Maskottchen hat es wahrscheinlich in jeder deutschsprachigen Armee der Neuzeit gegeben und die Bundeswehr stellt diesbezüglich keine Ausnahme dar. Nachdem die Stadt Bonn im Jahr 1959 dem Wachbataillon einen Mufflonbock namens „Kuno“ geschenkt hatte, entwickelte sich in der Truppe rasch ein ausgeprägtes Maskottchenwesen: Die „Maskottiere“, wie sie im offiziellen Schriftverkehr genannt wurden, stammten häufig aus lokalen Zoohandlungen, wurden gelegentlich aber auch von Auslandsmanövern mitgebracht.
Ein in der jungen Bundesmarine recht bekanntes Maskottchen war „Fridolin“, ein an der Marineunteroffizierschule beheimateter Zwergesel. Er nahm – trotz gegenteiliger Weisung aus dem Verteidigungsministerium – regelmäßig an öffentlichen Auftritten der Schule teil und wurde dafür über die Jahre mehrfach „befördert“. Im Jahr 1969 verstarb er im (fiktiven) Rang eines „Oberseewebels“.
Das Ende des Kalten Krieges läutete auch das allmähliche Ende des Maskottchenwesens in der Bundeswehr ein. Ihre Einheiten waren nun häufig über Monate hinweg im Ausland eingesetzt und konnten sich dementsprechend kaum noch um ihre nichtmenschlichen Kameraden am Heimatstandort kümmern. Daher besitzt heute nur noch das Wachbataillon einige Ziegen, die die Traditionslinie von „Kuno“ fortführen.
Das vorliegende Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, BW 1/59307. Dieses Schriftgut entstand bei der Abteilung U (Unterbringungs- und Liegenschaftswesen) des Bundesministeriums für Verteidigung. Andere Vorgänge in der Akte befassen sich mit der Einhaltung tierärztlicher Vorgaben durch die Truppe, den durch die Haltung von Maskottchen entstehenden Kosten sowie der Verwertung von Küchen- und Speiseresten durch die überwiegend vierbeinigen Kameraden.
Historischer Hintergrund
Der Ursprung von Maskottchen im Rahmen der soldatischen Brauchtumspflege in der Bundeswehr ist aus amtlichem Archivgut nicht herzuleiten. Beispiele finden sich sowohl in den preußischen und deutschen Streitkräften vor 1945 als auch bei den verbündeten Streitkräften nach 1945. Nutztiere hingegen waren jahrhundertelang Teil fast aller Armeen weltweit.
Vor allem in der Frühphase der Bundeswehr scheinen die Soldaten in Kasernen und an Bord von Schiffen und Booten Hunde, Ziegen etc. als tierische Kameraden geschätzt zu haben. Ihre Anwesenheit förderte Motivation und Identifikation innerhalb der jeweiligen Einheiten bzw. Besatzungen. Außerdem stärkten sie den sozialen Zusammenhalt. Dieses besondere Beispiel für soldatisches Brauchtum wurde in der Bundeswehr mehr geduldet als gefördert. Im Verlauf der 1960er Jahre reglementierte das Verteidigungsministerium das Maskottchenwesen stark.
Die im Archivgut überlieferten Fotos erwecken den Eindruck, dass es den tierischen Kameraden bei der Bundeswehr nicht an Fürsorge und Zuwendung mangelte. Ob dabei in allen Belangen dem Tierschutz entsprochen wurde, muss dahingestellt bleiben.