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Erich Honecker und Oskar Lafontaine im Gespräch in der saarländischen Staatskanzlei, 10. September 1987

Erich Honecker und Oskar Lafontaine im Gespräch in der saarländischen Staatskanzlei, 10. September 1987, Quelle: BArch, MfS, HA IX, Fo, Nr. 1370, Bild 2

Aktion „Dialog“ – Erich Honeckers Besuch im Saarland 1987

Mit der Aktion „Dialog“ überwachte die Stasi im Jahr 1987 den Besuch Erich Honeckers im Saarland. Für Honecker, der aus dem saarländischen Wiebelskirchen stammte, hatte die Reise auch eine persönliche Ebene. Das MfS bereitete sich auf mögliche Proteste und Störungen vor.

1987 wähnte sich die Partei- und Staatsführung der DDR an einem wichtigen Ziel angekommen: Erich Honecker besuchte vom 7. bis 11. September die Bundesrepublik Deutschland. Die SED sah darin die langersehnte vollständige staatsrechtliche Anerkennung der DDR durch den westdeutschen Staat. Der Bundesregierung ging es ihrerseits vor allem um Reiseerleichterungen für ihre Bürgerinnen und Bürger. Engere Beziehungen wurden als Grundlage für die nationale Einheit Deutschlands gesehen. Der Besuch des Saarlands war Honecker ein besonderes, weil persönliches Anliegen: Für den im saarländischen Wiebelskirchen geborenen Staatschef handelte es sich um eine Reise in die alte Heimat, bei der er seine Schwester sowie Jugendfreunde treffen und das Grab seiner Eltern besuchen wollte.

Bei der Fahrt der Auto-Kolonne von Erich Honecker durch Wiebelskirchen säumen zahlreiche Schaulustige die Strecke. DKP-Mitglieder begrüßen den Staatsratsvorsitzenden mit roten Fahnen und Plakaten, 10. September 1987
Bei der Fahrt der Auto-Kolonne von Erich Honecker durch Wiebelskirchen säumen zahlreiche Schaulustige die Strecke. DKP-Mitglieder begrüßen den Staatsratsvorsitzenden mit roten Fahnen und Plakaten, 10. September 1987Quelle: BArch, Bild 183-1987-0910-047 / Mittelstädt, Rainer

Proteste gegen Honecker

Aufruf zur Protest-Veranstaltung in Wiebelskirchen: „Honni kommt, wir auch!“, 1987
Aufruf zur Protest-Veranstaltung in Wiebelskirchen: „Honni kommt, wir auch!“, 1987Quelle: BArch, MfS, HAXXII, Nr. 994, Bl. 99

Um befürchtete Risiken zu minimieren, ordnete Stasi-Minister Erich MielkeMielke, Erich28.12.1907 - 21.05.2000 die Aktion „Dialog“ an – ein umfassendes Überwachungs- und Sicherungsprogramm. Das Ministerium für StaatssicherheitMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... sollte nicht nur Anschläge verhindern, sondern auch jede Form von Störung oder Protest im In- und Ausland möglichst eindämmen. Besonders problematisch war aus Sicht der DDR, dass die Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik zwar Schutz zusicherten, das verfassungsmäßige Demonstrationsrecht jedoch nicht einschränkten. Aus Stasi-Sicht bedeutete dies eine unberechenbare Lage, in der spontane Proteste möglich blieben.

Und tatsächlich nutzten zahlreiche Gruppen die Gelegenheit, um auf Missstände in der DDR hinzuweisen. Mitglieder der Jungen Union errichteten eine symbolische Mauer und präsentierten Plakate mit Parolen wie „Die Mauer muss weg“. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte organisierte eine „kleine DDR“ mit Käfigen, Stacheldraht und ehemaligen politischen Häftlingen, die öffentlich ihre Schicksale schilderten. Auch ehemalige DDR-Bürgerinnen und -Bürger demonstrierten direkt in Wiebelskirchen und Neunkirchen für Reisefreiheit, Menschenrechte und die Abschaffung der Strafbarkeit von „Republikflucht“. Die Rufe „Mörder, Mörder“ und Holzkreuze für Mauertote verliehen den Protesten eine drastische Symbolik.

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

Honecker selbst bekam von den meisten Aktionen kaum etwas mit – eine Mischung aus strenger Abschirmung und gezielter Wegführung. Dennoch dokumentierte die Stasi alles minutiös: Fotografien, Zeitungsberichte, Rundfunk- und Fernsehmitschnitte wurden gesammelt, ausgewertet und teilweise Grundlage für weitere Überprüfungen. Besonders irritiert war das MfSMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... davon, dass westdeutsche Medien die Ambivalenz des Besuchs offen zeigten: Während DDR-Fotografen fast ausschließlich jubelnde Szenen einfingen, hielten westliche Kameras auch Proteste und kritische Stimmen fest.

Im Rückblick wertete die Stasi die Aktion „Dialog“ gleichwohl als Erfolg: Honecker blieb unversehrt, größere Störungen traten nicht ein, und die deutsch-deutschen Beziehungen erhielten neuen Auftrieb. Das grundlegende Unverständnis für die Meinungsfreiheit im Westen blieb jedoch bestehen – in den Augen des MfS ein ständiges Sicherheitsrisiko. Gerade im Saarland zeigte sich, wie unterschiedlich die Systeme funktionierten: Während Honecker die Rückkehr in seine alte Heimat als persönlichen Triumph inszenierte, wurde sie zugleich zum Schauplatz einer lebendigen und für die DDR unbequemen Zivilgesellschaft.

Abfotografiertes Fernsehbild der symbolisch aufgebauten Mauer in Dillingen, auf der Mauer steht "Die Mauer muss weg! JU"
Von der „Jungen Union“ aufgebaute symbolische Mauer in Dillingen, September 1987
Das Bild stammt aus dem Nachrichtenbeitrag eines westdeutschen Senders über den Honecker-Besuch. Die Stasi fotografierte es vom Fernseher ab.
Quelle: BArch, MfS, ZKG, Fo, Nr. 67, Bild 13

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