Vor dem Plenum: SED und DDR-Kulturszene
Ab Mitte der 1960er Jahre verfolgte die DDR-Regierung sehr genau, welche Künstlerinnen und Künstler sowie Intellektuelle sich öffentlich – insbesondere in westdeutschen Medien – politisch äußerten. Der Chemiker und Regimekritiker Robert Havemann verlor wegen eines unautorisierten Artikels im „Hamburger Echo am Abend“ im März 1964 seine Professur an der Humboldt-Universität sowie seine SED-Mitgliedschaft. Der Schriftsteller Stefan Heym verärgerte die Hardliner im Politbüro mit seinem im Sommer 1965 in der westdeutschen „Zeit“ veröffentlichten Artikel „Die Langeweile von Minsk“. Darin kritisierte er die sozialistische Zensur. Auch der Liedermacher Wolf Biermann hatte mit politischen Gedichten in dem 1965 im West-Berliner Verlag Klaus Wagenbach veröffentlichten Lyrikband „Die Drahtharfe“ für einen Affront gesorgt.
Im Vorfeld des 11. Plenums traf sich Walter Ulbricht am 25. November 1965 mit prominenten Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu einem Gespräch. Das Thema: „Humanismus und Realismus in der DDR“. Der Grundtenor des im Dezember folgenden „Kahlschlag-Plenums“ wurde hier bereits deutlich. Ulbricht unterstellte einigen literarischen Werken, durch „skeptizistische“ Tendenzen einen negativen Einfluss auf die DDR-Jugend auszuüben. Am Beispiel von Werner Bräunigs Roman „Rummelplatz“ kritisierte er die „Schweinereien“, die das Werk schildere. Die Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“ (NDL) hatte zuvor Auszüge aus dem Roman veröffentlicht. Bräunig beschrieb in dem als Entwicklungsroman angelegten Text ungeschönt die Zustände des Bergbauunternehmens SDAG Wismut in den 1950er Jahren.
Ebenfalls einen Tag vor Beginn des Plenums erhielten die Teilnehmenden zur Vorbereitung eine Lesemappe. Hier waren u. a. Heyms Artikel „Die Langeweile von Minsk“, ein Gutachten zu Biermanns „Drahtharfe“ sowie Berichte zu kriminellen Handlungen von Jugendlichen und dem Auftreten von „Rowdygruppen“ enthalten. Die Inhalte sollten bewusst einen Zusammenhang zwischen Missständen in der Jugendpolitik und einer „liberalen“ Kulturpolitik herstellen. Analog zu den Lesematerialien gab es Filmvorführungen zu Kurt Maetzigs „Das Kaninchen bin ich“ und Frank Vogels „Denk bloß nicht, ich heule“ am Abend vor der Tagung.
„Kampf um Sauberkeit und Moral“ – Angriff auf die Kulturtätigen
Erich Honecker eröffnete die Debatte mit dem Bericht des Politbüros. Er prägte mit seinen Attacken auf einzelne Werke und Intellektuelle den kulturellen „Kahlschlag“ des 11. Plenums. Als Ursachen für ein vermehrtes Aufkommen jugendlicher Straftaten und „Rowdytum“ bezichtigte er neben Radiosendungen des DT 64 die beiden zuvor gezeigten Filme. Auch Heiner Müllers Theaterstück „Der Bau“ und Stefan Heyms unveröffentlichten Roman „Tag X“ über den Volksaufstand 1953 griff er wegen ihrer angeblich falschen Darstellung der DDR an. Er warf den Künstlern vor, durch die „Verbreitung von Unmoral und Skeptizismus […] im Zuge einer sogenannten Liberalisierung die Deutsche Demokratische Republik von innen her aufweichen zu wollen“.
Obwohl Walter Ulbricht die Neuausrichtung des Plenums nicht selbst initiiert hatte, schwenkte er auf den harten Kurs von Honecker ein. Er beschuldigte die Künstlerinnen und Künstler, „nur nach dem Westen zu blicken“ und kündigte insbesondere in Hinblick auf die Beatmusik an: „Man sollte diesen Dingen ein Ende bereiten […]“
Den einzigen offenen Widerspruch auf dem Plenum lieferte Christa Wolf, indem sie die „Politik des Mal-so-mal-so-Sprechens“ der Kulturabteilung des ZK kritisierte. Sie plädierte, Kunst sei nicht möglich ohne Wagnis. Außerdem verteidigte sie – wie auch schon beim Treffen mit Ulbricht am 25. November 1965 – den „Rummelplatz“ von Werner Bräunig. Die Rednerinnen und Redner des Plenums hatten diesen wiederholt als „pornographisch“ und „antisozialistisch“ angegriffen.