Das vorliegende Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, BW 9/3119c. Die Archivalie enthält auch die Beurteilung des Inhalts der Denkschrift durch den Leiter der Zentrale für Heimatdienst, Gerhard Graf von Schwerin.
Historischer Hintergrund
Unter dem Titel „Denkschrift über die Aufstellung eines Deutschen Kontingents im Rahmen einer übernationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas“ wurde auf Veranlassung von Bundeskanzler Adenauer nicht weniger als die Grundlage eines westdeutschen Verteidigungsbeitrages im westeuropäischen Gesamtkontext gelegt. Die Zentrale für Heimatdienst unter Graf von Schwerin, dem damaligen Berater des Bundeskanzlers in militärischen und Sicherheitsfragen, bereitete die Konferenz der Experten im Kloster Himmerod als sogenannten „Generalstabs-Ausschuss“ vor. Die Experten tagten vom 5. bis 9. Oktober 1950. Fast alle Mitglieder waren während ihrer militärischen Karriere entweder selbst als General bzw. Admiral oder als Offizier in einem Generalstab tätig. („Aide Mémoire Nr. 5“ vom 26. September 1950 (BArch, BW 9/3110)).
Der Ausschuss bestand aus 15 Offizieren der ehemaligen Wehrmacht sowie Adenauers persönlichem Referenten, Herbert Blankenhorn, und einigen Fachreferenten ohne militärischen Hintergrund. Als Besprechungsort wurde das abgelegene Eifelkloster Himmerod gewählt. Die Tagung fand im Geheimen statt, da zu diesem Zeitpunkt die Bundesrepublik Deutschland noch nicht souverän war und unter dem Besatzungsstatut stand. Dieses sah keine bundesdeutschen Streitkräfte vor. Unter Führung des ehemaligen Generalleutnants der Wehrmacht, Hans Speidel, erarbeiteten die Konferenzteilnehmer eine Konzeption zu Aufbau, Ausstattung und Ausbildung westdeutscher Streitkräfte. Die Ergebnisse verfassten sie in Form einer Denkschrift als Empfehlungen für die Bundesregierung. Sie war Grundlage für die weiteren Verhandlungen mit den westlichen Alliierten.
Vor allem das Konzept der Vorwärtsverteidigung war inhaltlich von zentraler Bedeutung. Speidel und der ehemalige Chef der Operationsabteilung des Generalstabs im Oberkommando des Heeres, Oberst Adolf Heusinger, hatten es entwickelt. Die Verteidigung Westeuropas sollte so weit ostwärts wie möglich und von Kriegsbeginn an möglichst beweglich und offensiv, d. h. mit Gegenangriffen, erfolgen. Die stark von der Sichtweise ehemaliger Heeresoffiziere der Wehrmacht geprägte Denkschrift empfahl, zwölf Heeresdivisionen als deutschen Hauptbeitrag aufzustellen. Die Rolle von See- und Luftstreitkräften wurde als weniger bedeutend angesehen. Die Idee der Vorwärtsverteidigung blieb jahrzehntelang die operative Leitvorstellung der Bundeswehrführung.
Das Kriegsbild der deutschen Offiziere, das in der Denkschrift zum Ausdruck kommt, war noch ganz der Denkweise aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs verhaftet. Und auch über eine mögliche Kriegsführung im Zeitalter von Atomwaffen hatten die teilnehmenden Offiziere zu diesem Zeitpunkt weder Kenntnisse noch Erfahrungen, da sie von den Atommächten zu diesem Zeitpunkt noch keine Informationen erhielten.