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Maschinengeschriebenes Dokument

Ergebnisniederschrift der Expertentagung in Himmerod vom 5. bis 9. Oktober 1950, Quelle: BArch, BW 9/3119c

Erste Überlegungen zu einer Wiederbewaffnung

Die Himmeroder Denkschrift vom Oktober 1950 gilt als das Gründungsdokument der Bundeswehr. Archivgut aus dem Bundesarchiv zeigt die Entstehungsgeschichte dieses wichtigen Dokuments.

Der bedingungslosen Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands im Mai 1945 folgte eine Phase der Besatzungsherrschaft durch die alliierten Siegermächte. Im Potsdamer Abkommen von August 1945 verständigten sich die USA, die Sowjetunion und Großbritannien auf die Grundsätze und Ziele für den Umgang mit dem besetzten Deutschland. Dazu zählten insbesondere die Entnazifizierung und Demilitarisierung. Die im Mai 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland war deshalb zunächst ein Staat ohne Souveränität nach außen und ohne eigenes Militär.

Mit dem aufziehenden Kalten Krieg hielt in Ost und West die Idee einer deutschen Wiederbewaffnung Einzug. Mit der Kasernierten Volkspolizei wurden in der DDR 1952 erste paramilitärische Einheiten aufgestellt. Im Westen lagen im Oktober 1950 erste, grundlegende Vorstellungen über zukünftige Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland vor.

Konrad Adenauer steht mit einem Zettel in der Hand neben mehreren Personen und spricht.
Verkündung des Grundgesetzes in Bonn am 23. Mai 1949Quelle: BArch, B 145 Bild-D00022155 / Munker, Georg

Die Diskussionen über den Weg und die Formen der Wiederbewaffnung standen unter der Prämisse, das künftige Militär in freiheitlich-demokratische Staats- und Gesellschaftsordnung einzubetten und als Teil eines kollektiven Verteidigungsbündnisses aufzustellen. Gleichzeitig gab es personelle Kontinuitäten: Ehemalige Wehrmachtoffiziere erarbeiteten die konzeptionellen Grundlagen und bildeten das erste Führungspersonal der späteren Bundeswehr.

Das Archivgut präsentiert ein vielschichtiges Bild des historischen Geschehens. Deutlich erkennbar sind die unterschiedlichen Denkansätze, die 1950 das Fundament der späteren bundesdeutschen Verteidigungspolitik und der Bundeswehr schufen.

  • Handgeschriebenes Dokument
    Aktennotiz von Gerhard Graf von Schwerin über ein Gespräch mit Bundeskanzler Konrad Adenauer am 24. Mai 1950, 25. Mai 1950
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Entwurf einer Konzeption für einen „Studienausschuss für deutsche Sicherheitsfragen“, undatiert, Zeitraum vermutlich 17. bis 25. Juli 1950

Die Aktennotiz und der Konzeptionsentwurf stammen aus Archivgut mit der Signatur BArch, BW 9/3105. Diese Akte entstand bei der Zentrale für Heimatdienst und wurde später in das Registraturgut des Amtes Blank übernommen. Es handelt sich um eine Handakte des Grafen von Schwerin, in der persönliche Vermerke, Notizen und Entwürfe für Vortragsunterlagen abgelegt sind.

  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 1)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 2)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 1)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 4)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 5)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 6)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 7)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 8)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 9)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 10)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 11)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 12)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 13)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 14)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 15)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 16)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 17)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 18)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 19)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 20)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 21)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 22)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 23)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 24)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 25)
  • Maschinengeschriebenes Dokument
    Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“, 7. August 1950 (Seite 26)

Die Denkschrift stammt aus dem Nachlass des ehemaligen Wehrmachtoberst Eberhard Graf von Nostitz. Er war einer der Mitverfasser der Himmeroder Denkschrift. Sein Nachlass wurde vom Bundesarchiv übernommen. Die Akte mit der Signatur BArch, N 3/4 enthält eine Sammlung persönlicher und amtlicher Aufzeichnungen zum Thema Wiederbewaffnung.

Historischer Hintergrund

Bundeskanzler Adenauer und der Bundesminister für Wirtschaft Ludwig Erhard zu Besuch bei den Allierten Hochkommissaren im Hotel Petersberg. Von links nach rechts sind zu sehen: John McCloy, Amerikanischer Hochkommissar; Ludwig Erhard, Bundesminister für Wirtschaft; Ivone Kirkpatrick, Britischer Hochkommissar; Konrad Adenauer, Bundeskanzler; André Francois-Poncet, Französischer Hochkommissar.
Bundeskanzler Konrad Adenauer und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard bei der Alliierten Hohen Kommission, 23. September 1950 (v. l. n. r.: Amerikanischer Hoher Kommissar John McCloy, Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, Britischer Hoher Kommissar Ivone Kirkpatrick, Bundeskanzler Konrad Adenauer, Französischer Hoher Kommissar André Francois-Poncet)Quelle: BArch, B 145 Bild-F090971-0005 / Munker, Georg

In den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs traten die politischen und gesellschaftlichen Gegensätze zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion immer deutlicher zutage. Die USA und viele westliche Regierungen befürchteten, dass die Sowjetunion eine aggressive Ausdehnung ihrer Herrschaft anstrebte. Der Sieg der Kommunisten unter Mao im Chinesischen Bürgerkrieg im Herbst 1949 und der Angriff des kommunistischen Nordkoreas auf das von den USA unterstützte Südkorea im Frühjahr 1950 schienen diese Befürchtungen zu bestätigen. In den westlichen Besatzungszonen Deutschlands hatte die sowjetische Blockade West-Berlins 1948/49 dem Gefühl der direkten Bedrohung durch die Sowjetunion massiven Auftrieb verliehen. Vor diesem Hintergrund stießen die USA einen möglichen militärischen Beitrag Westdeutschlands zu einer gemeinsamen Verteidigung Westeuropas an.

Das Thema „Wiederbewaffnung“ tauchte erstmals am 6. Dezember 1949 als Tagesordnungspunkt für die Kabinettssitzung der Bundesregierung auf. Das Sitzungsprotokoll selbst enthält keine Ausführungen zu diesem Besprechungspunkt. Die weitere Entwicklung der nächsten Monate verlief uneinheitlich und ist durch das Archivgut nicht immer eindeutig zu fassen.

Aus Briefen und Erinnerungen der damals Beteiligten wird deutlich: Bundeskanzler Konrad Adenauer ersuchte Eberhard Wildermuth (FDP), ein Konzept zum Aufbau westdeutscher Streitkräfte zu erstellen. Wildermuth war ehemaliger Offizier und nun Wohnungsbauminister in Adenauers Kabinett. Für das Konzept arbeitete er mit einer Gruppe ehemaliger Wehrmachtsoffiziere um Hans Speidel, Adolf Heusinger und Hermann Foertsch zusammen.

Mit der Denkschrift „Gedanken über die Frage der äußeren Sicherheit der Deutschen Bundesrepublik“ vom 7. August 1950 legten sie einen ersten, grundlegenden Beitrag vor. Die Tätigkeiten Wildermuths und seiner militärischen Experten verliefen im Verborgenen, ohne größere, formalisierte Organisationsstrukturen.

Dritte Sitzung des ersten Bundeskabinetts im Bonner Museum König am 2. Oktober 1949. Die Minister und Bundeskanzler Adenauer sitzen zusammen an einem großen Tisch. Dort sitzen unter anderem Bundeskanzler Konrad Adenauer, Bundesminister des Innern Gustav Heinemann und Eberhard Wildermuth, Bundesminister für Wohnungsbau.
Sitzung des Bundeskabinetts am 2. Oktober 1949 im Bonner Museum König (4. v. l.: Bundesminister für Wohnungsbau Eberhard Wildermuth)Quelle: BArch, B 145 Bild-F090891-0005 / Munker, Georg

Zugleich benannte Bundeskanzler Adenauer im Mai 1950 offiziell den ehemaligen Wehrmachtsgeneral Gerhard Graf von Schwerin als Berater in Militär- und Sicherheitsfragen. Dessen kleiner Mitarbeiterstab trug die Tarnbezeichnung „Zentrale für Heimatdienst“ (ZfH) und war dem Bundeskanzleramt unterstellt.

Laut einer Aktennotiz von Schwerins vom 25. Mai 1950 beauftragte Adenauer den ehemaligen Offizier mit Planungen für den Aufbau einer „Bundesgendarmerie“. Diese sollte etwaige kommunistische Infiltrationsversuche bekämpfen und im Falle einer militärischen Auseinandersetzung die westlichen Alliierten unterstützen. In den Folgewochen dehnte von Schwerin seinen Auftrag auf die Aufstellung von Streitkräften aus. Ob dies eigenmächtig oder auf Geheiß Adenauers erfolgte, ist bis heute ungeklärt. Innerhalb der Bundesregierung konkurrierten von Schwerins Arbeitsstab und die Gruppe um Wildermuth miteinander, wenn es um die Vorstellung militärpolitischer Konzepte beim Bundeskanzler ging.

Die drei westlichen Besatzungsmächte und die Außenminister der NATO-Staaten erteilten auf einer Konferenz vom 12. bis 19. September 1950 in New York den konkreten Überlegungen zum Aufbau einer paramilitärischen Bundespolizei eine Absage. Zwischen den Zeilen kommunizierten die USA allerdings, dass sie einen militärischen Beitrag der Bundesrepublik auf freiwilliger Basis zur Verteidigung Westdeutschlands begrüßen würden. Angesichts dieser Entwicklung entsprachen die Überlegungen der Arbeitsgruppe unter Wildermuth zu westlicher Integration, staatlicher Souveränität und militärischem Schutz besser der außenpolitischen Strategie Adenauers.

Die späteren Bundeswehrgeneräle Hans Speidel und Adolf Heusinger in Zivil im Gespräch beim Kaffeetrinken
Parallel zu den Verhandlungen über eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft in Paris (Pleven-Plan) fanden auf dem Petersberg bei Bonn Gespräche zwischen Beauftragten der drei Hohen Kommissare mit Vertretern der Bundesregierung statt. Der deutschen Delegation gehörten auch Hans Speidel und Adolf Heusinger an, die zu diesem Zeitpunkt noch zivile Mitarbeiter im Amt Blank warenQuelle: BArch, Bild 146-2005-0096 / o. Ang.

Von Schwerin und die Mitarbeiter der ZfH organisierten im Auftrag von Bundeskanzler Konrad Adenauer für Anfang Oktober 1950 ein Treffen von 15 ehemaligen Offizieren des Heeres, der Luftwaffe und der Marine im Kloster Himmerod. Dieser militärische Expertenausschuss sollte die militärpolitischen, strategisch operativen, ideellen und organisatorischen Grundlagen eines künftigen westdeutschen Verteidigungsbeitrages ausarbeiten. Letztlich gaben aber Angehörige der Gruppe um Wildermuth den personellen wie inhaltlichen Rahmen vor. Die von ihnen verfasste Denkschrift vom 7. August 1950 nimmt wesentliche Inhalte der als Himmeroder Denkschrift bekannt gewordenen Ausarbeitung der Expertentagung aus dem Oktober 1950 vorweg.

Am 26. Oktober 1950 wurde der von den beiden Fraktionen als „Arbeitsstab“ (Wildermuth/Speidel) bzw. „Studienausschuss“ (von Schwerin) vorgeschlagene organisatorische Kern für das fünf Jahre später eingerichtete Bundesministerium für Verteidigung geschaffen: Adenauer ernannte den CDU-Politiker Theodor Blank zum Leiter der unter dem Dach des Bundeskanzleramtes neu geschaffenen Dienststelle des Bevollmächtigten des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen – kurz: das Amt Blank.