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Foto des Bundestagsausschusses für Fragen der europäischen Sicherheit. Männer in Anzügen sitzen an Tischen, vor ihnen liegen Unterlagen. Ein Mitglied blickt direkt in die Kamera. Das Foto wurde hinter dem Tisch des Vorsitzenden aufgenommen.

Sitzung des Bundestagsausschusses für Fragen der europäischen Sicherheit, 2. Wahlperiode, Quelle: Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn / Engels, Heinz.
Digitalisat zur Verfügung gestellt vom Parlamentsarchiv des Deutschen Bundestages, Signatur B 11/28-44.

Wie die Bundeswehr zu ihrem Namen kam

Der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für europäische Sicherheit, der Abgeordnete Richard Jaeger (CSU), führte im Juli 1955 die Bezeichnung „Deutsche Bundeswehr“ ein. Das Wort betone den Defensivcharakter der künftigen Streitkräfte.

Am 12. Juli 1955 diskutierte der Bundestagsausschuss für europäische Sicherheit, einer der Vorläufer des heutigen Verteidigungsausschusses, das Freiwilligengesetz. Dieses Gesetz schuf den rechtlichen Rahmen, um 6.000 freiwillige Soldaten als Grundstock für die neuen westdeutschen Streitkräfte einzustellen. Im Rahmen der Debatte sprach sich der Abgeordnete Richard Jaeger für die Bezeichnung der neuen Armee als „Bundeswehr“ aus. „Bundeswehr“, so Jaeger, betone „den reinen Defensivcharakter der künftigen Streitkräfte der Bundesrepublik“. Wegen des Gleichklangs mit dem Wort „Feuerwehr“ äußerte insbesondere die FDP-Fraktion im Bundestag Vorbehalte gegenüber dem Vorschlag. Stattdessen setzten sich die FDP-Abgeordneten für die Bezeichnung „Wehrmacht“ ein.

Die Sitzungsniederschrift vom 12. Juli 1955, die auch in den Akten des Amtes Blank, überliefert ist, dokumentiert den intensiven und lebhaften Austausch der verschiedenen Positionen. Amt Blank war die inoffizielle Bezeichnung für das Amt des Beauftragten des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen. Die Dienststelle war ein Vorgänger des späteren Bundesministeriums der Verteidigung und befasste sich mit der Vorbereitung der westdeutschen Wiederbewaffnung.

Tatsächlich traten die ersten Soldaten der Bundesrepublik Deutschland ihren Dienst in noch namenlosen Streitkräften an. Erst am 19. März 1956 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Soldatengesetz: Es führte den Namen „Bundeswehr“ ein und regelte Rechte und Pflichten der Berufssoldaten, der Soldaten auf Zeit und der Wehrpflichtigen.

  • Deutscher Bundestag Thöt/A.1  Stenographischer Dienst  6.4./42  6. Ausfertigung  Stenographische Niederschrift  der 42. Sitzung des  Ausschusses für europäische Sicherheit  Dienstag, den 12.Jull 1955  Tagesordnung: Fortsetzung der Beratung des Entwurfs eines Gesetzes über die vorläufige Rechtsstellung der Freiwilligen in den Streitkräften (Frei-willigengesetz - Drucksache 1467 -  (Die Sitzung hatte bei Einsatz der stenographischen Aufnahme bereits begonnen. )  Abg. Dr. Mende (FDP): ..... "Bundeswehr", meine Damen und Herren, wäre kein glücklicher Ausdruck, selbst wenn wir Ihn in Analogie zur Reichswehr wählten. Von der Feuerwehr will ich nicht sprechen, die ich ebenso hoch schätze wie die "Westfählische Rund- schau", die mich deswegen attackiert hat. Ich will der Feuerwehr wahrhaftig nicht zu nahe treten. Aber in der Bevölkerung draußen wird nicht von "Bundeswehr" gesprochen, auch nicht von "Streitkräf- ten", abgesehen davon, daß man diesen Ausdruck dann auch noch über- setzen müßte. In der Bevölkerung wird von "Wehrmacht" gesprochen, von "Heer", "Marine" und "Luftwaffe". Deshalb warne ich davor, eine andere Bezeichnung zu wählen. Ich erinnere daran, das der Bundes-
    Stenographische Niederschrift der 42. Sitzung des Ausschusses für europäische Sicherheit, 12. Juli 1955
  • 6.A./42                                                        2  präsident dem deutschen Volk auch eine noue Hymne schenken wollte. Sie wissen, was daraus geworden ist. Es gibt eine Eigengesetzlich- keit auch der vox populi. Ich bin daher der Ansicht, daß wir für die Streitkräfte die alte Bezeichnung "Wehrmacht" wählen sollten.  Abg. Dr. Schmid (Frankfurt)(SPD): Herr Vorsitzender, Ich glaube, wir sollten heute noch keinen Beschluß über den Nemen fassen, wir sollten uns heute auf eine deskriptive Bezeichnung be- schränken. Der Ausdruck "Streitkräfte" bezeichnet genau das, was sachlich gemeint ist. Ich bin allerdings auch nicht der Meinung, daß es endgültig bei dem Wort "Streitkräfte" als Name bleiben soll. Man muß sich das überlegen. Nomina sund odiosa, es steckt etwas darin. Ich glaube nicht, das die Sache schon so weit duroh- dacht und überlegt ist, das wir heute einen Beschluß über den Na- men der Streitkräfte fassen können. Gewiß hat das Wort "Bundeswehr einiges für sich. Das Wort "Wehrmacht" hat auch einiges für sich.  Ich teile die Auffassung des Kollegen Mende, daß man in der Welt und in Deutschland selbst nur von "Wehrmacht" spricht. Das Wort selber schreckt mich nicht; es ist ja nicht Macht im Sinne von Machtpolitik gemeint. Wenn die Franzosen "forces d
    Stenographische Niederschrift der 42. Sitzung des Ausschusses für europäische Sicherheit, 12. Juli 1955
  • 6.A./42                                                     3  Vors. Dr. Jaeger: Darf Ich eine Frage an Sie stellen, Herr Kollege Schmid: Sind Sie der Meimung, daß am Freitag oder Samstag die Frage im Plenum entschieden werden kann?  Abg. Dr. Schmid (Frankfurt)(SPD): Auch noch nicht!  Vors .: Eben, im Plenum darf diese Frage dann auch nicht ent- schieden werden.  Abg. Dr. Schmid (Frankfurt)(SPD): Nein. Das wird man erst beschließen können, wenn wir die Ergänzung des Grundgesetzes vor- nehmen. Jetzt braucht man das noch nicht.  Abg. von Manteuffel (Neuß)(FDP): Wir haben es bisher in den Ausschußsitzungen eigentlich auch so besprochen, Herr Dr. Jaeger, daß wir erst später, bei der Beratung des Soldatengesetzes, darüber befinden wollten. Aber trotz der Warnung von Herrn Kollegen Mende möchte ich doch folgendes sagen. Die Herren, die in Amerika waren, werden sich entsinnen, das wir an zwei Tagen eine lange Diskussion im Council for foreign relations hatten. Wir haben uns dabei dann mit Mocloy, mit Mr. Warburg, mit Mr. Stone und mit fünf Journali- sten unterhalten. Am Tage vorher hatte ein Interview von Herrn Kol- legen Mende auch in den amerikanischen Zeitungen gestanden, in dem Herr Kollege Mende sich auch für die Bezeichnung "Wehrmacht" ausge- sprochen hatte. Das ist eine Bezeichnung, die in Amerika und in Deutschland etwas bedeutet. In dieser Unterhaltung am Abend haben nun Mocloy, Mr. Warburg und Mr. Stone - immerhin Präsident der Ford-Stiftung - gesagt, wie verheerend die Bezeichnung "Wehrmacht" für unsere neuen Streitkräfte in Amerika wirken würde.  (Abg. Dr. Schmid (Frankfurt): Stone ist nur der Geschäfts- führer einer Abteilung, nicht der Präsident der Ford- Stiftung! )  - Das ist jetzt nicht das Maßsgebende. Ich kam auf den Ausdruck "Bundeswehr", weil ich einfach nichts Besseres wußte. Ich wollte
    Stenographische Niederschrift der 42. Sitzung des Ausschusses für europäische Sicherheit, 12. Juli 1955
  • 6.A./42                                                 4  damit auch zum Ausdruck bringen, daß es sich bei den jetzt aufzu- stellenden Streitkräften um etwas Vorläufiges handelt und das die Bezeichnung "Wehrmacht" eigentlich den späteren gesamtdeutschen Streitkräften vorbehalten bleiben sollte. Das Wort "Bundeswehr" scheint mir der Vorläufigkeit der Bundesrepublik mehr zu entspre- chen.  Abg. Dr. Schmid (Frankfurt)(SPD): Mir würde eine Bezeichnung wie "Landwehr" mehr liegen, Landwehr im alten preußischen Sinne nach 1815. Verzeihen Sie, Herr Vorsitzender, wenn ich ein preu- ßisches Vorbild wähle.  (Heiterkeit)..  In Bayern hat man es ja mehr mit Stadtsoldaten versucht.  (Erneute Heiterkeit und Zurufe.)  Ich meine, "Landwehr" ist kein schlechtes Wort. Aber man kann das alles noch überlegen. Das Wort "Bundeswehr", - ich möchte sagen, wir haben nichts gegen das Wort "Bund", - -  Abg. yon Manteuffel (Neus)(FDP): Ich war vorhin noch nicht zu Ende gekommen. Darf ich eben noch den einen Satz anfügen? - Ich würde es außerordentlich bedauern, wenn wir uns im Ausschuß dazu hergeben würden, den Versuch mitzumachen, der eine Zeitlang gemacht worden ist, bei dem Wort "Bundeswehr" einen Vergleich mit dem Wort "Feuerwehr" zu ziehen, der sich doch, wie ich wirklich sagen muß, Hunderttausende von Leuten freiwillig zur Verfügung stellen. Dieses In-Vergleich-Stellen der Feuerwehr mit dem Mort "Bundeswehr würde eine Herabsetzung bedeuten. Ich glaube, wir sollten das im Ausschuß nicht mitmachen. Das wäre meine Bitte.  Abg. Bausch (CDU/CSU): Ich bin durchaus für den Antrag, den Kollege Dr. Jaeger gestellt hat. Ich bin aber der Auffassung, daß wir diese Frage heute hier im Ausschuß nicht entscheiden sollen.
    Stenographische Niederschrift der 42. Sitzung des Ausschusses für europäische Sicherheit, 12. Juli 1955
  • 6.A /42                                                5  Die Fraktionen - Jedenfalls darf ich das für meine Fraktion sagen - haben zu der Frage noch nicht Stellung genommen. Diese Sache ist aber von so großer Tragweite, daß sie zunächst in den Fraktionen abgeklärt werden muß. Wir sollten uns dazu Zeit lassen. Wir sollten das gründlich überlegen und sollten auch in der öffentlichen Mei- nung hier einer Entscheidung den Weg bereiten. Ich möchte mich des- halb dagegen aussprechen, heute über diese Frage zu entscheiden.  Abg. Merten (SPD): Weine Demen und Herren, ich glaube, daß auf Grund der ganzen Konstruktion der Aufstellung von Freiwilligen, die durch dieses Gesetz ermöglicht wird, noch keine sachliche Not- wendigkeit dafür gegeben ist, einen Sammelnamen oder einen Sammel- begriff zu prägen. Es werden ja keine Verbände aufgestellt, und all das, was da passiert, passiert ja nicht unter der Frage "Streit- kräfte", sondern unter der Frage "Verteidigungsministerium der Bundesrepublik", so daß also auch die Frage der Briefköpfe usw. keinerlei Schwierigkeiten machen würde. Da eine zwingende Notwendig- keit bei diesem vorläufigen Gesetz im Augenblick nicht gegeben ist, möchte ich mich dafür aussprechen, daß wir diese Frage zurückstel- len, bis wir an das Soldatengesetz kommen, das ja eine größere Zahl von Soldaten erfaßt und auch Verbände umfaßt. Bei dieser Gele- genheit wird es möglich und wahrscheinlich auch nützlich sein, die- se Frage zu klären. Auch meine Fraktion hat sich mit der Frage noch nicht befaßt und wird sich auch nicht mehr damit befassen. Auch aus diesem Grunde, einem rein politischen Grund, möchte ich genau wie Herr Kollege Bausch darum bitten, daß diese Frage heute zurückgestellt und bis zu dem Zeitpunkt verschoben wird, zu dem wir über die grundsätzlichen Fragen sowieso längere Debatten mit- einander zu führen haben werden. Ich glaube, da kann in der Zwi- schenzeit gar nichts passieren. Im Gegenteil, die Zeit bis dahin
    Stenographische Niederschrift der 42. Sitzung des Ausschusses für europäische Sicherheit, 12. Juli 1955
  • 6.A.42							6  wird wesentlich dazu beitragen, die Frage auch in der Öffentlich- keit zu klären, so daß wir dann hier tatsächlich etwas beschlie- ßen, was in der Öffentlichkeit auch ankommt. Herr Kollege Mende hat vollkommen recht: es kann uns passieren, das wir heute einen Beschluß fassen, der uns nachher einfach dadurch, daß die Öffent- lichkeit ihn nicht entgegennimmt - genau wie bei der Nationalhym- ne -, uns zwingt, in ein paar Monaten die Firma eventuell umzutau- fen. Das aber sollten wir doch nicht auf uns zukommen lassen.  Ich wäre deshalb dem Herrn Vorsitzenden außerordentlich dank- bar, wenn er sich veranlaßt sehen könnte, ebenso wie Herr Kollege Dr. Mende, die Anträge zurückzustellen. Eine Ablehnung würde nur auch wieder in irgendeiner Form vollendete Tatsachen schaffen. Es könnte passieren, daß, wie ich es im Augenblick übersehe, beide Anträge abgelehnt werden, daß also sowohl "Wehrmacht" wie "Bundes- wehr" abgelehnt wird, und das macht uns die Sache nachher nur noch schwerer.  Vors.: Darf ich als Vorsitzender eine Bemerkung einschalten, nicht als Antragsteller: Ein Zurückziehen des einen Antrags kommt nur in Frage, wenn der andere Antrag auch zurückgezogen wird.  (Abg. Merten: Ich habe auch um beides gebeten! )  Aber mir scheint eines wichtig: Die Argumente, die hier vorgebracht werden - vor allem das eine, daß die Frage im Kreise der Fraktionen offenbar noch nicht diskutiert ist -, wären schwerwiegend genug, die Sache zurückzustellen. Aber dann möchte ich die Gewißheit ha- ben, daß die Frage nicht am Freitag oder Samstag im Plenum aufge- bracht wird,  (Zurufe: Nein, nein!)  sondern dann müsten sich die beiden Antragsteller und auch die übrigen Fraktionen verpflichten,[Handschriftliche Anmerkung] daß  diese Frage dann im Plenum
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  • 6.A./42							7  noch nicht entschieden wird. Darf ich bitten, sich in diesem Sinne zu äußern.  Abg. Heye (CDU/CSU): Ich schließe mich dem Antrag der Kolle- gen an, die diese Sache vertagen wollen. Wir haben gar keine Zeit, das auszudiskutieren. Aber um das klar zu machen, daß es hier um einen Arbeitstitel geht und damit der Charakter als Arbeitstitel geklärt ist, kann man vielleicht, Herr Vorsitzender, den Ausdruck "Verteidigungsstreitkräfte" nehmen.  Vors. : Dann wird
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  • 6.A./42						8			  nahme des Herrn Bundesverteidigungsministers. Dazu, diese zu erbit- ten, habe ich mich hier zum Wort gemeldet.  Vors.: Dann darf ich, bevor ich das Wort weitergebe, den Herrn Verteidigungsminister um Stellungnahme bitten.  Blank, Bundesminister für Verteidigung: Meine Damen und Herren! Da wir uns darüber im klaren waren, daß es um die Bezeich- nung "Wehrmacht" Auseinandersetzungen geben würde, haben wir in meinem Hause die Bezeichnung "Streitkräfte" eingeführt. Wir wollten mit der Wahl eines solchen Wortes gerade dieser Diskussion nicht vorgreifen. Ich kann mich meinerseits nur der Auffassung anschlie- ßen, daß man es bei dieser Bezeichnung belassen sollte, bis nach einiger Zeit die Diskussion so weit abgeklärt ist, daß man dann zu einer auch von der öffentlichen Meimung akzeptierten Bezeichnung kommt.  Vors.: Ich darf dann als Abgeordneter erklären, das ich be- reit bin, meinen Antrag zurückzuziehen, falls Herr Dr. Mende das auch tut und sichergestellt wird, dass die Frage nicht am Freitag  und Samstag aufgebracht wird, sondern erst beim Soldatengesetz oder bei der Grundgesetzänderung entschieden wird.  Abg. Dr. Mende (FDP): Ich schließe mich ebenfalls dieser Auf- fassung an, daß wir die Anträge nicht zurückziehen, sondern zurück- stellen bis zur Beratung des Soldatengesetzes. Mein Argument für diese Zurückstellung ist, daß dadurch der Vorläufigkeitscharakter dieses Gesetzes noch mehr betont wird. Der Berichterstatter müßte also im Plenum kurz bekanntgeben,  (Zurufe: Richtig!)  das wir bewußt nicht eine endgültige Bezeichnung finden wollten, weil es sich um ein vorläufiges Gesetz oder besser um ein Voraus-
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  • 6.A./42						   9							  gesetz handelt und die endgültige Bezeichnung erst bei der verfas- sungändernden Gesetzgebung gefunden werden soll. Allerdings, auch ich würde im Plenum oder beim Soldatengesetz nur dann nicht in der Debatte davon sprechen, wenn das als Gentleman
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  • 6.A /42						   10							  diskutieren, sondern uns damit begnügen, daß ein Gentlemen´s Agreement geschlossen wird dahingehend, daß keine Seite einen An- trag stellt, den Namen "Streitkräfte", - ich glaube, "Verteidi- gungsstreitkräfte" würde zu lang, lassen wir es lieber bei "Streit- kräfte" - in der zweiten und dritten Lesung dieses Gesetzes zu ändern.   Abg. Dr. Mende (FDP): Darf ich noch einen Satz anfü- gen? - Die Rücksichtnahme auf das Ausland sollte sehn Jahre nach Beendigung des Krieges und nachdem wir jetzt die Souveränität wiedererlangt haben, bei deutschen Parlamentariern nicht mehr jene Rolle spielen, die leider auch hier wieder sichtbar geworden ist.  Vors.: Und ich möchte hinzufügen, daß aus manchen Gründen eine solche Rücksichtnahme doch zweckmäßig wäre. Ich möchte weiter hinzufügen, daß damit grundsätzlich auch klargestellt wird, daß es keine Restauration geben soll. Aber wir brauchen das jetzt nicht zu vertiefen.  Abg. Paul (SPD): Ich möchte nur eine Anregung geben. Ich glaube, wir sollten an das Bundesverteidigungsministerium den Wunsch richten, uns für die endgültige Behandlung dieser Frage einen Kata- log der Bezeichnungen in anderen Ländern vorzulegen, und zwar im Original und in einer plausiblen Übersetzung, damit wir die Mög- lichkeit haben, Vergleiche ansustellen. Dann können wir eventuell auch leichter entscheiden. Vielleicht finden wir in einer solchen Liste einen Namen, der weder-noch ist und doch akzeptiert werden kann.  Vors.: Da das eine Sache des Sprachgefühls ist, verspreche ich mir davon nicht allzuviel. Aber ich möchte die Bitte doch an das Verteidigungsministerlum richten.  Ich darf dann vielleicht dahingehend zusammenfassen: Ein
    Stenographische Niederschrift der 42. Sitzung des Ausschusses für europäische Sicherheit, 12. Juli 1955
  • 6.A./42 11  Zurückstellen der Frage ist allgemein gewünscht. Dazu gehört aller- dings, daß Anträge, die eingereicht und gestellt sind, formell zu- rückgezogen werden, wobei die Antragsteller erklären, die Frage bei späterer Gelegenheit wieder aufzugreifen. Sind Sie damit einver- standen, Herr Dr. Mende?  (Abg. Dr. Monde: Jawohl!)  Ich bitte also festzuhalten, daß wir die Anträge zurückziehen und die Sache zurückstellen und daß die Vertreter aller Fraktionen damit einverstanden sind, daß die Frage bei der zweiten und dritten Lesung dieses Gesetzes im Plenum nicht behandelt wird. Es bleibt dem einzelnen überlassen, ob er in seiner Rede als terminus tech- nicus das Wort "Wehrmacht" oder das Wort "Bundeswehr" oder das Wort "Streitkräfte" verwenden will; da kann man ja abwechseln. Ich möchte dann die Fraktionen bitten, nach den Ferien diese Frage einer Klärung zuzuführen. Ich glaube, es besteht der allgemeine Wunsch, daß dies im Laufe des September oder Oktober geschieht, denn einmal muß die Frage ja entschieden werden.  Damit wäre also diese Sache zurückgestellt. Zur Einleitung und Überschrift sind sonst keine Anträge gestellt. Das Wort wird auch nicht weiter gewünscht.  Dann brauche ich nur noch formell über den Gesetzentwurf als Ganzes abstimmen zu lassen, um das Zahlenverhältnis für den Bericht festzustellen. Ich bitte, zunächst einmal festzustellen, welche Herren der einzelnen Fraktionen hier abstimmungsberechtigt sind: 15-9-3, die übrigen 1. Dann bitte ich die Damen und Herren, die dem Gesetz als Ganzem zustimmen, die Hand zu erheben. - 17. Ich bitte um die Gegenprobe. - Da darf ich also 9 annehmen. - Enthal- tungen? - Also mit 17 gegen 9 Stimmen angenommen.  Damit, meine Damen und Herren, darf ich feststellen, daß wir
    Stenographische Niederschrift der 42. Sitzung des Ausschusses für europäische Sicherheit, 12. Juli 1955

Das vorliegende Dokument stammt aus Archivgut mit der Signatur BArch, BW 1/54921. Außer dem hier präsentierten Dokument enthält die Akte weitere Sitzungsprotokolle über Beratungen des Ausschusses für europäische Sicherheit zum Freiwilligengesetz von 1955.

Historischer Hintergrund

Angesichts der Rolle des Militärs in der Terrorherrschaft des NS-Regimes und seiner verbrecherischen Kriegsführung irritiert heute die Idee, die neuzuschaffenden Streitkräfte der Bundesrepublik „Wehrmacht“ zu nennen. In den 1950er Jahren hatte die Bezeichnung noch vielfach einen positiven Klang. Einer Meinungsumfrage vom Januar 1956 zufolge präferierten mehr Bundesbürgerinnen und -bürger die Bezeichnung „Wehrmacht“ (35 %) als „Bundeswehr“ (20 %).

Der namensgebende Ausschuss für europäische Sicherheit (Januar 1953 bis Januar 1956) war – neben dem Ausschuss zur Mitberatung des Vertrages zur Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG, Juli bis Dezember 1952) – ein Vorgänger des heutigen Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestags. Mit der Zweiten Wehrergänzung des Grundgesetzes vom 19. März 1956 sollte nach Art. 45a GG ein Verteidigungsausschuss eingerichtet werden. Er sollte die Doppelfunktion als Fach- und ständiger Untersuchungsausschuss erhalten. Ihm steht seither das Recht zu, auf eigene Initiative Angelegenheiten der Verteidigung zum Gegenstand parlamentarischer Untersuchung zu machen.

Gleichzeitig wurde mit der Zweiten Wehrergänzung eine zusätzliche Kontrollinstanz des Parlaments geschaffen: der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages. Auch dass der Name „Bundeswehr“ durch das Parlament vergeben wurde, weist auf die starke Rolle des Parlaments bei der Kontrolle der Streitkräfte hin.