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Text in Maschinenschrift mit händischer Unterschrift

Schreiben Konrad Adenauers an den Chef der Reichskanzlei Hans-Heinrich Lammers zu Separatismus-Vorwürfen, April 1935, Quelle: BArchR 43-II/127b, Image 0019

„Fake News“ als Waffe – Eingabe Konrad Adenauers zu Separatismus-Vorwürfen

Zwei Jahre nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst wandte sich Kölns ehemaliger Oberbürgermeister Konrad Adenauer im April 1935 an die Reichskanzlei. Seine Bitte: öffentlich Stellung nehmen zu dürfen gegen Vorwürfe, nach dem Ersten Weltkrieg separatistische Bestrebungen verfolgt zu haben.

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Historischer Hintergrund

Nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 geriet Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer schnell ins Visier der Nationalsozialisten. Grund dafür waren seine demokratische, prorepublikanische Gesinnung und wiederholte Kritik an den neuen Machthabern.

Insbesondere während des Wahlkampfs zur Reichstagswahl im März 1933 wurde Adenauer zur Zielscheibe für Angriffe von rechts. Dazu gehörte auch der Vorwurf, er habe nach dem Ende des Ersten Weltkriegs separatistische Bestrebungen zur Abspaltung des Rheinlands vom Deutschen Reich verfolgt.

Am 1. Februar 1919 hatte sich Adenauer nach anfänglichem Zögern tatsächlich für die Schaffung einer „Westdeutschen Republik“ ausgesprochen – u. a. um die Position des Rheinlands gegenüber Preußen zu stärken. Mit der Verabschiedung der Weimarer Reichsverfassung im Sommer 1919 verwarf Adenauer seine Rheinstaatpläne vorerst. Nach der Ruhrbesetzung Anfang 1923 griff er sie jedoch wieder auf, um eine wirtschaftliche und politische Aussöhnung und Zusammenarbeit mit Frankreich zu erreichen.

Im Gegensatz zu den separatistischen Gruppierungen um Josef Adam Dorten oder Friedrich Matthes plante Adenauer aber zu keinem Zeitpunkt eine Abspaltung des Rheinlands vom Deutschen Reich. Bereits die politische Rechte in der Weimarer Republik verbreitete diese Falschbehauptung, um den ungeliebten Oberbürgermeister zu diskreditieren.

Nach Adenauers Absetzung Mitte März 1933 griffen die Nationalsozialisten die Vorwürfe wieder auf: Im Zuge eines Dienststrafverfahrens versuchten sie ihn so zusätzlich des Landesverrats zu überführen – was aufgrund mangelnder Beweise letztlich erfolglos blieb.

Plakat in Frakturschrift
Plakat zum Rheinischen Separatismus, Juni 1919Quelle: BArch, Plak 002-013-004

Das Dokument

  • Brief in Maschinentext, mit behördlichen Angaben und Stempeln, handschriftlichen Kürzeln, Vermerken, Unterstreichungen und Markierungen
    Schreiben Konrad Adenauers an den Chef der Reichskanzlei Hans-Heinrich Lammers zu Separatismus-Vorwürfen, April 1935 (Seite 1)
  • Text in Maschinenschrift mit händischer Unterschrift
    Schreiben Konrad Adenauers an den Chef der Reichskanzlei Hans-Heinrich Lammers zu Separatismus-Vorwürfen, April 1935 (Seite 2)

Obwohl Adenauer aus dem Berufsleben verdrängt, aus Köln vertrieben und zeitweise sogar von der Gestapo verhaftet worden war, schickte er im April 1935 ein Beschwerdeschreiben an den Chef der Reichskanzlei Hans-Heinrich Lammers. Darin beklagte er sich über Vorwürfe des Geschichtsdidaktikers Moritz Edelmann gegen seine Person. In der Publikation „Volkwerden der Deutschen – die letzten 15 Jahre“ bezeichnete Edelmann den Kölner Oberbürgermeister a. D. als „Verräter“: Adenauer habe die „Loslösung des besetzten Gebietes [gemeint ist das Rheinland, Anm. d. Red.] aus dem preussisch-deutschen Verbande“ angestrebt.

Edelmann spielte eine wichtige Rolle bei der ideologischen Durchsetzung des Geschichtsunterrichts im NS-Staat. Als „Reichssachwalter Geschichte“ im Nationalsozialistischen Lehrerbund hatte er eine bedeutende Stellung auf diesem Gebiet inne. Er rief die Schulbuchreihe „Volkwerden der Deutschen“ ins Leben, mit der er seine Ideen für die Gestaltung des Geschichtsunterrichts im nationalsozialistischen Sinne in die Praxis umsetzen wollte.

„Die Ausführungen widersprechen der historischen Wahrheit […]. Meine Ehre wird dadurch auf das Schwerste verletzt.“

Adenauer in seinem Schreiben an Lammers vom April 1935
BArch, R 43-II/127b, Image 0019

In seinem Schreiben an Lammers vom April 1935 bat Adenauer darum, sich gegen die Vorwürfe Edelmanns wehren zu dürfen. Außerdem nahm er Bezug auf eine Eingabe von Reichskanzler a. D. Wilhelm Marx, der sich anderthalb Jahre zuvor ebenfalls an die Reichskanzlei gewandt hatte: Auch Marx beschwerte sich im Oktober 1933 über Separatismus-Vorwürfe, die ihm und Adenauer in einer Ausgabe der „Süddeutschen Monatshefte“ gemacht worden waren.

Wie es mit Adenauers Eingabe weiterging, ist ebenfalls in der Reichskanzlei-Akte überliefert: Lammers leitete die Bitte des Kölner Oberbürgermeisters a. D. an das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda weiter. Der zuständige Staatssekretär Walther Funk stimmte im Mai 1935 jedoch mit Lammers darin überein, dass „eine Ermächtigung Adenauers, gegen den Inhalt des Buches öffentlich Stellung zu nehmen, nicht in Betracht“ komme.

Auf Empfehlung des Ministerialrats in der Reichskanzlei Leo Killy sollte Adenauer nur auf Nachfrage über diese Entscheidung informiert werden. Ob dies jemals geschah, geht aus der Akte nicht hervor.

Literaturhinweise

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