Festnahme mit politischer Brisanz
Der Vorfall vom 4. August 1961 sprach sich schon bald in der Region herum und war in zweierlei Hinsicht politisch brisant: Zum einen handelte es sich – aus Sicht des MfS – um einen staatsfeindlichen Akt gegen die sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Zum anderen war Lemke Mitglied der SED und hatte mehrere politische und gesellschaftliche Funktionen inne. Der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung forderte daher, die Angelegenheit schnell zu klären.
Diese heikle Gemengelage war auch der Grund dafür, dass ab 9. August 1961 die HA IXHauptabteilung IXFür strafrechtliche Ermittlungen zuständige Diensteinheit (Strafverfolgung). Sie hatte wie die... in der Berliner Stasi-Zentrale die Ermittlungen führte, nicht die entsprechende AbteilungAbteilungEine selbständige Abteilung ist eine Organisationsstruktur in der MfS-Zentrale, die durch den... innerhalb der BezirksverwaltungBezirksverwaltungIm Zusammenhang mit der Verwaltungsreform der DDR vom Sommer 1952 wurden die fünf... (BV) Potsdam.
In einem Stimmungsbericht vom 12. August 1961 fasste ein Mitarbeiter der Mord- und Brandkommission (MuB) die Lage zusammen. Die MuB war 1958 im direkten AnleitungsbereichAnleitungsbereichOrganisationsprinzip im MfS wie auch in anderen DDR-Organen, das die Aufteilung der unmittelbaren... des Leiters der HA IX eingerichtet worden. Sie übernahm kriminaltechnische Aufgaben, für die das MfS zuvor auf Amtshilfe der Volkspolizei angewiesen war.
Laut MuB-Bericht empfahl die HA IX, gemeinsam mit dem Parteisekretär Argumentationen festzulegen, um auf die Gerüchte über die Festnahme Lemkes reagieren zu können.
Am 16. August 1961 wurde Lemke auf Beschluss der Leitung des MfS aus dem HaftkrankenhausAbteilung Haftkrankenhaus1960 hervorgegangen aus der Sanitätsstelle der Abteilung XIV und dem Arbeitsbereich Haftkrankenhaus... entlassen. Wie aus einem Aktenvermerk der HA IX von diesem Tag hervorgeht, sprach kurz zuvor ein leitender MfS-Offizier mit Lemke. Anschließend legte er einen Entlassungsbeschluss vor und begleitete Lemke aus dem Krankenhaus.
Ermittlungen ohne Erfolg
Das MfS beschloss, Lemke nach seiner Haftentlassung „in operative Bearbeitung“ zu nehmen: Es setzte mehrere inoffizielle Mitarbeiter auf ihn an, besorgte sich Informationen bei benachbarten Kreisdienststellen und überwachte Lemkes Wohnung sowie Postverkehr. Auch zu seinen Kollegen und Bekannten sowie zu seiner Frau holte sich die Geheimpolizei Informationen ein. Außerdem durchleuchtete sie Lemkes Vergangenheit. Sie wollte so mehr über seine Kenntnisse erfahren, die er als Fallschirmjäger bei der Wehrmacht erworben hatte.
Die KD Belzig übernahm die Federführung bei diesen Ermittlungen. Am 24. November 1962 fasste der Leiter der Dienststelle die gewonnenen Erkenntnisse in einem Abschlussbericht zusammen. Außerdem empfahl er, das operative Material zur Ablage zu bringen. Denn die Ermittlungen hätten keine Beweise für eine staatsfeindliche Tätigkeit Lemkes erbracht. Der Leiter der BV Potsdam, Rudi MittigMittig, Rudi26.01.1925 - 28.08.1994
, quittierte diesen Vorschlag drei Tage später mit „einverstanden“. Den zweibändigen Untersuchungsvorgang hatte das MfS bereits Anfang 1962 archiviert.
Wer bzw. was letztlich für die Flugzeugabstürze verantwortlich war, geht aus den Stasi-Unterlagen nicht hervor.