftgutverluste lassen sich viele Fragen zum Einsatz deutscher Truppenteile in der Tschechoslowakei heute leider nicht mehr vollumfänglich beantworten. Das Bundesarchiv stellt jedoch eine Ersatzüberlieferung bereit, die die bestehenden Überlieferungslücken zumindest ein Stück weit kompensiert.

Hervorzuheben sind dabei die Unterlagen der Abteilung für Wehrmachtpropaganda des Wehrkreiskommandos XVIII (Salzburg). Diese umfassen eine Fotodokumentation, mehrere Berichte und eine Zeitungsausschnittsammlung zur Besetzung des Sudetenlandes sowie zum Einmarsch in die „Rest-Tschechei“.

Im Bestand Sachthematische und biographische Sammlung zur deutschen Militärgeschichte 1849-1945 (MSG 2) befinden sich unter anderem private Tagebücher, Feldpostbriefe sowie Erlebnisberichte von ehemaligen Soldaten, die den Einsatz in der Tschechoslowakei betreffen. Da der Bestand sehr umfangreich ist, empfiehlt es sich, eine Eingrenzung auf diesen in der allgemeinen Suche durchzuführen und anschließend mit Schlagworten zu operieren.

Außerdem verwahrt das Bundesarchiv den Nachlass von General Wilhelm Ritter von Leeb (N 145), dem Befehlshaber des Heeresgruppenkommandos z.b.V.

Bibliotheksgut

Im Bibliothekskatalog des Bundesarchivs können Sie nach möglicherweise vorhandenen Ausarbeitungen zu Truppenteilen suchen. Diese sind insbesondere dann sehr hilfreich, wenn kaum Akten zu den gesuchten Truppenteilen überliefert sind. Derartige Publikationen basieren zum Teil auf den Erinnerungen ehemaliger Angehöriger.

Unterlagen zur Zerschlagung der Tschechoslowakei einsehen

Allgemeines

Das Bundesarchiv verfolgt das Ziel, sämtliche Bestände der Wehrmacht und Waffen-SS, einschließlich der Vorgängerorganisationen, zu digitalisieren und online zugänglich zu machen. Aufgrund der schieren Menge an Akten wird es jedoch noch mehrere Jahre dauern, bis das Ziel erreicht wird.

Die Bestände der SS-Verfügungstruppe liegen bereits digital vor. Außerdem wurden die entsprechenden Quellen des Generalstabs des Heeres, des Heeresgruppenkommandos z.b.V., der Armeeoberkommandos 8, 10, 12 und 14 digitalisiert. Dasselbe gilt für die Wehrkreiskommandos III (Berlin), IV (Dresden), VII (München), VIII (Breslau), IX (Kassel), XIII (Nürnberg), XVII (Wien) und XVIII (Salzburg) sowie für das XIV. Armeekorps. Auf der Ebene der Divisionen können Sie aktuell die Bestände der 1. und der 3. Gebirgs-Division, der 7. Flieger-Division und der 44. Infanterie-Division online einsehen. Von den übrigen beteiligten Truppenteilen liegen hingegen keine oder nur vereinzelt Digitalisate vor.

Nicht digitalisierte Unterlagen können Sie entweder vor Ort einsehen oder deren Digitalisierung on demand beauftragen.

Bitte beachten Sie, dass aufgrund der angesprochenen Digitalisierungsbestrebungen des Bundesarchivs einzelne Bestände temporär nicht für die Benutzung bereitstehen können. Nähere Hinweise finden Sie auf unserer Internetseite zu den temporär gesperrten Beständen.

Benutzungshinweise für die Ersatzüberlieferung zur Zerschlagung der Tschechoslowakei

Die Unterlagen in dem Bestand MSG 2 liegen im Bundesarchiv aufgrund von privatrechtlichen Vereinbarungen vor. Da es sich um eine Sammlung zahlreicher privater Abgaben handelt, ist stets eine individuelle Prüfung der Akten und deren Rechtesituation nötig. Wenn Sie Akten gefunden haben, die Sie gern einsehen möchten, dann bitten wir Sie, uns deren Archivsignaturen mitzuteilen. In der Regel ist die Benutzung von Akten aus MSG 2 nicht an besondere Benutzungsbedingungen geknüpft. Die Rechtesituation erfordert jedoch eine der Benutzung vorausgehende Prüfung.

Bei N 145 handelt es sich ebenfalls um privates Archivgut, für das keine besonderen Benutzungsbedingungen gelten.

Wir bitten Sie, für eine Einsichtnahme in MSG 2 und N 145 neben Ihrem Benutzungsantrag auch die Besondere Verpflichtungserklärung für die Nutzung von Archivgut privater Herkunft einzureichen. Da es sich um Unterlagen privater Herkunft handelt, ist für die Benutzung die Unterzeichnung einer solchen Erklärung erforderlich. Sie verpflichten sich damit, die schutzwürdigen Belange von Personen, die in den Unterlagen genannt werden, angemessen zu wahren und Urheberrechte zu beachten.

Weitere Quellen in anderen Archiven und Institutionen

Die im Bundesarchiv vorliegenden Archivalien zur Zerschlagung der Tschechoslowakei gewähren einen Einblick in die Perspektive des Deutschen Reichs. Für ein besseres Verständnis der Ereignisse kann es zielführend sein, auch die Quellen im Národní archiv, dem Nationalarchiv der Tschechischen Republik, auszuwerten. Dort wird unter anderem Archivgut der vormaligen Tschechoslowakei verwahrt.

Národní archiv
Archivní 2257/4
149 00 Praha 4
Telefon: +420 974 847 240
Email

Falls Sie sich insbesondere für die tschechoslowakischen Truppen interessieren sollten, die zum Beispiel das Sudetenland räumen mussten, dann ist eine Anfrage beim Vojenský ústřední archiv sinnvoll. Hierbei handelt es sich um das Militaerarchiv der Tschechischen Republik.

Vojenský ústřední archiv
Pilotů 217 / 12
161 00 Praha 6 – Ruzyně
Telefon (Sekretariat): 973213-311
Telefon (Lesesaal): 97 213-380
Fax: 973213-308
Email

Weiterführende Links

Vormarsch einer deutschen Infanterieeinheit in Polen
Seite

Militärische Verbände und Einheiten bis 1945

Eine digitalisierte Version des Nachschlagewerks „Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS 1939-1945“ von Georg Tessin.

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Ansprechpartner

Bundesarchiv, Abteilung Militärarchiv

Wiesentalstraße 10
79115 Freiburg

Telefon: 030 18 665-1149
E-Mail: militaerarchiv@bundesarchiv.de