Das Bundesarchiv betreibt seit 2019 eigene Provenienzforschung in den Beständen der Bibliothek der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO) am Standort Berlin-Lichterfelde, gemäß der Washingtoner Erklärung vom 3.12.1998, der sich Deutschland mit der „Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ vom 9.12.1999 angeschlossen hat.
Die Stiftungsbibliothek umfasst ca. 30 Bibliotheken von Parteien und Massenorganisationen der DDR, die in die Stiftung eingebracht worden sind, und eine Vielzahl weiterer übernommener Bibliotheken. Sie verfügt insgesamt über ca. 1,7 Millionen Bände.
Raubgutfunde in Bibliotheksbeständen des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (IML)
Bei Stichproben stellte sich heraus, dass sich in einigen der eingebrachten oder übernommenen Bibliotheken Bücher befinden, die ihren Eigentümern während der NS-Zeit unrechtmäßig entzogen worden sind. Die Bücher gelangten nach Kriegsende 1945 als Übernahme oder antiquarischer Ankauf in den Bestand der betreffenden Bibliothek.
In besonderem Maße ist die Bibliothek des Instituts für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee (ZK) der SED (IML) betroffen. Den Grundstock dieser Bibliothek hatte Bruno Kaiser, seinerzeit Abteilungsdirektor in der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek Berlin (ÖWB), der späteren Deutschen Staatsbibliothek, in den Jahren 1948/1949 von der ÖWB für die in Gründung begriffene Bibliothek des Forschungsinstituts für wissenschaftlichen Sozialismus, Vorläufer des Marx-Engels-Lenin-Instituts (MELI), des späteren IML, übernommen: Es handelt sich um ca. 10.000 Bände Monographien, die von Oktober 1948 bis Dezember 1949 vor Ort in einem separaten Akzessionsjournal erfasst wurden, sowie weitere signierte Periodika und unbearbeitete Bände, die in den Folgejahren eingearbeitet worden sind.
Darüber hinaus wurden regelmäßig Bände von der „Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände an der Bibliothek Gotha (1953-1959) und an der Staatsbibliothek Berlin (seit 1959)“ (ZwA) übernommen. In einem Vertrag zwischen der ZwA und dem IML vom November 1965 wurde festgelegt, dass die IML-Bibliothek Bände aus der SPD-Bibliothek, aus dem Institut für Staatsforschung und aus dem Amsterdamer Institut für Sozialgeschichte übernehmen kann. Die Bibliothek des NS-Instituts für Staatsforschung hatte Bücher angekauft, die Emigranten oder Deportierte zurücklassen mussten. Im Jahr 1966 wurden ca. 90.000 Bände übernommen und sukzessive in die IML-Bibliothek eingearbeitet.
Innerhalb der IML-Bibliothek wurden beim Bestandsabgleich regelmäßig Dubletten ermittelt. Diese wurden entweder dem „Fonds wertvoller Titel“ für den Verkauf an Antiquariate oder dem „Dublettenfonds“ für den Schriftentausch zugewiesen. Der „Fonds wertvoller Titel“ hat einem Umfang von z.Z. noch ca. 9.000 Bänden, überwiegend mit Erscheinungsjahr vor 1945. Insgesamt enthält die Bibliothek des IML ca. 200.000 Bände mit Erscheinungsjahr vor 1945, die sukzessive auf einen möglichen NS-verfolgungsbedingten Entzug überprüft werden.
Seit 1993 werden in der Bibliothek der SAPMO gemäß Stiftungserlass u.a. auch Publikationen zur deutschen und internationalen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung eingearbeitet. Dazu gehören Bände aus den unbearbeiteten Beständen der eingebrachten Bibliotheken, u.a. aus der IML-Bibliothek. Unter den ca. 30.000 Bänden Monographien zuzüglich Periodika der Zugangsjahre 1993 bis 2019 mit Erscheinungsjahr vor 1945 können sich ebenfalls Bände aus NS-Raubgut befinden.
Systematische Recherchen und Restitution von NS-Raubgut
Die systematischen Recherchen erstreckten sich zunächst auf den Lesesaalbestand der Bibliothek der SAPMO und den Bibliotheksbestand im Findmittelraum des Bundesarchivs in Berlin-Lichterfelde sowie den durch die Bibliothek der SAPMO übernommenen und fortgeführten Dublettenbestand der Bibliothek des IML. Dabei fanden sich u.a. Bände aus der Bibliothek des Instituts für Sozialforschung (IfS), die 1933 beschlagnahmt worden war.
Im ersten Zugangsjahr der IML-Bibliothek, 1948 wurden in beträchtlichem Umfang Bände aus der Bibliothek des IfS ermittelt sowie einzelne Bände aus beschlagnahmten Privatbibliotheken. Im Rahmen der Bearbeitung noch gänzlich unbearbeiteter Bibliotheksbestände des IML mit einem Umfang von ca. 25.000 Bänden werden ebenfalls regelmäßig Bände aus NS-Raubgut, u.a. aus der Bibliothek des IfS, festgestellt.
Für Bände aus NS-Raubgut werden die Rechtsnachfolger ermittelt und ggf. die Restitution oder eine andere einvernehmliche Lösung vorbereitet. In den Jahren 2022 und 2023 konnten jeweils 1.000 Bände, im Jahr 2025 1.200 Bände sowie der Archivbestand RY 22 (Archiv des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt/Main) mit 572 Akteneinheiten an das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main zurückgegeben werden. Weitere Restitutionen sind in Vorbereitung.
