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In der Postkontrolle abgefangenes Paket 7.12.1973

Foto eines Pakets der Deutschen Bruderhilfe, Quelle: BArch, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Nr. 675, Bl. 48

Die Deutsche Bruderhilfe in den Akten der Stasi

Die in Bremen gegründete Initiative „Deutsche Bruderhilfe“ sammelte jahrzehntelang Spenden, um Hilfspakete in die DDR zu schicken. Die Stasi überwachte die Hilfsorganisation und kontrollierte die eingehenden Pakete aus der Bundesrepublik.

Noch heute fallen die Spuren der deutschen Teilung in Bremens Zentrum ins Auge. Auf dem Marktplatz, direkt hinter dem Bremer Roland, findet man am Deutschen Haus die Inschrift „Gedenke der Brüder, die das Schicksal unserer Trennung tragen!“ Sie zeugt von der Unterstüt­zung, die von Bremen in die DDR ging. Die weißen Lettern wurden dort 1955 im Auftrag der Deut­schen Bruderhilfe angebracht, die ab 1957 auch ihre Geschäftsstelle im Haus hatte. Sie erinnern an den organisierten Versand von Lebensmitteln und anderen Waren, die in Paketen und Päckchen an Privatleute in die DDR verschickt wurden.

Wie bei allem, was aus dem Westen in den Osten kam, befürchtete die SED-Führung eine ideo­logische Beeinflussung der eigenen Bevölkerung. Deshalb sollte das Ministerium für Staatssicher­heit in Zusammenarbeit mit dem DDR-Zoll die Deutsche Bruderhilfe überwachen und die von ihr versendeten Pakete kontrollieren. Auch wenn die Sendungen in der Regel völlig unverfängliche Dinge enthielten, sammelte die Stasi systema­tisch Informationen über die Deutsche Bruder­hilfe als Organisation, über die Absendenden und Empfangenden sowie über die Pakete selbst.

Deutsches Haus am Bremer Marktplatz mit Rolandstatue links im Bild
Inschrift am Deutschen Haus am Bremer Marktplatz, 1959 / Foto: Karl-Edmund SchmidtQuelle: StAB, 10.B-FN-3-o.Nr.-009

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

Die Beurteilung der Deutschen Bruderhilfe aus Sicht der Stasi lässt sich anhand der Aktenlage als zwiespältig beschreiben. Einerseits beschäf­tigte sich die Stasi intensiv mit dem Verein; verschiedene Abteilungen und Diensteinheiten setzten sich immer wieder mit ihm auseinander. Schon eine „Verbindung“ zur Bruderhilfe war verdächtig – bereits der einmalige Empfang einer Sendung reichte aus, um das MfSMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... auf den Plan zu rufen. 1968/69 ließ der stellvertretende Minis­ter für Staatssicherheit Bruno BeaterBeater, Bruno05.02.1914 - 09.04.1982 (1914–1982) mehrere detaillierte Studien zur „Aufklärung“ von Paketversandorganisationen erstellen, in denen die Deutsche Bruderhilfe neben anderen Hilfs­organisationen untersucht und recht prominent abgehandelt wurde.

Karte aus einer Studie zur „Aufklärung der Einflussnahme“ von Paketversandorganisationen in der Stadt Lychen und in Waldsee (Kreis Neustrelitz), die die Paketempfänger in Lychen aufgeschlüsselt nach den Versandorganisationen zeigt, ca. 1968.
Karte aus einer Studie zur „Aufklärung der Einflussnahme“ von Paketversandorganisationen in der Stadt Lychen und in Waldsee (Kreis Neustrelitz), die die Paketempfänger in Lychen aufgeschlüsselt nach den Versandorganisationen zeigt, ca. 1968Quelle: BArch, MfS, AS, Nr. 285/82, Bd. 1, Bl. 32

Wenn es in die Argumentation passte, wurde die Bruderhilfe bisweilen auch als eine besondere Bedrohung dargestellt: So wurde sie in einer Dip­lomarbeit, verfasst an der Hochschule des MfSMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... im Jahr 1973, zum „Kreis der gefährlichsten Organi­sationen, die straff organisiert sind“, gezählt.

Andererseits wurde die Deutsche Bruderhilfe formal nicht als „Feindorganisation“ einge­stuft. So existieren keine umfangreichen Stasi-Unterlagen zum Verein selbst oder zu relevan­ten Persönlichkeiten. Auch die Auskünfte zur Bruderhilfe, die die Berliner Stasi-Zentrale bei Bedarf an andere MfS-Dienststellen verschickte, zeugen von einer geringen Informationsdichte und einem veralteten Wissensstand, der dem eigenen Bedarf an Informationen nicht gerecht wurde. Insgesamt deutet die heutige Aktenlage nicht darauf hin, dass das MfS die Deutsche Bruderhilfe als besonders relevant für seine Arbeit eingeschätzt hätte.

  • Imformation über die „Deutsche Bruderhilfe Bremen e.V.“, 18.11.1976
    Imformation über die „Deutsche Bruderhilfe Bremen e.V.“, 18. November 1976

Dabei kam dem Verein wohl auch zugute, dass er sich bereits kurz nach seiner Gründung gegen eine direkte Zusammen­arbeit mit explizit antikommunistischen Gruppen wie der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ oder dem „Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen“ entschieden hatte. Das in späteren Jahren eher geringe Interesse der Stasi, wie es sich in den Akten zeigt, hängt wohl auch damit zusam­men, dass die Hochzeiten der Bruderhilfe Ende der 1960er Jahre bereits hinter ihr lagen. Ob die Stasi die Bruderhilfe in den 1950er Jahren womöglich intensiver im Visier hatte, lässt sich anhand der überlieferten Akten nicht mehr feststellen.

Weitere Informationen

  • Die Stasi und Bremen
    Publikation

    Die Stasi und Bremen

    Das Ministerium für Staatssicherheit spitzelte nicht nur in der DDR. Auch Bremerinnen und Bremer wurden überwacht und verfolgt.

  • Thomas Doll mit jubelnden BFC-Fans nach dem 3:0 Sieg gegen Werder Bremen im Hinspiel des Europapokals der Landesmeister am 6. September 1988
    Themenbeitrag

    Das „Wunder von der Weser“ aus Sicht der Stasi

    Die Flutlichter erhellten den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark (kurz: Jahn-Sportpark) in Ost-Berlin an diesem 6. September 1988. Im Europapokal der Landesmeister traf im Hinspiel der SV Werder Bremen auf den Berliner Fußball Club Dynamo (BFC). Während sich auf dem Platz alles um Taktik und Tore drehte, spielte sich auf den Rängen ein anderes Spiel ab – eines um Kontrolle und Information.

    Schiff mit Namen 'Esso Hamburg' verlässt den Hafen
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    Kontrolle am Kai

    Die bremischen Häfen waren ein wichtiges Spionageziel für die Staatssicherheit der DDR. Sie sammelte hier Informationen über Werften, Reedereien, Fischereibetriebe sowie Containerterminals und rekrutierte dafür Angestellte aus diesen Unternehmen als inoffizielle Mitarbeiter. Auch die Besatzung der in Bremen anlegenden DDR-Schiffe wurde von der Stasi überwacht.