Die Verteidigungsstrategie der NATO und die strategischen Überlegungen der Bundeswehrführung waren nicht immer kompatibel. Ein Beispiel für unterschiedliche Auffassungen findet sich in einem Briefwechsel aus dem Sommer 1973 zwischen dem Bonner Verteidigungsministerium und dem Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte Europa-Mitte, Bundeswehr-General Jürgen Bennecke.
Bennecke war von Juli 1968 bis September 1973 Commander in Chief Allied Forces Central Europe (CINCENT/AFCENT). Damit war er verantwortlich für die operative Verteidigungsplanung der NATO-Streitkräfte auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Die Militärstrategen des Verteidigungsministeriums gaben Bennecke zu verstehen, dass sie das Vorhalten größtmöglicher Präsenzkräfte für das beste Mittel einer grenznahen Abwehr eines massiven sowjetischen Angriffs hielten. Zugleich sprachen sie sich für die frühzeitige Entscheidungsfindung innerhalb der NATO über den Einsatz taktischer Atomwaffen aus. Grund dafür war, dass die Verantwortlichen in Bonn Zweifel hatten, ob die NATO eine konventionelle Verteidigung in Grenznähe über einen längeren Zeitraum hätte aufrechterhalten können.
Das präsentierte Dokument stammt aus dem Archivgut mit der Signatur BArch, BW 2/59804. Die Akte stammt aus dem Registraturgut der für Militärpolitik und Militärstrategie zuständigen Stabsabteilung Fü S III im Führungsstab der Streitkräfte des Bundesministeriums der Verteidigung.
Die „Flexible Response“ sah drei abgestufte Reaktionsformen vor. Die erste Stufe bildete die „Direkte Verteidigung“ mit hauptsächlich konventionellen Streitkräften. Die zweite Stufe war die „Vorbedachte Eskalation“, eine gezielte Ausweitung des Konflikts, um das Risiko für den Gegner zu erhöhen, die Feindseligkeiten weiterzuführen. Hierbei war auch der verstärkte Einsatz von Nuklearwaffen angedacht. Die dritte Eskalationsstufe bildete schließlich die „Allgemeine nukleare Reaktion“.
Die „Direkte Verteidigung“ beinhaltete, dass die Bundeswehr und ihre Verbündeten einen Angriff unmittelbar an der östlichen Grenze der Bundesrepublik Deutschland abwehren sollten. Die geringe Tiefe des bundesdeutschen Territoriums und die zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners waren die zentralen Herausforderungen für die operativen Planungen der Bundeswehr. Der Schritt zur nächsten Eskalationsstufe – der „Vorbedachten Eskalation“ – hätte von den NATO-Mitgliedern gemeinsam beschlossen werden müssen. Doch nach Einschätzung der Militärstrategen der Bundeswehr hätte dafür im Ernstfall die Zeit gefehlt.