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Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR bei einer Parade, teilweise auf einem LKW. Im Hintergrund stehen Zuschauerinnen und Zuschauer auf Tribünen.

Parade der NVA anlässlich des Staatsfeiertags der DDR („Tag der Republik“) am 7. Oktober 1978, Quelle: BArch, Bild 183-T1007-012 / Siebahn, Manfred

Die Bundeswehr aus Sicht des Gegners

„Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“, lautete ein Leitmotiv der Bundeswehr während des Kalten Krieges. Die DDR beobachtete die militärischen Fähigkeiten der westdeutschen Streitkräfte in dieser Zeit aufmerksam.

Die Bundeswehr evaluierte in jährlichen Berichten ihren Umfang an Personal und Material sowie den inneren Zustand der Streitkräfte hinsichtlich Ausbildung und Motivation. Die Berichte des militärischen Auslandsnachrichtendienstes der DDR, der Verwaltung Aufklärung im Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV), zeigen dagegen den Blick der Nationalen Volksarmee (NVA) auf die Bundeswehr.

Ende der 1970er Jahre kam das MfNV zu der Einschätzung, „daß die Bundeswehr gegenwärtig über die höchste Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft seit ihrem Bestehen verfügt“. Weiter heißt es in dem Bericht, dass „die operativen und Gefechtsmöglichkeiten der Verbände weiter bedeutend anwachsen“ und sich daraus „neue Qualitäten für deren Umsetzung in starke Schläge sowie angespannte und schnellablaufende Operationen und Gefechte ergeben“ würden. Aus Sicht der NVA war die Bundeswehr zu diesem Zeitpunkt eine kampfkräftige Armee und ein ernstzunehmender Gegner.

  • Ministerium für Nationale Verteidigung, Verwaltung Aufklärung: Information über Zustand und Perspektiven der Streitkräfte der DDR, Oktober 1978 (Auszüge)
    Ministerium für Nationale Verteidigung, Verwaltung Aufklärung: Information über Zustand und Perspektiven der Streitkräfte der DDR, Oktober 1978 (Auszug)
  • Ministerium für Nationale Verteidigung, Verwaltung Aufklärung: Information über Zustand und Perspektiven der Streitkräfte der DDR, Oktober 1978 (Auszüge)
    Ministerium für Nationale Verteidigung, Verwaltung Aufklärung: Information über Zustand und Perspektiven der Streitkräfte der DDR, Oktober 1978 (Auszug)
  • Ministerium für Nationale Verteidigung, Verwaltung Aufklärung: Information über Zustand und Perspektiven der Streitkräfte der DDR, Oktober 1978 (Auszüge)
    Ministerium für Nationale Verteidigung, Verwaltung Aufklärung: Information über Zustand und Perspektiven der Streitkräfte der DDR, Oktober 1978 (Auszug)

Das auszugsweise vorliegende Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, DVW 1/94062. Dabei handelt es sich um eine Akte aus dem Registraturgut der Verwaltung Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR. Die Akten der Verwaltung Aufklärung sind im Archivbestand BArch, DVW 1 unter einem eigenen Klassifikationspunkt zusammengefasst. Dort befinden sich weitere Einschätzungen des militärischen Auslandsnachrichtendienstes der DDR zur Bundeswehr.

Historischer Hintergrund

Ende der 1970er Jahre erreichte die Bundeswehr einen Friedensumfang von mehr als 490.000 Soldaten. Mit Friedensumfang ist der Stamm der aktiven Soldaten gemeint. Im Verteidigungsfall hätte die Bundeswehr durch die Einziehung von Reservisten und zusätzlichen Wehrpflichtigen auf über 1,2 Millionen Soldaten anwachsen sollen. In Mitteleuropa stellte sie 50 Prozent der NATO-Landstreitkräfte, 50 Prozent der bodengestützten Luftverteidigung, 30 Prozent der Kampfflugzeuge und in der Ostsee 70 Prozent der See- sowie 100 Prozent der Seeluftstreitkräfte. Ein stark angewachsener Verteidigungshaushalt, die Wehrstrukturreform sowie eine umfassende Modernisierung der Ausrüstung hatten die Bundeswehr zu diesem Zeitpunkt zu einer der größten und kampfstärksten Armeen in Europa gemacht.

Auch der Bericht der Verwaltung Aufklärung im MfNV aus dem Jahr 1978 bescheinigte der Bundeswehr eine hohe militärische Qualität. Neben der Hauptverwaltung AHauptverwaltung ASpionageabteilung des MfS, deren Bezeichnung sich an die der Spionageabteilung des KGB, 1.... des Ministeriums für Staatssicherheit war sie der zweite Auslandsnachrichtendienst der DDR. Die Verwaltung Aufklärung betrieb militärpolitische und -strategische Spionage gegen Einrichtungen der Bundeswehr und der NATO sowie der militärtechnischen Forschung und Rüstung in Nord- und Westeuropa, besonders in der Bundesrepublik, den Benelux-Staaten, Dänemark und Frankreich.

Die von der Verwaltung Aufklärung erstellten Berichte über den Zustand und die Kampfkraft der Bundeswehr sind eine wichtige historische Quelle zur Erforschung der gegenseitigen Bedrohungswahrnehmungen während der Zeit der Ost-West-Konfrontation. Die im Bericht von 1978 der Bundeswehr zugestandene Fähigkeit zur „Kriegsentfesselung“ entsprang einer bestimmten Logik.  Die sozialistische Ideologie des Klassenkampfes unterstellte dem Westen demnach, dass er den sozialistischen Block politisch und militärisch vernichten wolle, da er nur so die propagierte Herrschaft der Arbeiterklasse und den damit verbundenen Untergang des Kapitalismus verhindern könne.

Ein getarnter Flak-Panzer vom Typ „Gepard“ steht während des Manövers „Fränkischer Schild“ auf einem Feld.
Getarnter Flak-Panzer „Gepard“ während des Manövers „Fränkischer Schild“ 1986Quelle: BArch, B 145 Bild-F073485-0009 / Schambeck, Arne