Das Olympische Dorf wurde am 17. Juli 1936 eröffnet. Man betrat es durch ein großes Empfangsgebäude nahe der Fernverkehrsstraße von Berlin nach Hamburg, von der aus eine schnelle Verbindung zum „Reichssportfeld“ in Berlin bestand. Anschließend kam man an zahlreichen kleineren Gästehäusern vorbei, die die Namen deutscher Städte trugen. Hier übernachteten die Sportler. Im Zentrum des Geländes stand das „Speisehaus der Nationen“.
Im Osten der Anlange befand sich neben einem kleinen See mit Saunagebäude das sogenannte Hindenburghaus. Hier fanden Unterhaltungsveranstaltungen wie Vorträge oder Konzerte statt. Neben aktuellen Berichten zu den Olympischen Spielen oder Nachrichten wurden hier Filme gezeigt – teilweise mit militärisch-propagandistischem Charakter. Einige Athleten, vor allem aus den USA und Westeuropa, lehnten diese Filme ab und blieben einzelnen Vorführungen fern.
Zudem gab es im Olympischen Dorf zahlreiche Trainingsmöglichkeiten für die Sportler: einen Sportplatz, eine Schwimmhalle und eine Laufbahn, aber auch einen medizinischen Dienst. Im Übrigen waren im Olympischen Dorf nur Männer zu gelassen. Die Athletinnen wohnten nicht in Dallgow, sondern waren am „Reichssportfeld“ in Berlin untergebracht.
Einige Sportler beschrieben zeitgenössischen, ausländischen Medienberichten zufolge das abgeschiedene Olympische Dorf in Dallgow als stark reglementiert und isolierend. Das Gelände unterlag strengen Sicherheits- und Zugangskontrollen. Dadurch war der Kontakt der ausländischen Athleten mit der deutschen Bevölkerung stark eingeschränkt. Dies entsprach den Zielen des NS-Regimes, das der Welt ein positives, weltoffenes Deutschland vermitteln wollte. Ein engerer Austausch hätte die Gefahr erhöht, dass die ausländischen Besucher mit den politischen Repressionen und der Diskriminierung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen konfrontiert worden wären.
Der Berliner Fernsehsender „Paul Nipkow“, der erste reguläre TV-Sender der Welt, strahlte einen Bericht über das Olympische Dorf bei Dallgow aus. Dabei interviewte der Reporter des Senders auch ausländische Sportler sowie Angestellte des Olympischen Dorfes wie einen Soldaten oder die Köche im Speisehaus.
Der Dorfkommandant
Der Offizier Wolfgang Fürstner war seit 1934 Kommandant des Olympischen Dorfes. In dieser Position war er verantwortlich für den Betrieb des Dorfes. Rund zwei Monate vor Beginn der Spiele im August 1936 wurde Fürstner jedoch zum Vizekommandanten degradiert. Der offizielle Grund: Am Tag der offenen Tür im Dorf Anfang Mai 1936 hatten die Besucherinnen und Besucher Schäden im Dorf angerichtet. Fürstner habe „nicht mit der nötigen Energie durchgegriffen“. Neuer Kommandant wurde Werner von Gilsa, Oberstleutnant der Wehrmacht.
Das NS-Regime stellte den Suizid Fürstners in der Öffentlichkeit als „Unglücksfall“ dar und versuchte, die wahren Todesumstände zu vertuschen. Dieses Vorhaben war jedoch erfolglos: Die Weltpresse berichtete über den Tod Fürstners. Die japanische Tageszeitung „Yomiuri Shinbun“ etwa brachte Fürstners Tod direkt mit den antisemitischen Diffamierungen in Verbindung.
Nutzung des Geländes nach Olympia
Das Gelände des Olympischen Dorfes wurde nur wenige Tage nach der Abschlussfeier der Sommerspiele seiner Nachnutzung übergeben: Wie geplant waren hier nun die Heeres-Infanterieschule und ein Lazarett im ehemaligen „Speisehaus der Nationen“ untergebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die sowjetische Armee das Gelände. Sie fügte dem ehemaligen Olympischen Dorf Gebäude in Plattenbauarchitektur hinzu. Zudem nutzte die sowjetische Armee die Sportanlagen aus der NS-Zeit für die Leistungsförderungen der eigenen Soldaten, bis sie Anfang der 1990er Jahre aus Deutschland abzog.
Das Olympiajahr 1936: Eine Chronologie
1936 blickte die Welt nach Deutschland: Vom 6. bis 16. Februar war Garmisch-Partenkirchen Austragungsort der Olympischen Winterspiele; die Sommerspiele richtete die Reichshauptstadt Berlin vom 1. bis 16. August aus. Das nationalsozialistische Regime erkannte die Möglichkeiten, die das Großereignis für seine Propaganda bot: Der deutsche NS-Staat konnte sich auf der Weltbühne als friedliebende Nation präsentieren – obwohl er Jüdinnen, Juden und Andersdenkende verfolgte, die ersten Konzentrationslager errichtete und heimlich für einen Krieg aufrüstete.
Dieser Beitrag ist Teil unserer Chronologie zum Olympiajahr 1936. Darin finden Sie zahlreiche Beiträge zum Verlauf der Olympischen Winter- und Sommerspiele 1936 sowie zu weiteren Ereignissen des Jahres 1936 mit einer Auswahl an Archivgut aus dem Bundesarchiv.