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Thomas Doll mit jubelnden BFC-Fans nach dem 3:0 Sieg gegen Werder Bremen im Hinspiel des Europapokals der Landesmeister am 6. September 1988

Thomas Doll mit jubelnden BFC-Fans nach dem 3:0 Sieg gegen Werder Bremen im Hinspiel des Europapokals der Landesmeister am 6. September 1988, Quelle: BArch, Bild 183-1988-0906-030 / Altwein, Andreas

Das „Wunder von der Weser“ aus Sicht der Stasi

Die Flutlichter erhellten den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark (kurz: Jahn-Sportpark) in Ost-Berlin an diesem 6. September 1988. Im Europapokal der Landesmeister traf im Hinspiel der SV Werder Bremen auf den Berliner Fußball Club Dynamo (BFC). Während sich auf dem Platz alles um Taktik und Tore drehte, spielte sich auf den Rängen ein anderes Spiel ab – eines um Kontrolle und Information.

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Erich Mielke und der BFC Dynamo

Noch bevor Erich MielkeMielke, Erich28.12.1907 - 21.05.2000 1957 zum Minister für Staatssicherheit ernannt wurde, leitete er die Sportvereinigung Dynamo – den Zusammenschluss der Sportclubs von Polizei und Staatssicherheit – zu der auch der BFC Dynamo gehörte. Mielke verstand den Club als „Hauptstadtverein“ der DDR – und war überzeugt, dass Ost-Berlin als politisches Zent­rum der DDR auch sportlich dominieren müsse.
 

Eine große Bedeutung hatten Begegnungen gegen bundesdeutsche Mannschaften. Siege oder Niederlagen wurden von der SED nicht nur sportlich bewertet, sondern galten als Indika­toren für die Stärke des sozialistischen Systems und hatten damit unmittelbare Auswirkungen auf das politische Prestige. Jeder Erfolg gegen Teams aus der Bundesrepublik stärkte in ihren Augen das Ansehen der DDR, während Misserfolge als Blamage galten und die staatliche Propaganda von der Überlegenheit des Sozialismus infrage stellten.

Im Zuge dieser Systemkonkurrenz war es auch ein Anliegen des Ministeriums für Staatssicher­heit, dass es bei den innerdeutschen Begegnungen zu möglichst wenig Kontakt zwischen Spielern und Fans der beiden Seiten kam. Diese Spiele wurden deshalb besonders intensiv überwacht. Jede Form der Unterstützung westlicher Fuß­ballvereine durch DDR-Fans wurde von der Stasi äußerst kritisch betrachtet und mitunter als poli­tische Gegnerschaft zum Sozialismus interpretiert.

Mielke schwenkt eine Freundschaftsfahne „25 Jahre Dynamo DDR – Dynamo UdSSR“, 1970er JahreQuelle:  BArch, MfS, ZAIG, Fo, Nr. 2300, Bild 33

Vorbereitungen vor dem Europacup-Hinspiel

Im Europapokal der Landesmeister traf im Hinspiel am 6. September 1988 der SV Werder Bremen auf den BFC Dynamo. Bereits beim ersten Planungstreffen am 19. Juli 1988, zu dem auch Werder-Manager Willi Lemke angereist war, saß die Stasi mit am Tisch. Es wurden u. a. die Unterbringung, die Zusammensetzung der Delegation sowie die konkreten Spieltermine besprochen. Vor allem die rechtzeige Übermittlung der Einreiselisten war für die Stasi äußert wichtig. So konnte sie frühzei­tig auf die Zusammensetzung der Werder-Delegation Einfluss nehmen, indem sie zum Beispiel Einreisever­bote gegen bestimmte Personen aussprach.

Ebenfalls früh erfolgte in enger Absprache mit der Stasi die Festlegung der Hotels für Mannschaft, Delegation und Fans aus Bremen. So konnte die Überwachung des SV Werder Bremen und seiner Fans auch abseits des Platzes von der Stasi vorbereitet werden. Dazu stellte die Stasi dem Parteisekretär des BFC Dynamo, der als Betreuer fungierte, einen Zweitbetreuer zur Seite. Dieser Zweitbetreuer, der hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit war, fungierte als zusätzliche Überwachung der Mannschaft.

  • Aktenvermerk über das erste Gespräch mit dem Manager von Werder Bremen im Vorfeld des Europapokalspiels BFC Dynamo gegen Werder Bremen (Seite 1)<br />  
  • Aktenvermerk über das erste Gespräch mit dem Manager von Werder Bremen im Vorfeld des Europapokalspiels BFC Dynamo gegen Werder Bremen (Seite 2)
  • Aktenvermerk über das erste Gespräch mit dem Manager von Werder Bremen im Vorfeld des Europapokalspiels BFC Dynamo gegen Werder Bremen (Seite 3)<br />  
  • Aktenvermerk über das erste Gespräch mit dem Manager von Werder Bremen im Vorfeld des Europapokalspiels BFC Dynamo gegen Werder Bremen (Seite 4)

Bei einem weiteren Planungstreffen Ende Juli 1988 stand die Frage nach dem Kartenkontingent für die Fans des SV Werder Bremen im Raum. Willi Lemke bat um 4.000 Eintrittskarten. Seitens des BFC wur­den dem Verein jedoch nur 1.300 Tickets und weitere 1.000 zum Verkauf über die Geschäftsstelle des SV Werder Bremen zur Verfügung gestellt. Mehr Tickets hätten Werder Bremen, laut Stasi-Bericht, nicht zur Verfügung gestellt werden können. In Anbetracht der Vielzahl an Karten, die der BFC jedoch außerhalb des offiziellen Verkaufs vergab, scheint diese Aussage allerdings wenig plausibel. Vielmehr steckte hinter der strikten Begrenzung des Kontingents Kalkül.

Zum einen sollten durch die Deckelung die Kontakt­möglichkeiten zwischen West- und Ostdeutschen beschränkt werden, zum anderen sollte auch ein „gesamtdeutsches“ Auftreten, also die Verbrüderung von Fans der beiden Vereine im Vorhinein unter­bunden werden. Um solche Szenarien zu vermeiden, platzierte das MfSMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... neben den ohnehin 6.000 Stasi-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, die als Fans im Stadion waren, weitere 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Zuschauerblöcken. Der Schwerpunkt lag hierbei auf den Gästeblöcken E und F sowie dem BFC-Fanblock I. Insgesamt waren an die­sem Abend im Jahn-Sport-Park 1 724 Mitarbeitende des MfS, 860 Angehörige der Deutschen Volkspolizei (DVP), 100 freiwillige Helfer der DVP und 150 Sport­ordner des BFC zur Sicherung des Spiels im Einsatz.

  • Hinweise für die Beratung anlässlich des Europapokalspiels BFC Dynamo gegen SV Werder Bremen (Seite 1)
  • Hinweise für die Beratung anlässlich des Europapokalspiels BFC Dynamo gegen SV Werder Bremen (Seite 2)<br />  
  • Hinweise für die Beratung anlässlich des Europapokalspiels BFC Dynamo gegen SV Werder Bremen (Seite 3)

Das Hinspiel in Ost-Berlin

Für die Außensicherung des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks in Ost-Berlin war ausschließlich die Volkspolizei zuständig. Polizisten, sowohl in Uniform als auch in Zivil, kontrollierten den öffentlichen Verkehr um das Stadion, verhinderten Personenansammlungen vor dem Stadion und sicherten die unmittelbaren Zugangsbereiche ab. Federführend blieb aber die Stasi, die im Tribünenbau des Stadions extra einen „Führungspunkt“, also einen zentralen Einsatzstab, mit 66 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eingerichtet hatte, um alle Einsatzkräfte leicht koordinieren zu können.

Unmittelbar vor und während des Spiels, so zeigen es die überlieferten Akten, lag der Fokus der Stasi nicht mehr auf der Überwachung des SV Werder Bremen. Vielmehr hatten alle Stasi-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, die nicht in den Fanblocks eingesetzt waren, die Aufgabe, für einen reibungslosen und störungsfreien Ablauf zu sorgen. Sei es bei der Sicherung des Schaltraums für die Flutlichtanlage und der Gewährleistung der zuverlässigen Energieversorgung oder der ungestörten Übertragung des Spiels in Fernseh- und Rundfunk. Die Bilder, die in die Haushalte dies- und jenseits der Grenze gesendet wurden, sollten die DDR und den Hauptstadt-Club im allerbesten Licht präsentieren.

Luftbildaufnahme des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks im Stadtteil Prenzlauer Berg (1988)Quelle: BArch, MfS, HAI, Fo, Nr. 365, Bild 15

Auf dem Platz hätte es für den BFC und auch für die Stasi nicht besser laufen können. Doll, Thom und Pastor bescherten dem Stasi-Club einen klaren 3:0 Sieg gegen den SV Werder Bremen.

Die Zentrale Auswertungs- und Informations­gruppe der Stasi wertete die west- und ostdeut­sche Berichterstattung zum Hinspiel akribisch aus. Für die Führung von SED und MfSMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... fasste sie die wichtigsten Aspekte zusammen. Vor allem westdeutsche Medienberichte, die sich uneingeschränkt positiv äußerten und im besten Falle sogar aus dem direkten Umfeld des SV Werder Bremen kamen, wurden in den Mittel­punkt gerückt. So war im Deutschlandfunk zu hören: „Die Ost-Berliner haben nicht nur Sympa­thien gewonnen, sondern können sich vermutlich auch in der Gesamtwertung als wahrer Deutscher Meister präsentieren“. Hervorgehoben wurde auch, dass Werder-Trainer Otto Rehhagel in der Bild­zeitung mit den Worten zitiert wurde: „Eine sehr schmerzhafte Niederlage. Für das Rückspiel am 11. Oktober im Weserstadion sehe ich nur noch eine Chance von höchstens 20 Prozent.“ Dies dürfte bei der Führungsspitze der DDR und bei Erich MielkeMielke, Erich28.12.1907 - 21.05.2000 vermutlich großes Jubilieren ausgelöst haben.

Thomas Doll mit jubelnden BFC-Fans nach dem 3:0 Sieg gegen Werder Bremen im Hinspiel des Europapokals der Landesmeister am 6. September 1988
Thomas Doll mit jubelnden BFC-Fans nach dem 3:0 Sieg gegen Werder Bremen im Hinspiel des Europapokals der Landesmeister am 6. September 1988Quelle: BArchBArch Bild 183-1988-0906-030 / Altwein, Andreas

Das Rückspiel an der Weser

Viele BFC-Fans hofften auch auf einen Sieg im Rückspiel und wollten ihre Mannschaft deshalb am 11. Oktober unbedingt im Weserstadion unter­stützen. So auch Bernd Bachmann, der seit 1982 bei der Interflug arbeitete. Mit seiner Bitte um eine Eintrittskarte wandte er sich interessanterweise direkt an den Minister für Staatssicherheit. Er war der Meinung, dass Mielke als Vorsitzender des Sportvereinigung Dynamo die beste Möglichkeit habe, ihm die Teilnahme zu ermöglichen.

  • Schreiben eines Fans von BFC Dynamo an Erich Mielke mit der Bitte, ihm den Besuch des Fußballspiels Werder Bremen gegen BFC in Bremen zu ermöglichen

Mielkes Referent für Eingaben, Hauptmann Lepsik, leitete die Anfrage an die Hauptabteilung XIXHauptabteilung XIX1964 entstanden durch Umbenennung der Hauptabteilung XIII. weiter. Sie war für die Überwachung des Post- und Nachrichtenwesens sowie des Verkehrs, und damit auch für die Inter­flug, zuständig. Dort wurde ein „Auskunftsbericht“ über Bachmann erarbeitet, aus dem hervorging, dass dieser bei der Interflug vom Flugbegleiter zum Dispatcher herabgestuft worden war, um sich nach einer Verfehlung zu bewähren. Letztendlich erhielt Bachmann eine Absage mit dem Hinweis, dass der Besuch von Sportveranstaltungen ausschließlich über das Reisebüro der DDR vermittelt würde und neben der offiziellen Delegation keine weiteren Zuschauer aus der DDR anreisen könnten.

Andreas Thom im Trikot des BFC Dynamo am 8. August 1988
Andreas Thom im Trikot des BFC Dynamo am 8. August 1988Quelle: BArch, Bild 183-1988-0808-029 / Kluge, Wolfgang

Wer jedoch bei Hin- und Rückspiel dabei sein durfte, war IM „Mathias“ alias Klaus Thiemann (1935–2025). Als ehemaliger Oberliga-Spieler des BFC unterhielt er immer noch beste Kontakte im Verein. Durch seine Funktion als Sportjournalist beim Deutschen Sportecho war er dem Sport stets verbunden geblieben und für die Stasi zu einem wichtigen Spitzel innerhalb des Fußballs geworden.

Für das Rückspiel in Bremen übernahm Klaus Thiemann die Funktion des Pressesprechers. Seine Aufgabe bestand vordergründig in der klassischen Koordinierung von Interviews. Dazu zählte für ihn auch, Interviews mit Spielern zu vereiteln, deren politische Überzeugung der Stasi nicht ausreichend „gefestigt“ erschien. Ein solches Verbot ereilte beispielsweise Andreas Thom, an dessen Verpflichtung einige Vereine aus der Bundesliga großes Interesse hatten. Im Auftrag der Stasi war es ebenso Aufgabe von „Mathias“, die Kontakte der gesamten Fußballdelegation zu steuern und unerwünschte Verbindungen zu verhindern – vor allem in Hinblick darauf, Fluchtversuche frühzeitig zu erkennen und zu durchkreuzen.

Für den BFC Dynamo lief es in Bremen nicht gut: Nach dem klaren Sieg im Heimspiel kassierte er im Weserstadion eine 5:0-Klatsche und schied aus dem Europapokal der Landesmeister aus. Auch die Stasi interessierte sich nach der Rückkehr der BFC-Mannschaft vor allem für die Frage, wie es zur Nieder­lage im Weserstadion hatte kommen können.

Ihr Spitzel „Mathias“ erstattete dazu ausführlich Bericht und machte für das Versagen den Delegationsleiter verantwortlich. Dieser sei nicht im Stande gewesen, seine Funktion auszufüllen, sodass die Mannschaft keine Führung hatte. Ein Delegationsleiter hätte den am Anreisetag von Willi Lemke organisierten Verkauf von Videogeräten, Fernsehern und Mikrowellen in einem extra dafür hergerichteten Hotelzimmer ver­boten. So aber hätten sich die BFC-Spieler nicht mehr auf das Spiel konzentriert, sondern nur gehofft, dass der versprochene Einkauf der Geräte im Hotel doch noch vor dem Spiel zu Stande kommen würde. Auch ein Verbot für Andreas Thom, sich mit der „Hamburger Morgenpost“ zu unterhalten, habe sich wohl negativ auf dessen Spielleistung ausgewirkt.

Die Überwachung des SV Werder Bremen zeigt, wie intensiv das Ministerium für StaatssicherheitMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische... den internationalen Sport als politischen Schau­platz wahrnahm. Denn für die Stasi waren Fuß­ballspiele nicht nur ein Sportereignis, sondern Teil der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz, die es mit allem Mitteln zu gewinnen galt. Dabei ging es nicht nur um den rein sportlichen Wett­kampf, sondern auch um die Bilder, die von diesem Wettkampf in die Welt gingen. Um jeden Preis wollte die Stasi verhindern, dass westliche Medien über DDR-Fans berichten, die lieber die Mannschaft aus Bremen bejubelten oder um Autogramme baten als die Mannschaft des BFC Dynamo – was ihr aber nicht gelang.

Weitere Informationen

  • Die Stasi und Bremen
    Publikation

    Die Stasi und Bremen

    Das Ministerium für Staatssicherheit spitzelte nicht nur in der DDR. Auch Bremerinnen und Bremer wurden überwacht und verfolgt.

  • Schiff mit Namen 'Esso Hamburg' verlässt den Hafen
    Themenbeitrag

    Kontrolle am Kai

    Die bremischen Häfen waren ein wichtiges Spionageziel für die Staatssicherheit der DDR. Sie sammelte hier Informationen über Werften, Reedereien, Fischereibetriebe sowie Containerterminals und rekrutierte dafür Angestellte aus diesen Unternehmen als inoffizielle Mitarbeiter. Auch die Besatzung der in Bremen anlegenden DDR-Schiffe wurde von der Stasi überwacht.

    In der Postkontrolle abgefangenes Paket 7.12.1973
    Themenbeitrag

    Die Deutsche Bruderhilfe in den Akten der Stasi

    Die in Bremen gegründete Initiative „Deutsche Bruderhilfe“ sammelte jahrzehntelang Spenden, um Hilfspakete in die DDR zu schicken. Die Stasi überwachte die Hilfsorganisation und kontrollierte die eingehenden Pakete aus der Bundesrepublik.