Direkt zum Seiteninhalt springen
Flüchtlinge vor den Baracken des Notaufnahmelagers Gießen

Flüchtlinge vor den Baracken des Notaufnahmelagers Gießen, 19. März 1950, Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F000062-3104 / Arntz, Helmut

Feindobjekt Flüchtlingslager – die Stasi in Uelzen und Gießen

Die DDR-Staatssicherheit hielt die Notaufnahmelager Uelzen und Gießen in der Bundesrepublik unter genauer Beobachtung. Hier mussten Flüchtlinge und Übersiedler eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Die Hauptabteilung VII/3 der Stasi fasste die vielen Berichte über die Lager seit 1959 in einem Objektvorgang zusammen, der einige Jahre später bereits sieben Bände umfasste.

Menschen vor den Barracken im Flüchtlingslager Uelzen
Flüchtlingslager Uelzen, 20. Februar 1953Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F000463-0009 / o. Ang.

Die Notaufnahmelager in Uelzen (Niedersachsen) und Gießen (Hessen) zählten zu den größten Überwachungsprojekten der Stasi in der Bundesrepublik. Flüchtlinge, die illegal die DDR verließen, und Übersiedler, die offiziell über einen Ausreiseantrag ausreisten, mussten hier eine Aufenthaltserlaubnis für die Bundesrepublik beantragen. Beide Aufnahmeeinrichtungen galten für die Staatssicherheit als feindliche Objekte – die Stasi- Offiziere nannten sie „Filtrierorgane des Adenauerregimes“, „Instrumente der psychologischen Kriegsführung“ oder „Werkzeuge zur Herbeiführung einer Massenflucht“.

Doch was genau störte die Geheimpolizei der SED an diesen Einrichtungen? Warum beschäftigte sie sich fast obsessiv mit ihnen? Drei Aspekte machten die Lager in Gießen und Uelzen für Stasi-Offiziere interessant: Zum einen kamen hier Menschen zusammen, die der DDR den Rücken gekehrt hatten. Aus Sicht der SED und der Staatssicherheit handelte es sich um „Republikflüchtige“ – und damit um Straftäter, die – so die Unterstellung – von diesen Lagern aus gezielt in den Westen gelockt wurden.

Zum anderen waren in den Notaufnahmelagern vor allem in den 1950er-Jahren antikommunistische Widerstandsgruppen präsent – etwa die sogenannte „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU), die mit Sabotageakten und Streikaufrufen in DDR-Betrieben von sich reden machte. Drittens wusste die Stasi sehr genau, dass in den beiden Notaufnahmelagern auch westliche Geheimdienste aktiv waren. Die Befragung der Geflüchteten galt für den Westen als wichtigste Quelle für die Beschaffung von internen Informationen über die DDR.

Der eigentliche Grund aber, warum sich das MfS besonders mit den Lagern Gießen und Uelzen befasste – obwohl es in der Bundesrepublik bis zum Mauerbau eine Vielzahl von Flüchtlingslagern und Geheimdienstzentren gab – war die sogenannte Notaufnahme, ein 1950 etabliertes Überprüfungsverfahren für Flüchtlinge und Übersiedelnde aus der DDR.

Flüchtlinge vor den Baracken des Notaufnahmelagers Gießen
Flüchtlinge vor den Baracken des Notaufnahmelagers Gießen, 19. März 1950Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F000062-3104 / Arntz, Helmut

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

Skizze des Notaufnahmelagers Gießen
Rückkehrer fertigten für die Stasi detaillierte Lagepläne des Notaufnahmelagers Gießen an, September 1976Quelle: BArch, MfS, HAIX, Nr. 4603, Bl. 193

Die Stasi interessierte sich von Beginn an für jedes Detail des Verfahrens und der dazugehörigen Verwaltung. Inoffizielle Mitarbeiter fotografierten Gebäude und Mitarbeiter der Lagerverwaltung. Sie fertigten Lagepläne an und skizzierten die Einrichtung der Büros. Die Stasi-Offiziere schickten auch Vertrauensleute als Flüchtlinge getarnt nach Gießen und Uelzen, um das Verfahren auszukundschaften. Nach ihrer Rückkehr sollten sie über jede Station im Lager Auskunft geben – von der Anmeldung, über das Gespräch vor dem Notaufnahmeausschuss bis zur Zuweisung zum neuen Wohnort. Wie erfolgte die Begrüßung? Wie war das Lager abgesichert? Welche Funktion hatten die einzelnen Gebäude? Sogar das Freizeitprogramm erschien den Offizieren relevant.

Aus den Angaben ihrer Zuträgerinnen und Zuträger rekonstruierten die Stasi-Mitarbeiter den Aufbau der Lagerverwaltung und den Ablauf des Notaufnahmeverfahrens mit Organigrammen und Schaubildern.

Um auch ohne Unterstützung vor Ort Einfluss auf das Lagerleben zu nehmen, blieb der Stasi nichts anderes übrig, als auf Briefe und Flugblätter zurückgreifen, die sie an einzelne Mitarbeitende der Uelzener Lagerverwaltung sendete. Ihr Ziel: Misstrauen säen und den Ruf des Notaufnahmeverfahrens schädigen. Ein von der BezirksverwaltungBezirksverwaltungIm Zusammenhang mit der Verwaltungsreform der DDR vom Sommer 1952 wurden die fünf... Magdeburg verfasstes Flugblatt vom 8. April 1957 sollte z. B. den Eindruck erwecken, Mitarbeitende des Uelzener Lagers würden sich anonym an ihre Kolleginnen und Kollegen wenden.

Die Verfasser warfen die Frage auf, welches Ansehen die Angestellten des Notaufnahmeverfahrens haben würden, wenn sich herumspräche, dass einige leitende Mitarbeitende „eine Politik ausländischer Geheimdienste“ verfolgten. Diese von Geheimdiensten gesteuerten Führungskräfte hätten zudem recht häufig eine zweifelhafte Vergangenheit, behauptete das Flugblatt weiter. Ob solche Schriften die Arbeitsabläufe im Notaufnahmelager Uelzen tatsächlich spürbar beeinträchtigen konnten, kann im Rückblick nur schwer beurteilt werden.

Ein Mitarbeiter des Notaufnahmelagers Gießen sitzt an einem Schreibtisch. Sein Gesicht ist anonymisiert. Er spricht mit einem Mann, der von hinten zu sehen ist.
Mitarbeiter der Anmeldung im Notaufnahmelager Gießen. Die Stasi-Fotos gehören zum umfangreichen Material der Geheimpolizei über die Notaufnahmelager, ca. 1983Quelle: BArch, MfS, ZKG, Nr. 3407, Bl. 39

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

Mehr als alles andere standen allerdings die westlichen Geheimdienste im Fokus. Grundrisse und Möblierung ihrer Büros in Gießen und Uelzen hielt die Stasi in zahlreichen Zeichnungen fest. Rückkehrende sollten Namen und Adressen von Geheimdienstmitarbeitern nennen und über ihre Erlebnisse in den Zweigstellen für Befragungswesen Auskunft geben. In Gießen notierte eine Zuträgerin mehrere Tage lang, welcher Fahrer in welchem Auto wie viele Personen zu den geheimen Befragungsbüros fuhr. Als die Zweigstelle 1979 in einen Neubau der Sparkasse umzog, wurde darüber sogar der ranghohe Offizier Gerhard NeiberNeiber, Gerhard20.04.1929 - 13.02.2008 , ein enger Vertrauter Erich Mielkes, informiert.

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

Die vielen Berichte und Skizzen fanden ab 1959 Eingang in einen gemeinsamen ObjektvorgangObjektvorgangVorgangsart von 1953 bis 1976 bzw. 1981 zu Organisationen, Institutionen und Betrieben, die vom MfS... für Gießen und Uelzen, der Mitte der 1960er-Jahre bereits sieben Bände umfasste. Federführend verantwortlich war die HauptabteilungHauptabteilungOrganisationsstruktur in der MfS-Zentrale, die durch den Minister oder einen seiner Stellvertreter... VII/3 (ab 1983 AbteilungAbteilungEine selbständige Abteilung ist eine Organisationsstruktur in der MfS-Zentrale, die durch den... 4 der Zentralen Koordinierungsgruppe (ZKGZentrale Koordinierungsgruppe1975 entstanden durch Übernahme von Aufgaben verschiedener Diensteinheiten, insbesondere von HA VI...)). Die praktische Überwachungsarbeit übernahmen die Offiziere der Bezirksverwaltungen in Suhl, Gera, Magdeburg, Halle, Schwerin und Rostock.

Weitere Informationen

  • Deutsch-deutsche Kontakte unter Beobachtung
    Publikation

    Deutsch-deutsche Kontakte unter Beobachtung

    Wen überwachte und verfolgte die Stasi in der Bundesrepublik? Und vor allem: Welche Folgen hatte dies für die Betroffenen in Ost- und Westdeutschland?

  • Übersichtskarte über die Verbindungen eines Amateurfunkers aus Niedersachsen in die VR Polen
    Themenbeitrag

    Zwischen den Frequenzen

    Die Stasi betrieb jahrzehntelang einen immensen Aufwand, um Funkamateure in Ost- und Westdeutschland zu überwachen. Sie versuchte den Funkverkehr in der DDR zu kontrollieren und bespitzelte auch in der Bundesrepublik Funker, die sie der „westlichen Beeinflussung“ bezichtigte.