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Bundeskanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Theodor Blank schreiten bei ihrem Besuch in Andernach zusammen mit drei hochrangigen Bundeswehroffiziere eine angetretene Formation von Soldaten des Heeres und der Marine ab. Im Hintergrund stehen Pressefotografen.

Bundeskanzler Konrad Adenauer (3. v.l.) und Theodor Blank, Bundesminister der Verteidigung (2. v.l.), besuchen die ersten Freiwilligen der neugegründeten Bundeswehr (dahinter v. r.: Generalmajor Hellmuth Lägeler, Generalleutnant Adolf Heusinger), Quelle: Bundesregierung, B 145 Bild-00012010 / Unterberg, Rolf

Pressemitteilung

Hitzige Debatten zur Wehrpflicht, zur Verteidigung im Osten und zu Frauen in 70 Jahren Bundeswehr

Bundesarchiv stellt mehr als 100.000 Seiten online / Podiumsdiskussion „Zurück in die Zukunft“ (presseöffentlich)  

Eine Karte aus dem Jahr 1983 zur möglichen Militärfront an der innerdeutschen Grenze, Skizzen aus 1977 zum Uniformdesign von Sanitätssoldatinnen und die Himmeroder Denkschrift von 1950 als Basis der am 12. November 1955 gegründeten Bundeswehr: Diese und andere Quel­len gehören zu einem neuen Online-Schwerpunkt und Dokumenten­heft des Bundesarchivs. Zum 70-jährigen Bestehen der Bundeswehr hat das Archiv mehr als 100.000 Seiten historischer Dokumente aus Bestän­den seiner Abteilung Militärarchiv digitalisiert und online gestellt.

Hollmann: „Debatten und Entscheidungen aktueller denn je“

„In einer Zeit, in der Debatten und Entscheidungen zur Wehrpflicht und zur Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und der NATO aktueller denn je sind, wollen wir mit unserem digitalen Angebot eine niedrigschwel­lige Möglichkeit schaffen, sich auf der Basis gesicherter Informationen mit der Bundeswehr zu beschäftigen“, sagte Bundesarchiv-Präsident Michael Hollmann.

Allein die nachzulesende Himmeroder Denkschrift umfasst 48 Seiten. Sie ist das Ergebnis einer geheimen Tagung im Eifel-Kloster Himmerod im Jahr 1950 und gilt als maßgebend für Auftrag und Werte der Bundeswehr. Hier wurde das Konzept des „Staatsbürgers in Uniform“ der Parlamentsarmee entworfen, nach dem die künftigen Soldaten ihren Dienst nicht nur auf der Grundlage von militärischem Können und dem Prinzip von Befehl und Gehorsam, sondern auch aus der Identifikation mit demokratischen Werten heraus verrichten sollten.

Film zur ersten Wehrerfassung 1956

Aus der Gründungszeit sind unter anderem Vorschläge zur Gestaltung der Dienstflagge und der Hoheits­kennzeichen von Gefechts- und Luftfahrzeugen (1955) und Wochenschau-Filme über eine Bürgerveranstaltung zur Wehrpflicht in Köln (1954) und zur ersten Wehrerfassung (1956) des Geburtsjahrgangs 1937 zu sehen. Dazu kommen eine Kabinettsvorlage des Gesetzesentwurfs zur allgemeinen Wehrpflicht (1956) und ein Aufruf des Kreiswehrersatz­amtes Bonn zur Musterung für den Grundwehrdienst (1957).

Nachlesen lässt sich auch, wie der erste Generalinspekteur der Bundeswehr Adolf Heusinger den 100.000. Bundeswehrsoldaten im Jahr 1957 auszeichnet. Dem 18-jährigen Klaus-Jürgen Theimann aus Hemer im Sauerland überreicht er das Buch „Die großen Deutschen“ sowie ein Porträt des Bundesverteidigungsministers Franz Josef Strauß. Weitere Etappen in der Bundeswehrgeschichte sind eine Kabinettssitzung zum Gesetzentwurf über den zivilen Ersatzdienst (1957), die Hilfe von 40.000 Soldaten während der Flutkatastrophe an der deutschen Nordseeküste (1962) und Auslandseinsätze, etwa in Marokko und Somalia.

„Stewardessenmütze“ für Sanitätssoldatinnen

Erst im Jahr 2000 standen Frauen erstmals alle Laufbahnen in der Bundeswehr offen. Schon 1953 hatte es Debatten darüber gegeben, ausgelöst auch durch ein Papier des Bundesarbeitsministeriums. Dieses kam zu dem Schluss, dass sich der männliche Personalbedarf der künftigen Streitkräfte negativ auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes auswirken würde. Das Bundesarchiv zeigt auch Entwurfszeichnungen für Uniformen von Sanitätssoldatinnen aus dem Jahr 1977. Die Designs wurden Bundesverteidigungsminister Georg Leber persönlich zur Genehmigung vorgelegt. Er entschied, dass neben dem blauen Barett zum Feldanzug auch eine „Stewardessenmütze“ als Kopfbedeckung zum Dienstanzug für weibliche Sanitätsoffiziere einzuführen war. In einem Brief aus dem Jahr 1979 ist zu lesen, wie Schülerinnen einer Berufsschulklasse „HWM2“ aus Castrop-Rauxel im Ruhrgebiet Verteidigungsminister Apel darum bitten, dass sie im Zuge der Emanzipation auch Zugang zur Bundeswehr haben wollen – das Ministerium beschied die Anfrage negativ.

Das Verhältnis zwischen Militär und westdeutscher Zivilgesellschaft wird durch Dokumente des Bundesarchivs ebenso beleuchtet. Fotos und Flugblätter illustrieren, wie schon in den 1950er Jahren Menschen gegen Wiederbewaffnung, Kriegsdienst und atomare Ausrüstung der Bundeswehr protestierten. Unterlagen zu Friedensdemonstrationen und gewaltsamen Ausschreitungen in Bremen 1980 geben Einblick in das gesellschaftliche Klima während der Zeit des atomaren Wettrüstens und des NATO-Doppelbeschlusses.

Armee im vereinigten Deutschland 1990 und Abzug der Sowjets

1990 stand die Bundeswehr vor Herausforderungen durch die Deutsche Einheit. Dokumente geben Zeugnis etwa zum Wechsel Zehntausender Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR zur Bundeswehr, zur Sicherung und Entsorgung von Waffen, Munition und anderem Material der aufgelösten ostdeutschen Armee oder zum Rückbau der innerdeutschen Grenzanlagen der ehemaligen DDR und der Begleitung des Abzugs der sowjetischen Streitkräfte aus Deutschland. Dazu gehören auch die Kostenschätzung des Ministeriums zum Bedarf an Bundes­wehr­uniformen und persönlichen Ausstattungsgegenständen für frühere NVA-Soldaten (1990), ein Bild zum letzten Fahnenappell bei der NVA am Vortag der Vereinigung, dem 2. Oktober 1990 in Bad Düben (Bezirk Leipzig) und Tabellen zu NVA-Material inklusive der Munition, das in die Bundeswehr überführt wurde (1990).

Militärarchiv im Bundesarchiv

Am Standort in Freiburg verwahrt das Militärarchiv mehr als 50 Regalkilometer Akten, Lagekarten und technische Pläne deutscher Streit­kräfte seit der Gründung des Deutschen Reiches 1871. Dazu gehören Archivalien der Preußischen Armee, der Kaiserlichen Marine, der Kai­serlichen Schutztruppen, der Freikorps, der Reichswehr, Wehrmacht und Waffen-SS, der Nationalen Volksarmee, der Grenztruppen der DDR und der Bundeswehr. 1954 hatte die Bundesregierung beschlossen, für die dauerhafte Sicherung und Nutzbarmachung von Unterlagen mili­tärischer Herkunft beim Bundesarchiv die Abteilung Militärarchiv einzurichten. Dies war auch dem Engagement des Bundesarchiv-Präsidenten Georg Winter geschuldet. Im internationalen Vergleich ist es eher ungewöhnlich, dass ein Nationalarchiv Dokumente zur Sicherheits- und Verteidigungspolitik wenige Jahre nach ihrer Entstehung als Archivgut übernimmt.

Dokumentenheft zum Download (PDF)

Das Heft ist bestellbar über oeffentlichkeitsarbeit@bundesarchiv.de

Veranstaltungseinladung für Redaktionen (nach Anmeldung):

„Zurück in die Zukunft? Die Bundeswehr in Zeiten neuer Herausforderungen“: Anmeldung für Medien bis 23. Oktober 2025 an veranstaltungen@bundesarchiv.de

Datum: Montag, 27. Oktober, 18:00 Uhr

Ort: Bundesarchiv Koblenz, Potsdamer Str. 1, 56075 Koblenz

Grußworte:  
Prof. Dr. Michael Hollmann, Präsident des Bundesarchivs, Dr. Nicole Schilling, Generaloberstabsärztin, Stellvertreterin des General­inspekteurs der Bundeswehr, Michael Steidel, Abteilungsleiter Militärarchiv

Podium:
Matthias Lau, Brigadegeneral, Prof. Dr. Sönke Neitzel, Professor für Militärgeschichte, Unversität Potsdam, Dr. Thorsten Rudolf, MdB, Koblenz, Moderation: Tanja Samrotzki

Kontakt zur Pressestelle

Elmar Kramer, Stellv. Pressesprecher

Pressesprecher

Elmar Kramer

Telefon: 030 18 665-7181
E-Mail: elmar.kramer@bundesarchiv.de