Lyrik und Kritik an der SED
Geboren wurde Wolf Biermann in Hamburg als Kind einer kommunistischen Arbeiterfamilie. Sein jüdischer Vater Dagobert war aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Jahrelang inhaftiert, wurde er 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet – eine Herkunft, die Wolf Biermann stark prägte.
Ein großer Teil der Akten, die die Verfolgung Dagobert Biermanns durch die NS-Justiz dokumentieren, sind vom Bundesarchiv digitalisiert worden und online einsehbar:
Weitere Nennungen in den Akten der Mitangeklagten sind über die Namenssuche bei invenio auffindbar.
Auftritts- und Veröffentlichungsverbot
Im Herbst 1965 kam es dann zum Eklat: In der Bundesrepublik erschienen die erste Langspielplatte Biermanns, „Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss (West)“, und der Gedichtband „Die Drahtharfe“. Wie Biermann in seinen Erinnerungen schrieb, nahm der Druck daraufhin spürbar zu. Am 5. Dezember1965 brachte das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ einen halbseitigen Artikel des Kulturredakteurs und späteren stellvertretenden Kulturministers Klaus Höpcke zu Biermann, der diesen wegen seiner Kritik an der SED und der positiven Resonanz in der Bundesrepublik scharf angriff.
Wie riskant diese Eskalation für Biermanns Existenz in der DDR wurde, zeigt seine Reaktion auf einen Artikel im westdeutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vom 14. Dezember 1965 mit dem dieser auf den Artikel des „Neuen Deutschlands“ reagierte. Dabei zitierte der „Spiegel“ ausgiebig aus einem Interview mit Biermann, wogegen dieser in einem Brief an die „Spiegel“-Redaktion protestierte. Biermann schickte noch vor Erscheinen der Zeitschrift eine Kopie dieses Schreibens an Kurt Hager, der sie weiterreichte an den Ersten Sekretär des ZK der SED Walter Ulbricht und den ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen Erich Honecker, der auf dem anstehenden 11. Plenum des ZK der SED die zentrale Rede halten sollte.
Doch die Wogen waren nicht mehr zu glätten. Am 15. Dezember 1965 begann das 11. Plenum des ZK der SED, das als „Kahlschlagplenum“ in die Geschichte einging. Die Parteiführung der SED beendete hier eine vorübergehende Liberalisierung ihrer Kulturpolitik. Erich Honecker bezeichnete Wolf Biermann in seinem einleitenden Bericht als Verräter an sozialistischen Grundpositionen und forderte, es sei an der Zeit, „der Verbreitung fremder und schädlicher Thesen und unkünstlerischer Machwerke“ entgegenzutreten. Er leitete so die folgenden Jahre des strikten Auftrittsverbots für Biermann ein.
Schon 1965 protestierten Kunstschaffende und Intellektuelle aus Ost und West gegen das Vorgehen der SED gegen Biermann. Die Parteiführung beobachtete diese Solidarisierung sehr genau. So übersandte Kurt Hager Kopien einiger Protestbriefe als Information an die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros der SED. In allen wurde ein fairer Umgang mit Wolf Biermann eingefordert. Die Akte mit diesen Briefen (BArch, DY 30/49037) enthält auch eine ausführliche Kritik des Gedichtbands „Die Drahtharfe“ durch den Kulturfunktionär und Lyriker Erhard Scherner.
Ein offizielles Verbot von Auftritten und Veröffentlichungen Wolf Biermanns aus dem Politbüro der SED oder dem Ministerium für Kultur ist allerdings nicht überliefert. Belegt ist dagegen eine interne Anweisung des FDJ-Zentralrats über ein allgemeines Auftrittsverbot Biermanns bei FDJ-Veranstaltungen, das schon vom 1. November 1965 stammt und die schrittweise Verschärfung der Maßnahmen gegen Biermann dokumentiert.
Anders als manch anderer Künstler verstummte Wolf Biermann unter dem Druck des Partei- und Staatsapparats nicht. Akten der Abteilung Kultur beim ZK der SED und des Ministeriums für Kultur zeigen deutlich die Hilflosigkeit der führenden Funktionäre im Umgang mit dem Phänomen Biermann. So wurde schon 1966 über eine Ausweisung Wolf Biermanns aus der DDR nachgedacht.
Trotz Auftritts- und Veröffentlichungsverbot in der DDR blieb Biermann als Dichter und Liedermacher präsent. Zwar konnte er nur im privaten Kreis auftreten, doch Aufnahmen seiner Lieder erschienen im Westen, regelmäßig auch Gedichtsammlungen und Einzeltexte. Biermanns Theaterstück „Der DRA-DRA“ wurde in der Bundesrepublik und Schweden aufgeführt.
Regelmäßig gingen Einladungen aus der Bundesrepublik und anderen westeuropäischen Ländern bei Biermann ein, die er mit der Bitte um Genehmigung an das zuständige Ministerium für Kultur weiterreichte. In der Akte DR 1/16895 sind mehrere dieser Anträge und der Umgang des Ministeriums mit ihnen überliefert, ebenso weitere Kontakte zwischen leitenden Ministeriumsmitarbeitern und Biermann.
Schon im März 1966 schickte der Abteilungsleiter Bruno Haid Biermann eine Einladung – oder Vorladung – zu einem Gespräch über Biermanns politische Positionen und den weiteren Umgang mit seinen Werken. Einen zusammenfassenden Vermerk über das Gespräch verfasste Haid am 10. Mai 1966.
Wenige Tage nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 in West-Berlin wurde Wolf Biermann mit seinem in Reaktion auf den Mordversuch verfassten Lied „Drei Kugeln für Rudi Dutschke“ zur 1.-Mai-Demonstration in West-Berlin eingeladen. Am 25. April 1968 vermerkte Haid, laut dem Minister für Kultur, Klaus Gysi, werde der Antrag abgelehnt.
Ebenfalls 1968 lud die niederländische Stiftung „J’accuse“ Biermann zu einer Veranstaltung im Januar 1969 ein. 1971 erfolgten Einladungen aus Schweden zur Premiere von Biermanns Stück „Der DRA-DRA“ in Göteborg und einem Auftritt im Schwedischen Radio, die vom Ministerium für Kultur ebenfalls abgelehnt wurden – aber wohl genehmigt worden wären, hätte Biermann auf seine Rückkehr in die DDR verzichtet.
Ausbürgerung Biermanns und die Folgen
Erst im September 1976 konnte Biermann nach Vermittlung der Liedermacherin Bettina Wegner und Einladung durch einen Gemeindepfarrer wieder öffentlich in der DDR auftreten – auf einer Kirchenveranstaltung in Prenzlau. Einige Wochen später, im November 1976, wurde ihm – zur eigenen Überraschung – eine Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland genehmigt.
Am Tag der Volkskammerwahl 1976, dem 17. Oktober, führte der Wahlhelfer Walter Hoyer mit Wolf Biermann in dessen Wohnung ein Gespräch. Derartige Wahlgespräche dienten dazu, Nichtwähler doch noch zur Stimmabgabe zu animieren. Der vierseitige Bericht ist eine der letzten Zusammenfassungen der politischen Positionen Wolf Biermanns aus Sicht des SED-Staats vor Biermanns Ausbürgerung. Das auf Seite 2 angesprochene Zitat von Rosa Luxemburg verwandte Biermann auch keinen Monat später bei seinem Konzert am 13. November 1976 in der Kölner Sporthalle. Nach Biermanns gefeiertem Auftritt in Köln beschloss das Politbüro des Zentralkomitees der SED, was Partei und Ministerium für StaatssicherheitMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... lange vorbereitet hatten: die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR. Der Politbürobeschluss zur Ausbürgerung Biermanns befindet sich in der Akte BArch, DY 30/46123. Der Ministerrat der DDR setzte den Politbürobeschluss dann in seiner Sitzung vom 18. November 1976 um.