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Blick auf das Gelände des Olympischen Dorfes in Elstal, 5. Juni 1936

Blick auf das Gelände des Olympischen Dorfes in Elstal, 5. Juni 1936, Quelle: BArch, Bild 102-17663 / Pahl, Georg

Das Olympische Dorf bei Dallgow

Rund 30 Kilometer westlich von Berlin entstand in der Nähe von Dallgow ein Olympisches Dorf für die männlichen Athleten der Sommerspiele in Berlin 1936. Sie konnten hier kostengünstig übernachten und für die Wettbewerbe trainieren. Das Olympische Dorf war aber auch Teil der verdeckten Kriegsaufrüstung der Nationalsozialisten.

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Das Gelände bei Berlin

Aufgrund der guten Verkehrsanbindung nach Berlin entschied sich das Organisationskomitee bereits im November 1933 für den Bau eines Olympischen Dorfes auf dem ehemaligen Gelände des Truppenübungsplatzes Döberitz. Das etwa 55 ha große Gelände lag rund 30 Kilometer westlich der Reichshauptstadt und sollte während der Olympischen Spiele in Berlin die Heimat von Sportlern aus aller Welt werden. Olympische Dörfer gab es bereits seit den Sommerspielen 1924 in Paris. Hier konnten die Sportler günstig unterkommen und fanden Trainingsstätten vor. Für das Internationale Olympische Komitee (IOC) sollte ein Olympisches Dorf zudem ein Ort der Völkerverständigung sein.

Von Anfang an war eine militärische Nachnutzung des Geländes nach dem Ende der Sommerspiele vorgesehen, weshalb die Reichswehr (ab 1935: Wehrmacht) das Olympische Dorf in Dallgow errichten sollte. Die bauliche Planung für das Olympische Dorf übernahm u. a. Werner March, der gleichzeitig auch den Bau des „Reichssportfelds“ in Berlin-Charlottenburg verantwortete.

Theodor Lewald, Vorsitzender des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 1936, und IOC-Präsident Henri de Baillet-Latour (hinten in der Mitte) besichtigen die Baustelle für das Olympische Dorf im November 1935
Theodor Lewald, Vorsitzender des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 1936, und IOC-Präsident Henri de Baillet-Latour (hinten in der Mitte) besichtigen im November 1935 die Baustelle des Olympische DorfesQuelle: BArch, Bild 183-1992-0820-504 / o. Ang.

Das Olympische Dorf wurde am 17. Juli 1936 eröffnet. Man betrat es durch ein großes Empfangsgebäude nahe der Fernverkehrsstraße von Berlin nach Hamburg, von der aus eine schnelle Verbindung zum „Reichssportfeld“ in Berlin bestand. Anschließend kam man an zahlreichen kleineren Gästehäusern vorbei, die die Namen deutscher Städte trugen. Hier übernachteten die Sportler. Im Zentrum des Geländes stand das „Speisehaus der Nationen“.

Im Osten der Anlange befand sich neben einem kleinen See mit Saunagebäude das sogenannte Hindenburghaus. Hier fanden Unterhaltungsveranstaltungen wie Vorträge oder Konzerte statt. Neben aktuellen Berichten zu den Olympischen Spielen oder Nachrichten wurden hier Filme gezeigt – teilweise mit militärisch-propagandistischem Charakter. Einige Athleten, vor allem aus den USA und Westeuropa, lehnten diese Filme ab und blieben einzelnen Vorführungen fern.

Zudem gab es im Olympischen Dorf zahlreiche Trainingsmöglichkeiten für die Sportler: einen Sportplatz, eine Schwimmhalle und eine Laufbahn, aber auch einen medizinischen Dienst. Im Übrigen waren im Olympischen Dorf nur Männer zu gelassen. Die Athletinnen wohnten nicht in Dallgow, sondern waren am „Reichssportfeld“ in Berlin untergebracht.

Entwurf des Geländes des Olympischen Dorfes in Dallgow
Entwurf des Geländes des Olympischen Dorfes in DallgowQuelle: BArch, R 8077/274 / Image 0028
  • See und Saunagebäude im Olympischen Dorf Dallgow (Sommer 1936)
    See und Saunagebäude im Olympischen Dorf Dallgow (Sommer 1936)
  • Die deutschen Athleten ziehen ins Olympische Dorf ein
    Die deutschen Athleten ziehen ins Olympische Dorf ein
  • Die US-amerikanischen Athleten ziehen ins Olympische Dorf ein
    Die US-amerikanischen Athleten ziehen ins Olympische Dorf ein
  • Luftaufnahme des „Speisehauses der Nationen“
    Luftaufnahme des „Speisehauses der Nationen“
  • Blick auf das Gelände des Olympischen Dorfes in Elstal, 5. Juni 1936
    Blick auf das Gelände des Olympischen Dorfes bei Dallgow, 5. Juni 1936
  • Italienische Sportler vor dem „Speisehaus der Nationen“ im Olympischen Dorf
    Italienische Sportler vor dem „Speisehaus der Nationen“ im Olympischen Dorf
  • Der US-amerikanische Hochspringer Cornelius Johnson beim Training im Olympischen Dorf
    Der US-amerikanische Hochspringer und spätere Goldmedaillen-Gewinner Cornelius Johnson beim Training im Olympischen Dorf
  • Konzert des Marine-Musikkorps vor dem „Speisehaus der Nationen“ im Olympischen Dorf
    Konzert des Marine-Musikkorps vor dem „Speisehaus der Nationen“ im Olympischen Dorf

Einige Sportler beschrieben zeitgenössischen, ausländischen Medienberichten zufolge das abgeschiedene Olympische Dorf in Dallgow als stark reglementiert und isolierend. Das Gelände unterlag strengen Sicherheits- und Zugangskontrollen. Dadurch war der Kontakt der ausländischen Athleten mit der deutschen Bevölkerung stark eingeschränkt. Dies entsprach den Zielen des NS-Regimes, das der Welt ein positives, weltoffenes Deutschland vermitteln wollte. Ein engerer Austausch hätte die Gefahr erhöht, dass die ausländischen Besucher mit den politischen Repressionen und der Diskriminierung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen konfrontiert worden wären.

Der Berliner Fernsehsender „Paul Nipkow“, der erste reguläre TV-Sender der Welt, strahlte einen Bericht über das Olympische Dorf bei Dallgow aus. Dabei interviewte der Reporter des Senders auch ausländische Sportler sowie Angestellte des Olympischen Dorfes wie einen Soldaten oder die Köche im Speisehaus.

Der Dorfkommandant

Der Offizier Wolfgang Fürstner war seit 1934 Kommandant des Olympischen Dorfes. In dieser Position war er verantwortlich für den Betrieb des Dorfes. Rund zwei Monate vor Beginn der Spiele im August 1936 wurde Fürstner jedoch zum Vizekommandanten degradiert. Der offizielle Grund: Am Tag der offenen Tür im Dorf Anfang Mai 1936 hatten die Besucherinnen und Besucher Schäden im Dorf angerichtet. Fürstner habe „nicht mit der nötigen Energie durchgegriffen“. Neuer Kommandant wurde Werner von Gilsa, Oberstleutnant der Wehrmacht.

Fürstners Degradierung hatte in Wahrheit andere Gründe: Während das Dorf errichtet worden war, waren Zweifel an Fürstners „arischer“ Abstammung aufgekommen. Sein Großvater väterlicherseits soll Jude gewesen sein. Bereits im Oktober 1935 wies ein Schreiben des Reichsministerium des Innern an Martin Bormann, Leiter der NSDAP-Parteikanzlei, auf Fürstners mögliche jüdische Herkunft hin. Im antisemitischen Hetzblatt „Der Judenkenner“ erschien kurz vor dem Einzug der Sportler ins Dorf ein Artikel, der Stimmung gegen die Anstellung Fürstners im Olympischen Dorf machte. Carl Diem, Generalsekretär des Organisationskomitees der Sommerspiele in Berlin, notierte in seinem Tagebuch, dass sich Fürstner in Folge dieser Anklagen mit „allen Leuten angelegt“ habe und seine Ehe in die Brüche ging. Dennoch verblieb Fürstner während der Spiele in seinem Amt als stellvertretender Kommandant.

Am 19. August 1936, drei Tage nach der Abschlussfeier der Spiele, beging Wolfgang Fürstner in seiner Dienstwohnung im Olympischen Dorf Selbstmord.

Porträt Wolfgang Fürstners (1935)
Porträt Wolfgang Fürstners (1935)Quelle: BArch, Bild 183-2008-0122-500 / o. Ang.

Das NS-Regime stellte den Suizid Fürstners in der Öffentlichkeit als „Unglücksfall“ dar und versuchte, die wahren Todesumstände zu vertuschen. Dieses Vorhaben war jedoch erfolglos: Die Weltpresse berichtete über den Tod Fürstners. Die japanische Tageszeitung „Yomiuri Shinbun“ etwa brachte Fürstners Tod direkt mit den antisemitischen Diffamierungen in Verbindung.

  • Deutsche Übersetzung eines Berichts der Zeitung „Yomiuri Shinbun“ über den Tod Wolfgang Fürstners
    Deutsche Übersetzung eines Berichts der Zeitung „Yomiuri Shinbun“ über den Tod Wolfgang Fürstners, angefertigt durch den Diplomaten Willy Noebel der Deutschen Botschaft in Tokio für das Auswärtige Amt

Nutzung des Geländes nach Olympia

Das Gelände des Olympischen Dorfes wurde nur wenige Tage nach der Abschlussfeier der Sommerspiele seiner Nachnutzung übergeben: Wie geplant waren hier nun die Heeres-Infanterieschule und ein Lazarett im ehemaligen „Speisehaus der Nationen“ untergebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die sowjetische Armee das Gelände. Sie fügte dem ehemaligen Olympischen Dorf Gebäude in Plattenbauarchitektur hinzu. Zudem nutzte die sowjetische Armee die Sportanlagen aus der NS-Zeit für die Leistungsförderungen der eigenen Soldaten, bis sie Anfang der 1990er Jahre aus Deutschland abzog.

Karte von Dallgow aus dem Jahr 1927 (Ausschnitt)
Luftbildaufnahme von Dallgow und dem ehemaligen Olympischen Dorf aus dem Oktober 1941
  • 1927
  • 1941

Das Olympiajahr 1936: Eine Chronologie

1936 blickte die Welt nach Deutschland: Vom 6. bis 16. Februar war Garmisch-Partenkirchen Austragungsort der Olympischen Winterspiele; die Sommerspiele richtete die Reichshauptstadt Berlin vom 1. bis 16. August aus. Das nationalsozialistische Regime erkannte die Möglichkeiten, die das Großereignis für seine Propaganda bot: Der deutsche NS-Staat konnte sich auf der Weltbühne als friedliebende Nation präsentieren – obwohl er Jüdinnen, Juden und Andersdenkende verfolgte, die ersten Konzentrationslager errichtete und heimlich für einen Krieg aufrüstete.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Chronologie zum Olympiajahr 1936. Darin finden Sie zahlreiche Beiträge zum Verlauf der Olympischen Winter- und Sommerspiele 1936 sowie zu weiteren Ereignissen des Jahres 1936 mit einer Auswahl an Archivgut aus dem Bundesarchiv.

  • Siegerehrung im modernen Fünfkampf bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin
    Themenseite

    Olympia 1936 im nationalsozialistischen Deutschland

    1936 fanden die Olympischen Winter- und Sommerspiele in Deutschland statt – und damit das größte Sportereignis der Welt. Die Nationalsozialisten nutzten es für ihre Propaganda. Zum 90. Jahrestag der Spiele präsentiert das Bundesarchiv Archivalien aus dem Olympiajahr 1936.