Schriftgutbestand R 62
Reichspräsident Karl Dönitz und die Mitglieder seiner Regierung wurden am 23. Mai 1945 in Flensburg-Mürwik verhaftet. Die alliierten Siegermächte beschlagnahmten ebendort die in zwanzig Archivalieneinheiten organisierten Unterlagen der Geschäftsführenden Reichsregierung Dönitz und überführten sie in die USA. Von dort wurden sie 1961 an die Bundesrepublik Deutschland zurückgegeben.
Vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt gelangten die Unterlagen 1961/62 ins Bundesarchiv. In dessen Hauptdienststelle in Koblenz wurde aus den Unterlagen der Bestand R 62 gebildet, der seit 2010 in der Dienststelle Berlin-Lichterfelde zugänglich ist.
Die Digitalisate sind online in der Rechercheanwendung invenio abrufbar.
Im Bestand R 62 sind unter anderem zu finden:
- Die letzten Funksprüche aus der Reichskanzlei, durch die sich Dönitz autorisiert sah, nach Hitlers Selbstmord als Staatsoberhaupt zu fungieren; Protokolle über die Vernehmung des Funkerpersonals zur Bestätigung der Authentizität der Meldungen
- Funksprüche und Erlasse von Dönitz, u. a. das Verbot von Aktivitäten der Organisation „Werwolf“; das Verbot weiterer Zerstörung von Nahrungsmitteln und Einrichtungen der Infrastruktur
- Juristische Gutachten zur Frage der Legitimation der Regierung Dönitz und des Fortbestands des Staates; Regularien zur Kriegsgefangenschaft
- Personelles und Organisatorisches der „Regierung“; darunter der Abzug der Führungsstäbe der obersten Reichsbehörden aus Berlin und ihre Absetzung; Entlassung von Heinrich Himmler, Alfred Rosenberg, Otto Georg Thierack und Bernhard Rust; Ernennung des Grafen Schwerin von Krosigk zum Leitenden Minister und Außenminister; Einrichtung eines Nachrichtenbüros; Otto Ohlendorfs Pläne für den Einsatz des Inlands-Nachrichtendienstes
- Texte der Ansprachen von Dönitz und Schwerin von Krosigk
- Tagesbefehle von Dönitz an die Wehrmacht
- Tagesniederschriften der Reichsregierung
- Berichte über die Verständigung mit den alliierten Siegermächten, darunter ein Aide-Mémoire für den Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, General Eisenhower, und das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte „über sofort zu lösende überregionale Fragen“; Verhandlungen über die militärische Kapitulation; Vorträge von Grundsatzfragen der Staatsform, Ideologie und Konzepten der Besatzungsmächte; Vorbereitung der alliierten Mächte auf die Besetzung Deutschlands („Operation Eclipse“)
- Ausarbeitungen und Denkschriften zu Fragen der Innen- und Außenpolitik, militärischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage, Infrastruktur, Versorgung von Flüchtlingen, Zusammenführung von Familien, Hunger und Nahrungsrationen für die Bevölkerung Berlins, die mögliche Radikalisierung und Hinwendung der Bevölkerung zum Kommunismus sowie über strategische Überlegungen, unter anderem zur Verbündung mit den westlichen Mächten gegen die „bolschewistische Gefahr aus dem Osten“; Beziehungen zu Japan und Schweden
- Suche der sowjetischen Besatzer nach den Leichen von Adolf Hitler und Joseph Goebbels
- Versorgung der holländischen Bevölkerung mit Lebensmitteln
- Demobilisierung des Reichsarbeitsdienstes
- Verhaftung von Angehörigen des Auswärtigen Amtes
- Dokumente von Albert Speer und Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel
- Entwürfe für ein „Weißbuch“ über die Ereignisse nach Hitlers Selbstmord, die Entwicklung der militärischen Lage und das Wirken der Regierung Dönitz
- Vermerke über den Umgang mit Akten und Archivgut, unter anderem des Auswärtigen Amts
- Reaktion der Regierung Dönitz auf die öffentlichen Meldungen über die entsetzlichen Zustände in den Konzentrationslagern und auf den „Evakuierungs“-Schiffen
Militärische Überlieferung
Mit den Unterlagen der zivilen „Reichsregierung“ korrespondiert die bereits digitalisierte militärische Überlieferung des Führungsstabs A (Nord) des Oberkommandos der Wehrmacht im Bestand RW 44-I des Bundesarchivs. Letztere umfasst ebenfalls Unterlagen zur Regierung Dönitz. In den 23 Archivalieneinheiten sind vor allem die Verhandlungen und der Abschluss der Kapitulation in Reims und Berlin-Karlshorst – mit den Urkunden im Original – dokumentiert.
Zu finden sind auch hier die letzten Funksprüche aus der Reichskanzlei sowie Berichte zur Lage an den Fronten und zur Kontaktaufnahme mit der US-amerikanischen Armee. Außerdem enthält der Bestand RW 44-I Unterlagen zur Absetzung der Führungsstäbe der obersten Reichsbehörden, Entwürfe für ein „Weißbuch“ sowie eine Liste des Personals der „Reichsregierung“.
Im Bestand RM 6 (Marineleitung / Oberkommando der Kriegsmarine (OKM) – Oberbefehlshaber der Kriegsmarine) findet sich das digitalisierte Tagebuch der Regierung Dönitz (RM 6/375) nebst Dokumentation über dasselbe (RM 6/376).
Dönitz’ „politisches Testament“
Das Original des „politischen Testaments“ Karl Dönitz’ befindet sich im Bestand des Bundespräsidialamts (B 122/27998, Images 19–23). Als Kopie ist es im Bestand des Bundeskanzleramts überliefert und online einsehbar (B 136/15109, Images 13–17).
Nachlässe
Der Nachlass von Karl Dönitz (Bestand N 236) umfasst 32 Archivalien. Neben Beurteilungen und sonstigen Dokumenten zum militärischen Werdegang sowie Kriegstagebüchern enthält er hauptsächlich Unterlagen aus der Nachkriegszeit.
Der Nachlass des Leitenden Ministers der geschäftsführenden Reichsregierung und Reichsaußenministers Johann Ludwig „Lutz“ Graf Schwerin von Krosigk ist im Bestand N 1276 zusammengefasst. Dazu gehören auch seine Korrespondenz mit Dönitz aus den 1960er Jahren und Schriftwechsel über die Kapitulation aus dem Zeitraum 1956 bis 1976.
Im Nachlass von Albert Speer (Bestand N 1340) gibt es eine Sammlung von Unterlagen zu den Vorgängen beim Zusammenbruch des Deutschen Reichs und bei der Einsetzung der Regierung Dönitz. Außerdem enthält der Bestand Unterlagen über die Berufung Speers zum Minister sowie zum Charakter von Dönitz und seiner Regierung.
Die Unterlagen von Erhard Mäding, Mitarbeiter der Regierung Dönitz, bilden den Nachlassbestand N 1561.
Tagesniederschriften der Regierung Dönitz und Berichte über seine Tätigkeit als Unterhändler bei den Kapitulationsverhandlungen sind im Nachlass des Generaladmirals Hans-Georg von Friedeburg (Bestand N 374) überliefert.
In zahlreichen weiteren Nachlässen ist Dokumentation zu Dönitz und seiner Regierung zu finden. Dazu gehören z. B. die Bestände N 990 (Freiwald, Kurt), N 161 (Keyserlingk, Walter Freiherr von) und N 565 (Bürkner, Leopold).
Sammlung Nürnberger Prozesse
Der Schriftgutbestand ALLPROZ 3 (Nürnberger Prozesse.– Handakten von Rechtsanwälten) beinhaltet Unterlagen von Dönitz’ Verteidiger, Otto Kranzbühler, im Strafprozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in den Jahren 1945 bis 1946.
Digital zugänglich sind:
- Unterlagen über Kranzbühlers Strategie und Beweisführung
- Notizen Kranzbühlers über seine den Prozess vorbereitenden Befragungen Dönitz’
- Dönitz’ Schlusswort im Strafverfahren
- Auszüge und Kopien aus Kriegstagebüchern
- Sonstige Prozess- und Beweisdokumente
- Sitzungsprotokolle
- Das Plädoyer des Verteidigers
- Unterlagen zu Dönitz’ Gefängnisaufenthalt
- Dönitz’ Memoiren
- Eine Pressesammlung zur Haftentlassung von Dönitz im Jahr 1956
Audiovisuelle Überlieferung
Digitalisierte Fotografien können im Digitalen Bildarchiv, filmisches Material im Digitalen Lesesaal des Bundesarchivs recherchiert werden.
Hinweis für wissenschaftliche Recherchen
Unterlagen zur Regierung Dönitz sind in diversen weiteren Beständen des Bundesarchivs zu finden. Ergänzendes Archivgut verwahren die Nationalarchive der alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, vor allem Großbritanniens und der USA.
Sabine Dumschat