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Deckblatt des Erfahrungsberichts zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969

Erfahrungsbericht zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969, Quelle: BArch, BH 7-3/518a

Die Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“

Mit dem Manöver „Großer Rösselsprung“ demonstrierte die Bundeswehr während des Kalten Krieges ihre Verteidigungsbereitschaft. Die Gefechtsübung an der strategisch wichtigen „Fulda-Lücke“ war auch ein politisches Signal an die Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts.

Am Morgen des 8. September 1969 begann das Bundeswehr-Manöver „Großer Rösselsprung“: In Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen traten rund 65.000 Soldaten des NATO-Bündnisses zum Manöver an, über 15.000 Fahrzeuge und 100 Kampfjets kamen zum Einsatz. Hauptübungsgebiete waren das Solling-Gebirge, die Warburger Börde und das Vogelsberg-Gebirge. Als Teil der Übung sprangen 1.000 Fallschirmjäger bei Nacht über dem Übungsgebiet ab.

Die 7. Panzergrenadierdivision nahm die Rolle des Angreifers ein, die 2. Panzergrenadierdivision die des Verteidigers. Beide gehörten zum III. Korps der Bundeswehr, das das Gros der Soldaten stellte. Amerikanische, belgische und französische Einheiten beteiligten sich ebenfalls an dem Manöver – sowohl auf der Seite des Angreifers wie auch des Verteidigers. Das Manöver endete am 12. September.

NATO und Bundeswehr gingen davon aus, dass die Armeen des Warschauer Pakts ihre Angriffe über die Norddeutsche Tiefebene in Richtung Ruhrgebiet und/oder die sogenannte Fulda-Lücke in Richtung Westen planen würden. Damit war das ebene Terrain entlang der Nidda nahe der hessischen Stadt Fulda gemeint. Wegen seiner geografischen Gegebenheiten galt dieser Raum zwischen mehreren Mittelgebirgen als wahrscheinliche Einfallsschneise eines sowjetisch geführten Angriffs auf den Großraum Frankfurt. Hier ragte das Staatsgebiet der DDR weit nach Westen und das flache Gelände eignete sich für einen schnellen Vorstoß von Panzerverbänden. Ein erfolgreicher Angriff hätte einen Keil zwischen die beiden NATO-Armeegruppen NORTHAG (Northern Army Group) und CENTAG (Central Army Group) getrieben.

Seite 9 des Erfahrungsberichtes zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969
Darstellung der fiktiven Kriegslage zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969Quelle: BArch, BH 7-3/518a

„ROT war im Angriff von Ost nach West in BLAULAND eingedrungen. Der Angriff hatte sich in NORDDEUTSCHLAND auf breiter Front festgelaufen. ROT führte deswegen weitere Kräfte heran, um [...] den weiter nördlich stehenden Hauptkräften den Weg ins RUHRGEBIET zu öffnen.“

Erfahrungsbericht des III. Korps zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969
BArch, BH 7-3/518a, Image 0269

  • Deckblatt des Erfahrungsberichts zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969
    Deckblatt des Erfahrungsberichts zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969
  • Seite 7 des Erfahrungsberichtes zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969
    Seite 7 des Erfahrungsberichtes zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969
  • Seite 8 des Erfahrungsberichtes zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969
    Seite 8 des Erfahrungsberichtes zur Gefechtsübung „Großer Rösselsprung“, 1969

Das vorliegende Dokument stammt aus dem Registraturgut des Stabes bzw. des Korpskommandos III. Korps. Das Archivgut umfasst neben dem Erfahrungsbericht auch die Bemerkungen des Generalinspekteurs der Bundeswehr zur Abschlussbesprechung des Manövers.

Historischer Hintergrund

Mit dem „Großen Rösselsprung“ demonstrierten die Bundeswehr und ihre Verbündeten der Öffentlichkeit ihren Verteidigungswillen. Unter den Augen der eigenen Bevölkerung und der gegnerischen Nachrichtendienste kamen rund 200 neue Kampfpanzer vom Typ Leopard I zum Einsatz. Hinzu kam eine umfassende publizistische Begleitung, das Manöver fand große mediale Beachtung unter anderem in einem Bericht des Magazins „Der Spiegel“ vom 14. Oktober 1969. Die lokale Waldeckische Landeszeitung berichtete über den Besuch des Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger und die Hessische Allgemeine druckte Pressemeldungen zur Übung.  Mit seinem Besuch unterstrich der Bundesminister der Verteidigung Gerhard Schröder den hohen Stellenwert dieses Ereignisses.

Rund ein Jahr nach der militärischen Unterdrückung des Prager Frühlings durch Soldaten des Warschauer Pakts präsentierte die Bundeswehr öffentlichkeitswirksam die eigene Einsatzfähigkeit. Dabei betonte sie den Schulterschluss mit den belgischen, französischen und vor allem US-amerikanischen Verbündeten.

Mit Militärmanövern wie dem „Großen Rösselsprung“ übte die Bundeswehr während des Kalten Krieges Abläufe und Verfahrensweisen verschiedener Szenarien ein. Diese waren öffentlich sichtbar und damit auch ein Signal der militärischen Stärke an mögliche Gegner. Übungen dieser Art schufen vielfältige Berührungspunkte zwischen der Bevölkerung und den teilnehmenden Soldaten, es kam zu zahlreichen Begegnungen – aber auch zu Lärmbelästigung, Verkehrsbeeinträchtigungen und Flurschäden.

Als historische Quelle ermöglichen die archivierten Übungsunterlagen Rückschlüsse auf die damaligen Bedrohungswahrnehmungen und angenommene Kriegsbilder. Der 44-seitige Erfahrungsbericht gibt einen detaillierten Einblick in die während der Übung zutage getretenen Stärken und Schwächen in der Stabsorganisation sowie in der Aufklärung und Versorgung der beteiligten Einheiten und Verbände. Im Schlusskapitel führt der Bericht die von der Übung verursachten Kosten und Flurschäden an der zivilen Infrastruktur und Natur auf.