
Plakat „Müntzers Erbe lebt in unserer sozialistischen Gesellschaft“, DDR, 1989, Quelle: BArch, PlakY 01-4048 / Grafiker: Mücke, Jürgen
„Das wir frey seyen und wollen sein!“ Die Deutschen und der Bauernkrieg
Die erste deutsche Revolution und ihre Rezeption im 20. Jahrhundert
Zum 500-jährigen Jubiläum des Deutschen Bauernkriegs zeigt das Bundesarchiv anhand von Bildern und Dokumenten, wie der Aufstand in der deutschen Geschichte erinnert, vereinnahmt und instrumentalisiert wurde.
Der Deutsche Bauernkrieg: Ursachen und Verlauf
Vor 500 Jahren bestand die deutsche Bevölkerung zu 80 Prozent aus Bauern. Viele lebten als unfreie „leibeigene“ Untertanen des Adels und der Kirche. Deren aufwändigen Lebensstil finanzierten sie mit ihren Abgaben und mussten zusätzlich kostenlose Arbeitsdienste leisten. Eigene Rechte hatten die Bauern kaum. Ohne die Erlaubnis ihrer Herren durften sie weder den Wohnsitz wechseln noch heiraten, wen sie wollten. Auch vor Gericht wurden die Bauern meist benachteiligt. Wirtschaftliche Krisen, Missernten und steigende Abgaben ließen die Unzufriedenheit der Landbevölkerung immer weiter anwachsen.
Als der Reformator Martin Luther 1520 seine programmatische Schrift „Von der Freyheith eines Christenmenschen“ veröffentlichte, bezogen viele Bauern Luthers Worte auf ihr eigenes Schicksal – ein folgenschweres Missverständnis: Luther meinte die Freiheit des Menschen, der vor Gott von seinen Sünden erlöst wird – nicht die Befreiung von der Leibeigenschaft. Einen Aufstand gegen die „gottgewollte“ Obrigkeit lehnte er ab.
Ab 1524 kam es zu ersten Bauernaufständen, zuerst im Schwarzwald, dann vor allem am Oberrhein, im Elsass, in Oberschwaben, Württemberg, Franken und Thüringen. Neben Hunderttausenden Bauern schlossen sich dem Aufstand viele Städter, Handwerker und sogar einige Adlige an. In Memmingen formulierten sie im März 1525 ihre Forderungen in zwölf Artikeln. Auch dank des wenige Jahrzehnte zuvor erfundenen Buchdrucks verbreiteten sich die revolutionären Artikel in Windeseile: Die Bauern forderten ein Ende der Leibeigenschaft, die Reduzierung von Abgaben und Frondiensten, unabhängige Gerichte, das Recht auf die Mitnutzung von Wäldern und Gewässern und die freie Wahl der Dorfpfarrer.
Überrascht vom Ausmaß des Aufstandes, erwogen einige Adelsherren, zu verhandeln. Doch sobald sie genug Militär zusammengezogen hatten, gingen sie mit ihren besser organisierten Söldner- und Ritterheeren rücksichtslos gegen die wenig koordiniert agierenden „Haufen“ der Bauern vor. Von April bis Juli 1525 kam es zu mehreren großen Schlachten, bei denen Zehntausende Bauern getötet wurden.
Auf den Aufstand folgte grausame Rache: Die Adelsheere zogen plündernd und brandschatzend durch die Dörfer. Ehemalige Aufständische wurden hingerichtet, verstümmelt oder verbannt. Insgesamt etwa 70.000 Bauern bezahlten ihren Einsatz für die Freiheit mit dem Leben. Die Macht der Fürsten wurde wiederhergestellt und gestärkt. Nur in einigen wenigen Regionen gewährten die Adligen den Bauern aus Angst vor weiteren Aufständen einige Freiheiten, senkten Abgaben und Frondienste. Zudem verbesserten sich die Möglichkeiten der Bauern, sich bei Konflikten mit ihren Herren an die Gerichte zu wenden.
Der Bauernkrieg in der Erinnerung
Die Erinnerung an den Bauernkrieg war zunächst negativ geprägt, bevor das Thema für lange Zeit in Vergessenheit geriet. Wenn überhaupt, wurde der Bauernkrieg in Zusammenhang mit der Reformation erwähnt. Kritiker der Reformation gaben dieser die „Schuld“ am Aufstand. Protestanten beklagten hingegen, die Beteiligung einiger radikaler Reformatoren am Bauernkrieg hätten die Reformation in ein schlechtes Licht gerückt. Dies hätte den Siegeslauf der Reformation in den deutschen Landen gehemmt.
Erst mit der Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts nahm das Interesse wieder zu: Gedichte, Gemälde und Theaterstücke (wie Johann Wolfgang von Goethes „Götz von Berlichingen“) thematisierten den Bauernkrieg. Die Aufständischen und ihr Freiheitsdrang wurden dabei zunehmend in einem positiveren Licht präsentiert. In der aufkommenden Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts entstanden schließlich auch erste historiographische Darstellungen.
Das Interesse am Bauernkrieg im 20. Jahrhundert war stark von politischer Vereinnahmung geprägt: Die Nationalsozialisten, die den „deutschen Bauern“ als Basis der sogenannten „Volksgemeinschaft“ imaginierten, beanspruchten den Bauernkrieg für sich. Ebenso tat es später die DDR, die Friedrich Engels Deutung folgte und den Bauernkrieg als wichtige Etappe auf dem Weg zum Kommunismus interpretierte. In der Bundesrepublik führte erst das 450. Jubiläum des Bauernkriegs 1975 zu einem verstärkten Interesse an diesem Thema. Erinnerungspolitische Akzente versuchte erstmals Bundespräsident Gustav W. Heinemann zu setzen, der die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte ins Leben rief.
Heute wird der Bauernkrieg vielfach als erste deutsche Revolution und eine der Wurzeln der deutschen Demokratiegeschichte gesehen. In Kombination mit dem 500-jährigen Jubiläum 2025 führte dies zu einer deutlichen Zunahme des öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses. Auch Protestbewegungen und politische Initiativen nehmen gelegentlich noch Bezug auf den Deutschen Bauernkrieg – zuletzt etwa im Dezember 2023 bei den Bauernprotesten gegen die Streichung von Agrarsubventionen.











