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Soldaten unterschiedlicher Nationen tragen ihre Länderflaggen und marschieren bei einer Parade auf dem Nürburgring anlässlich des 20-jährigen Bestehens der NATO.

Parade der verbündeten Streitkräfte auf dem Nürburgring anlässlich des 20-jährigen Bestehens der NATO, 1969, Quelle: BArch, B 145 Bild-F029230-0005 / Reineke, Engelbert

NATO-Strategie und nationale Interessen

Die strategischen Vorstellungen der NATO und der Bundeswehrführung über das richtige Vorgehen im Falle eines Angriffs des Warschauer Paktes gingen zum Teil auseinander. Besonders über die vermutliche Vorwarnzeit und die Stärke der NATO-Präsenzkräfte gab es unterschiedliche Positionen.

Die Verteidigungsstrategie der NATO und die strategischen Überlegungen der Bundeswehrführung waren nicht immer kompatibel. Ein Beispiel für unterschiedliche Auffassungen findet sich in einem Briefwechsel aus dem Sommer 1973 zwischen dem Bonner Verteidigungsministerium und dem Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte Europa-Mitte, Bundeswehr-General Jürgen Bennecke.

Bennecke war von Juli 1968 bis September 1973 Commander in Chief Allied Forces Central Europe (CINCENT/AFCENT). Damit war er verantwortlich für die operative Verteidigungsplanung der NATO-Streitkräfte auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Die Militärstrategen des Verteidigungsministeriums gaben Bennecke zu verstehen, dass sie das Vorhalten größtmöglicher Präsenzkräfte für das beste Mittel einer grenznahen Abwehr eines massiven sowjetischen Angriffs hielten. Zugleich sprachen sie sich für die frühzeitige Entscheidungsfindung innerhalb der NATO über den Einsatz taktischer Atomwaffen aus. Grund dafür war, dass die Verantwortlichen in Bonn Zweifel hatten, ob die NATO eine konventionelle Verteidigung in Grenznähe über einen längeren Zeitraum hätte aufrechterhalten können.

  • Brief von Generalinspekteur Armin Zimmermann an den Oberbefehlshaber der Verbündeten Streitkräfte Europa-Mitte (CINCENT) Jürgen Bennecke, 30. Juli 1973
    Brief von Generalinspekteur Armin Zimmermann an den Oberbefehlshaber der Verbündeten Streitkräfte Europa-Mitte (CINCENT) Jürgen Bennecke, 30. Juli 1973
  • Brief von Generalinspekteur Armin Zimmermann an den Oberbefehlshaber der Verbündeten Streitkräfte Europa-Mitte (CINCENT) Jürgen Bennecke, 30. Juli 1973
    Brief von Generalinspekteur Armin Zimmermann an den Oberbefehlshaber der Verbündeten Streitkräfte Europa-Mitte (CINCENT) Jürgen Bennecke, 30. Juli 1973
  • Brief von Generalinspekteur Armin Zimmermann an den Oberbefehlshaber der Verbündeten Streitkräfte Europa-Mitte (CINCENT) Jürgen Bennecke, 30. Juli 1973
    Brief von Generalinspekteur Armin Zimmermann an den Oberbefehlshaber der Verbündeten Streitkräfte Europa-Mitte (CINCENT) Jürgen Bennecke, 30. Juli 1973

Das präsentierte Dokument stammt aus dem Archivgut mit der Signatur BArch, BW 2/59804. Die Akte stammt aus dem Registraturgut der für Militärpolitik und Militärstrategie zuständigen Stabsabteilung Fü S III im Führungsstab der Streitkräfte des Bundesministeriums der Verteidigung.

Historischer Hintergrund

Bennecke befand sich in einer schwierigen Rolle: Als General der Bundeswehr blieb er grundsätzlich nationalen Interessen verpflichtet. Zugleich hatte er in seiner Funktion als CINCENT die politischen und strategischen Vorgaben des Bündnisses und seiner Mitglieder umzusetzen.

Bennecke schätzte die Vorwarnzeiten vor einem Angriff aus dem Osten positiver ein als Zimmermann. Er rechnete mit einer längeren Spannungsphase vor einem geplanten Angriff des Warschauer Paktes. Zudem ging er davon aus, dass die NATO-Partner eher dazu geneigt waren, ihre teuren Präsenzkräfte in der Bundesrepublik zu verringern als weiter zu erhöhen. Damit rechtfertigte er die Idee, die Abwehrfront erst im Fall der Fälle und dann durch Heranführung von Reservekräften, insbesondere aus den USA, aufzubauen. Die Bundeswehrführung befürchtete, dass dadurch weite Teile des eigenen Landes in einem möglichen Krieg verwüstet würden und im äußersten Fall sogar Schauplatz eines Atomkriegs werden könnten.

Die NATO als politische Allianz und Militärbündnis wird getragen vom Grundsatz der Freiwilligkeit und des gemeinsamen Konsenses bei der Entscheidungsfindung. Auch in Strategiediskussionen der NATO musste stets ein Ausgleich zwischen den nationalen Interessen der Mitgliedsstaaten und den Erfordernissen einer kollektiven Verteidigung ausgehandelt werden. Die hier vorgestellte Episode gibt einen kleinen Einblick.

Im Jahr 1968 hatte die NATO die Strategie der „Flexible Response“ (Flexible Antwort) verabschiedet. Sie ersetzte die Strategie der „Massive Retaliation“ (Massive Vergeltung), die als Reaktion auf jedwede Art militärischer Aggression den sofortigen Einsatz von Nuklearwaffen vorsah. Kerngedanke der „Flexible Response“ war die Unvorhersehbarkeit der militärischen (Gegen-)Reaktion für den Warschauer Pakt auf seinen zu erwartenden Angriff.

Ein deutsches Werbeplakat für die Integration der Bundeswehr in die NATO mit der Aufschrift: „NATO, seine Kameraden, unsere Verbündeten"
Plakat „Seine Kameraden, unsere Verbündeten“, ca. 1956Quelle: BArch, Plak 005-042-012 / Willy F. P. Fehling GmbH, Hannover

Die „Flexible Response“ sah drei abgestufte Reaktionsformen vor. Die erste Stufe bildete die „Direkte Verteidigung“ mit hauptsächlich konventionellen Streitkräften. Die zweite Stufe war die „Vorbedachte Eskalation“, eine gezielte Ausweitung des Konflikts, um das Risiko für den Gegner zu erhöhen, die Feindseligkeiten weiterzuführen. Hierbei war auch der verstärkte Einsatz von Nuklearwaffen angedacht. Die dritte Eskalationsstufe bildete schließlich die „Allgemeine nukleare Reaktion“. 

Die „Direkte Verteidigung“ beinhaltete, dass die Bundeswehr und ihre Verbündeten einen Angriff unmittelbar an der östlichen Grenze der Bundesrepublik Deutschland abwehren sollten. Die geringe Tiefe des bundesdeutschen Territoriums und die zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners waren die zentralen Herausforderungen für die operativen Planungen der Bundeswehr. Der Schritt zur nächsten Eskalationsstufe – der „Vorbedachten Eskalation“ – hätte von den NATO-Mitgliedern gemeinsam beschlossen werden müssen. Doch nach Einschätzung der Militärstrategen der Bundeswehr hätte dafür im Ernstfall die Zeit gefehlt.