Einführende Informationen
In den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 übertraten die Streitkräfte des Deutschen Reichs sowie seiner Verbündeten die Grenze der Sowjetunion und leiteten damit die nächste Phase des Zweiten Weltkriegs ein. Anders als beispielsweise der Westfeldzug, wurde der Überfall auf die Sowjetunion im Vorfeld als ein Vernichtungskrieg geplant und dementsprechend umgesetzt. Die Sowjetunion und ihre Bevölkerung sollten rücksichtslos bekämpft werden, um Hitlers wahnsinniges Ziel vom Lebensraum im Osten zu erfüllen. Durch die Verabschiedung entsprechender Erlasse und Richtlinien schufen die Nationalsozialisten bewusst einen rechtsfreien Raum, der umfassende Kriegsverbrechen ermöglichte. Hierzu zählen unter anderem die berüchtigten Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare (RH 2/2082, S. 91/361), die auch als sogenannter Kommissar-Befehl bekannt sind.
Hinter den vorstoßenden Truppenteilen der Wehrmacht und Waffen-SS rückten stetig die Einsatzgruppen nach, die in den rückwärtigen Gebieten Massenmorde und Deportationen durchführten. Ihnen fielen dabei vor allem Juden, Roma, kommunistische Funktionsträger, Intellektuelle und Partisanen zum Opfer. Die Wehrmacht und Waffen-SS verübten gleichsam Verbrechen an sowjetischen Soldaten sowie Zivilisten und kollaborierten eng mit den Einsatzgruppen. Die kontinuierlich verübten Gräuel in Verbindung mit der Unterschätzung des sowjetischen Gegners sollten sich im Laufe der Zeit für das deutsche Vorgehen bitter rächen.
Die anfänglichen Vorstöße waren geradezu von umfassenden Geländegewinnen geprägt und erinnerten an die Blitzkriegerfolge in Polen 1939 und im Westen 1940. Binnen eines Monats konnten weite Teile des Baltikums, Weißrussland und westliche Gebiete der Ukraine eingenommen werden. Nach nur zwei Monaten Krieg betrug die Distanz zwischen Leningrad und den deutschen Verbänden gerade einmal fünfzig Kilometer. Im Zentrum gelangten die Achsenmächte bis nach Smolensk und im Süden verlief die Front in unmittelbarer Nähe des Flusses Dnepr, der im Spätsommer 1941 durch die Errichtung von mehreren Brückenköpfen schließlich überwunden wurde. Am 8. September 1941 gelang es der deutschen Seite, Leningrad vom restlichen Gebiet der Sowjetunion abzuschneiden und immer größere Territorien der Ukraine zu erobern.
Mit dem zunehmendem Widerstand der Roten Armee, der durch die Bekanntwerdung der deutschen Verbrechen angefacht wurde und aufgrund der eintretenden Schlammperiode im Herbst, erlahmte das Offensivpotenzial jedoch zunehmend. Gleichzeitig litten die Angreifer unter Versorgungsengpässen, da sich die Front immer weiter ausdehnte und dahinter von Partisanen und versprengten Angehörigen der Roten Armee Sabotageakte auf die Nachschubwege verübt wurden. Zwar gelang es den deutschen und verbündeten Truppen, bis Ende November die Ukraine vollständig zu erobern, doch wurden derartige Erfolge teuer erkauft: die Verluste an Soldaten und Material stiegen stetig und trugen dazu bei, die Offensive weiter abzuschwächen.
So konnte das Ziel, Moskau einzunehmen und damit den Krieg gegen die Sowjetunion zu gewinnen, letzten Endes nicht erfüllt werden. Zwar gelang es der Heeresgruppe Mitte noch, die für das Vorrücken auf Moskau wichtigen Städte Vjazma und Brjansk einzunehmen, doch erreichten die Deutschen beim darauffolgenden Vorstoß auf Moskau lediglich den Vorort Chimki im Rahmen einer Aufklärungsmission. Das Unternehmen Barbarossa war infolge dessen und trotz der immensen Geländegewinne fehlgeschlagen.
Diese stark komprimiert geschilderten Ereignisse entfalten sich umfangreich in den Unterlagen des ehemaligen Heeres und der Waffen-SS. Sie sind aufgrund von Kriegseinwirkungen jedoch nicht vollständig. Besonders gen Ende des Zweiten Weltkriegs fanden durch die deutschen Stellen umfangreiche Vernichtungsaktionen statt. Außerdem erlitt das Heeresarchiv am 14. April 1945 im Zuge der Bombardierung Potsdams einen Volltreffer und brannte nahezu vollständig aus. Lediglich zuvor ausgelagerte Unterlagen blieben von den Flammen verschont. Für Unterlagen der Wehrmacht und Waffen-SS, die vor 1942 entstanden sind, gilt zu berücksichtigen, dass es im Februar 1942 im Heeresarchiv zu einem Brand kam, der zahlreiche Akten beschädigte und zum Teil zerstörte.
Nachfolgend erfahren Sie, wie Sie trotz der Überlieferungslücken relevante Quellen zum Unternehmen Barbarossa finden. Der vorliegende Rechercheleitfaden widmet sich dabei dem Zeitraum vom unmittelbaren Vorstoß der Achsenmächte am 22. Juni 1941 bis zur deutschen Niederlage vor Moskau und dem Beginn der sowjetischen Gegenoffensive am 8. Januar 1942. Die weiteren Phasen des Krieges zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion (z.B. Unternehmen Blau, Schlacht um Stalingrad und die deutschen Rückzugskämpfe bis Kriegsende) werden in weiteren Rechercheleitfäden abgehandelt, deren Veröffentlichung noch aussteht.
Recherchestrategie
Ortsbezogene Recherchen im Bundesarchiv, die die Zeit des Zweiten Weltkriegs betreffen, sind meist mit hohen Aufwänden verbunden, denn die hiesigen Bestände sind allesamt nach militärischen Dienststellen und Truppenteilen abgelegt. Ein Zugriff über Orts- oder Gebietsnamen besteht in der Regel nicht. Zwar können Sie in invenio mit Schlagworten suchen, doch führt dieses Vorgehen nur zu wenigen beziehungsweise nicht selten zu überhaupt keinen Treffern. Das bedeutet jedoch nicht, dass keinerlei Überlieferung existiert.
Stattdessen besteht die Notwendigkeit, eine Vielzahl von Beständen auszuwerten – eine sehr zeitintensive Sucharbeit, deren Ergebnis angesichts der Überlieferungslage offen bleiben muss, denn von Regimentern, Bataillonen und sonstigen kleineren Einheiten sowie Dienststellen sind in der Regel nur wenige oder keine Unterlagen erhalten und selbst die Kriegstagebücher der Divisionen enden meistenteils bereits 1943.
Die Vorstöße der deutschen Truppen und die Verteidigungsbemühungen der sowjetischen Streitkräfte bilden sich maßgeblich auf Lagekarten ab. Wenn Sie sich für die Operationen und Stationierungen von deutschen Truppenteilen in bestimmten Orten oder Gebieten der ehemaligen Sowjetunion zur Zeit deutschen Überfalls interessieren, dann können Sie mit Hilfe von Lagekarten deren Namen in Erfahrung bringen. Die Lagekarten des Führerhauptquartiers sind hierfür besonders geeignet. Sie werden im Bestand OKH / Generalstab des Heeres.- Lagekarten (RH 2-KART) verwahrt.
Die Lagekarten sind nach Kriegsschauplatz sowie Zeitraum geordnet und stehen mit verschiedenen Maßstäben zur Verfügung. Relevant sind dabei die Karten zur Lage Ost 1941/1945, Lage Finnland 1941/1944, Lage Ost der Heeresgruppe Nord 1941/1945, Lage Ost der Heeresgruppe Mitte 1941/1945 und Lage Ost der Heeresgruppe Süd 1941/1942.
Wenn Sie anhand der Einsichtnahme in die Lagekarten die Namen der Truppenteile in Erfahrung gebracht haben, können Sie Ihre Recherche in deren Kriegstagebüchern und sonstigen Unterlagen fortsetzen.
Primäre Überlieferung zum Unternehmen Barbarossa
Quellen zum Unternehmen Barbarossa befinden sich in zahlreichen Beständen des Bundesarchivs. Unterlagen zur Planung, die unter anderem die bekannte Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa und dazugehörende Besondere Anordnungen umfassen, werden auf höchster militärischer Ebene in den Beständen Wehrmachtführungsstab (RW 4) und Generalstab des Heeres (RH 2) verwahrt.
Der Großteil der Überlieferung zum Überfall auf die Sowjetunion befindet sich in den Beständen der beteiligten Verbände und Einheiten. Für das Unternehmen Barbarossa wurden insgesamt drei Heeresgruppen auf deutscher Seite zusammengezogen. Dabei handelt es sich um die Heeresgruppe Nord (RH 19-III), die Heeresgruppe Mitte (RH 19-II) und die Heeresgruppe Süd (RH 19-I). Daneben wurde für den nördlichen Kriegsschauplatz das Armeeoberkommando Norwegen (RW 39) mobilisiert. Dessen Akten befinden sich im Bestand des Wehrmachtbefehlshabers in Norwegen, der bis zur Bildung des Armeeoberkommandos Lappland am 14. Januar 1942 parallel für die Besatzungsverwaltung in Norwegen und die militärischen Operationen im Rahmen des Unternehmens Barbarossa zuständig war.
Den drei genannten Heeresgruppen unterstanden verschiedene Armeen und Panzergruppen, die sich jeweils aus mehreren Generalkommandos zusammensetzten. Das Armeeoberkommando Norwegen verfügte gleichsam über einige Generalkommandos. Die Generalkommandos bestanden wiederum aus unterschiedlichen Divisionen. Nachfolgend werden die deutschen Truppenteile des Heeres (inklusive rumänischer Verbände unter deutschen Befehl) und der Waffen-SS, die am Überfall auf die Sowjetunion beteiligt beziehungsweise dafür eingeplant waren, aufgelistet. Der 22. Juni 1941 bildet dabei den Stichtag. Die Unterstellungsverhältnisse der Truppenteile änderten sich aufgrund der hohen Dynamik des Kampfgeschehens in Abständen. Informationen hierzu können Sie dem Überblickswerk “Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS 1939 – 1945“ von Georg Tessin und der Organisationskartei des Allgemeinen Heeresamtes entnehmen. Beide Hilfsmittel sind über die Seite „Militärische Verbände und Einheiten bis 1945“ zugänglich.
Ersatzüberlieferung zum Unternehmen Barbarossa
Archivgut
Aufgrund der immensen Schriftgutverluste lassen sich viele Fragen zum Unternehmen Barbarossa anhand der amtlichen Überlieferung leider nicht mehr vollumfänglich beantworten. Das Bundesarchiv stellt jedoch eine sehr umfangreiche Ersatzüberlieferung bereit.
Zunächst können in dem Bestand der Historical Division der US-Army, Studiengruppe Wehrmachtführung und Heer (ZA 1), nützliche Unterlagen existieren. Dieser umfasst Ausarbeitungen zu zahlreichen deutschen Truppenteilen und den verschiedenen Kriegsschauplätzen des Zweiten Weltkriegs.
Im Bestand Sachthematische und biographische Sammlung zur deutschen Militärgeschichte 1849-1945 (MSG 2) befinden sich unter anderem private Tagebücher, Feldpostbriefe sowie Erlebnisberichte von ehemaligen Soldaten. Da der Bestand sehr umfangreich ist, empfiehlt es sich, eine Eingrenzung auf diesen in der allgemeinen Suche durchzuführen und anschließend mit Schlagworten zu operieren.
Bibliotheksgut
Im Bibliothekskatalog des Bundesarchivs können Sie nach möglicherweise vorhandenen Ausarbeitungen zu Truppenteilen suchen. Diese sind insbesondere dann sehr hilfreich, wenn kaum Akten zu den gesuchten Truppenteilen überliefert sind. Derartige Publikationen basieren zum Teil auf den Erinnerungen ehemaliger Angehöriger.
Unterlagen zum Unternehmen Barbarossa einsehen
Allgemeines
Das Bundesarchiv verfolgt das Ziel, sämtliche Bestände der Wehrmacht und Waffen-SS zu digitalisieren und online zugänglich zu machen. Aufgrund der schieren Menge an Akten wird es jedoch noch mehrere Jahre dauern, bis das Ziel erreicht wird.
Bezüglich des Überfalls auf die Sowjetunion liegen bereits die Bestände der Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd sowie der Armeeoberkommandos 6 und Norwegen digital vor. Außerdem wurde eine kleinere Auswahl an Beständen der zuvor genannten Generalkommandos und Divisionen digitalisiert. Die genannten Bestände der Waffen-SS sind vollständig online verfügbar.
Nicht digitalisierte Unterlagen können Sie entweder vor Ort einsehen oder deren Digitalisierung on demand beauftragen.
Bitte beachten Sie, dass aufgrund der angesprochenen Digitalisierungsbestrebungen des Bundesarchivs einzelne Bestände temporär nicht für die Benutzung bereitstehen können. Nähere Hinweise finden Sie auf unserer Internetseite zu den temporär gesperrten Beständen.
Benutzungshinweise für die Ersatzüberlieferung zum Unternehmen Barbarossa
Die Unterlagen in dem Bestand MSG 2 liegen im Bundesarchiv aufgrund von privatrechtlichen Vereinbarungen vor. Da es sich um eine Sammlung zahlreicher privater Abgaben handelt, ist stets eine individuelle Prüfung der Akten und deren Rechtesituation nötig. Wenn Sie Akten gefunden haben, die Sie gern einsehen möchten, dann bitten wir Sie, uns deren Archivsignaturen mitzuteilen. In der Regel ist die Benutzung von Akten aus MSG 2 nicht an besondere Benutzungsbedingungen geknüpft. Die Rechtesituation erfordert jedoch eine der Benutzung vorausgehende Prüfung.
Wir bitten Sie deshalb, für eine Einsichtnahme neben Ihrem Benutzungsantrag auch die Besondere Verpflichtungserklärung für die Nutzung von Archivgut privater Herkunft einzureichen. Da es sich um Unterlagen privater Herkunft handelt, ist für die Benutzung die Unterzeichnung einer solchen Erklärung erforderlich. Sie verpflichten sich damit, die schutzwürdigen Belange von Personen, die in den Unterlagen genannt werden, angemessen zu wahren und Urheberrechte zu beachten.
Weitere Quellen in anderen Archiven und Institutionen
Neben den deutschen Truppenteilen waren auch Verbände und Einheiten der verbündeten Staaten Finnland, Italien, Rumänien, der Slowakei und Ungarn an Unternehmen Barbarossa beteiligt. In den entsprechenden Nationalarchiven könnten somit ergänzende Quellen vorliegen.
Finnland:
The National Archives of Finland
P.O.Box 258
FI-00171 Helsinki
Telefon: +358 28 533 7000
Email
Italien:
Archivio Centrale dello Stato (ACS)
Piazzale degli Archivi, 27
00144, Roma
Telefon: +39 06 545481
Email
Rumänien:
Arhivele Nationale ale Romaniei
Str. Leaota nr. 2A
cod postal 061476
sector 6
Bucuresti
Telefon: 021 303 70 80
Fax: 0040 21 313 18 38
Email
Slowakei:
Slovensky narodny archiv
Drotarska cesta 42
P.O.Box 115
840 05 Bratislava 45
Telefon: 02 62 80 11 78
Email
Ungarn:
Magyar Nemzeti Levéltár
1014 Budapest
Bécsi kapu tér 2-4
Telefon: +36 1 225 2800
Fax: +36 1 225 2817
Email
Quellen der Roten Armee, die die Verteidigung der Sowjetunion betreffen, sind insbesondere beim Staatlichen Archiv der Russischen Föderation (GARF) in Moskau zu finden.
Государственный архив Российской Федерации (ГАРФ)
ул. Большая Пироговская, 17 (основное здание)
119435 Москва, РОССИЯ
Email
Aufgrund der aktuellen politischen Situation verspricht eine dortige Anfrage jedoch keine allzu große Aussicht auf Erfolg.
Dafür ist jedoch ein Teil der deutschen Dokumente, die damals von der Roten Armee erbeutet wurden, digital auf der Internetseite zum Deutsch-Russischen Projekt zur Digitalisierung deutscher Dokumente in Archiven der Russischen Föderation einsehbar.
Ansprechpartner
Bundesarchiv, Abteilung Militärarchiv
Wiesentalstraße 10
79115 Freiburg
Telefon: 030 18 665-1149
E-Mail: militaerarchiv@bundesarchiv.de