Direkt zum Seiteninhalt springen
Jüdisches Bekleidungsgeschäft mit zerbrochenen Glasscheiben in Magdeburg, November 1938

Jüdisches Bekleidungsgeschäft mit zerbrochenen Glasscheiben in Magdeburg, November 1938, Quelle: BArch, Bild 146-1970-083-44 / Friedrich, H., Hamburg

Deutschland nach den Olympischen Spielen 1936

Mit den Olympischen Spielen gelang es dem NS-Regime im Großen und Ganzen, sich international als friedliebend darzustellen und über Verfolgung und Kriegsaufrüstung hinwegzutäuschen. Doch nach Olympia verschärften die Nationalsozialisten die offene Repression wieder und intensivierten die Kriegsvorbereitungen. Dennoch vergab das IOC die Winterspiele 1940 abermals an Deutschland.

Zum Inhalt springen

Das Ende der Fassade

Das Ziel, sich durch die Ausrichtung der Olympischen Spiele auf der Weltbühne als friedliebende Nation zu präsentieren, hatte der NS-Staat im Großen und Ganzen erreicht. Er konnte einen Großteil der internationalen Gemeinschaft und auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) über seine wahren Absichten täuschen: die Verfolgung von Jüdinnen, Juden und Andersdenkenden sowie die Kriegsaufrüstung.

Hatten die Nationalsozialisten die offene Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung während der Olympischen Spiele noch zurückgefahren, verschärfte sich die Situation in Deutschland nach den Spielen wieder. Die antisemitischen Schilder, die die Nationalsozialisten im Vorfeld der Spiele aus den Stadtbildern entfernt hatten, wurden wieder aufgehangen. Die „Arisierung“ und andere Formen der wirtschaftlichen Plünderung der jüdischen Bevölkerung im Deutschen Reich nahmen weiter zu. Ein Runderlass des Reichsministers des Innern Wilhelm Frick vom 4. Oktober 1936 verdeutlichte, dass ein Glaubenswechsel zwecklos war: Die Konvertierung vom jüdischen zum christlichen Glauben war Fricks Erlass zufolge für die „Rassenfrage“ unerheblich.

Auch prominente Mitglieder des olympischen Organisationskomitees bekamen die Verschärfung dieser Verfolgung am eigenen Leib zu spüren: Theodor Lewald war Vorsitzender des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 1936 gewesen. In dieser Funktion hatte er maßgeblich dafür gesorgt, dass das IOC die Spiele im Jahr 1931 nach Deutschland vergeben hatte. Nachdem Lewald im Ausland als neuer IOC-Vizepräsident ins Gespräch gebracht worden war, hatte ihn Adolf Hitler persönlich aufgrund seiner jüdischen Wurzeln dazu gedrängt, sich aus dem IOC zurückzuziehen. Daraufhin beendete Lewald seine Karriere als Sportfunktionär.

Antisemitisches Schild in einem Wald in Berlin (1936 ca.)
Antisemitisches Schild in einem Wald in Berlin (1936 ca.)Quelle: BArch, Bild 183-90865-0001 / Heilig, Eugen

In den Monaten nach den Spielen nahm auch die Verfolgung anderer Bevölkerungsgruppen im Deutschen Reich weiter zu: Am 31. August 1936 führte die Gestapo im gesamten Deutschen Reich eine Verhaftungsaktion gegen die Zeugen Jehovas durch. Am 10. Oktober 1936 wurde die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“ durch einen Erlass von Heinrich Himmler gegründet. Die Reichszentrale hatte die Aufgabe, Informationen über homosexuelle Männer und Polizeimaßnahmen gegen diese zu sammeln, um so deren Verfolgung zu organisieren.

Auch die Kriegstüchtigkeit der deutschen Wirtschaft förderte das NS-Regime nach den Sommerspielen weiter. Mit der „Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplanes" vom 18. Oktober 1936 wollte das NS-Regime die Wirtschaft und die Wehrmacht innerhalb von vier Jahren in Kriegsbereitschaft versetzen.

  • Abschrift einer Denkschrift von Adolf Hitler über die Aufgaben eines „Vierjahresplanes“, September 1936
    Abschrift einer Denkschrift von Adolf Hitler über die Aufgaben eines „Vierjahresplanes“, September 1936. Diese Abschrift übergab Hitler Albert Speer persönlich im Jahr 1944.
  • Meldung des Deutschen Nachrichtenbüros vom 23. Oktober 1936 zur Durchführung des Vierjahresplanes und Übertragung dieser Aufgabe an Hermann Göring
    Meldung des Deutschen Nachrichtenbüros vom 23. Oktober 1936 zur Durchführung des Vierjahresplanes und Übertragung dieser Aufgabe an Hermann Göring

Auch ehemalige Olympia-Stätten dienten nun der Kriegsaufrüstung: Das Olympische Dorf bei Dallgow war beispielsweise bereits wenige Tage nach der Abschlussfeier der Sommerspiele von der Wehrmacht übernommen worden: Sie brachte hier eine Heeres-Infanterieschule sowie ein Lazarett unter.

Planung der Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen

Jüdisches Bekleidungsgeschäft mit zerbrochenen Glasscheiben in Magdeburg, November 1938
Jüdisches Bekleidungsgeschäft mit zerbrochenen Glasscheiben in Magdeburg, November 1938Quelle: BArch, Bild 146-1970-083-44 / Friedrich, H., Hamburg

Im Sommer 1938 rückte der vorgesehene Gastgeber Sapporo in Japan von der Ausrichtung der Olympischen Winterspiele im Jahr 1940 ab. Der Grund war die Beteiligung Japans am Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg. Nach Streitigkeiten zwischen dem IOC und dem schweizerischen Organisationskomitee wurden im Juni 1939 auch dem Ersatzaustragungsort St. Moritz die Spiele entzogen. Mit den erfolgreich verlaufenen Winterspielen drei Jahre zuvor in Garmisch-Partenkirchen im Hinterkopf entschied sich das IOC dazu, die Spiele des Jahres 1940 ein zweites Mal in der bayerischen Stadt ausrichten zu lassen.

Doch die Situation in Deutschland war 1939 eine andere als noch drei Jahre zuvor. Das NS-Regime hatte aufgerüstet und die Verfolgung von Jüdinnen, Juden und Andersdenkenden forciert: Deutschland war 1938 in Österreich und in die Tschechoslowakei einmarschiert. Bei den Novemberpogromen desselben Jahres hatte das NS-Regime Gewaltmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung im gesamten Deutschen Reich organisiert. Die Verschärfung der politischen Lage in Deutschland schien das IOC, das vordergründig noch immer auf den vermeintlich unpolitischen, friedlichen Charakter der Olympischen Spiele pochte, bei der Vergabe nicht zu beeinflussen.

„Der Führer hat sofort sein größtes Interesse an den Olympischen Winterspielen 1940 bekundet und mir aufgetragen, nicht eine Wiederholung der Winterspiele von 1936 durchzuführen, sondern der Führer hat uns die Aufgabe gesetzt, etwas ganz Neues und etwas noch viel Größeres der Welt zu zeigen als vor vier Jahren.“

Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten im Bericht „Winterolympiade 1940 noch gewaltiger“ von H. Otto, erschienen im „Völkischen Beobachter“ vom 27. Juni 1939
BArch, R 43-II/731a, Image 0233

Das Organisationskomitee für die Winterspiele 1940 trat im Juli 1939 erstmals zusammen. Sein Präsident war wie bei den Winterspielen 1936 Karl Ritter von Halt, sein Generalsekretär wie bei den Sommerspielen in Berlin Carl Diem. Im Sitzungsprotokoll sind die finanziellen Erfordernisse für die erneute Austragung der Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen aufgelistet. Das Komitee plante großangelegte Umbaumaßnahmen: Im Skistadion zum Beispiel sollten die Tribünen erneuert werden, das Eisstadion sollte eine Schnelllaufbahn erhalten. Für das Bauprogramm rechnete das Komitee mit Kosten von 6 Millionen Reichsmark.

Das Komitee erwartete auch Boykottbestrebungen der internationalen Sportverbände. Um diesen entgegenzuwirken, wollte es „die 1500 besten Skiläufer der ganzen Welt nach Deutschland“ einladen und „ihnen die Reise vom Heimatort nach Deutschland und zurück“ sowie die Aufenthaltskosten bezahlen. So erhoffte sich das Organisationskomitee die Zusagen der großen Wintersportnationen.

  • Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
    Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
  • Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
    Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
  • Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
    Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
  • Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
    Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
  • Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
    Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
  • Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen
    Abschrift des Protokolls der Gründungssitzung für die geplanten Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen

Beginn des Zweiten Weltkriegs

Zu den zweiten Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen kam es jedoch nicht mehr: Am 1. September 1939 marschierte Deutschland in Polen ein und begann so den Zweiten Weltkrieg. Im Oktober desselben Jahres wurde dem Organisationskomitee klar, dass der Krieg wohl nicht vor dem Beginn der Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen im Frühjahr 1940 beendet sein würde. Hitler befahl, die Bauarbeiten an den Olympia-Stätten einzustellen. Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten erläuterte in einem Schreiben an das Reichsministerium des Innern vom 10. November 1939, dass man sich genötigt sehe, „die Aufgabe dieser Veranstaltung ins Auge zu fassen“. Darüber hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits den IOC-Präsidenten Henri de Baillet-Latour informiert.

  • Schreiben des Generalbauinspektors für Berlin an die Reichskanzlei vom 13. Oktober 1939
    Schreiben des Generalbauinspektors für Berlin an die Reichskanzlei vom 13. Oktober 1939
  • Schreiben des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten an das Reichsministerium des Innern vom 10. November 1939
    Schreiben des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten an das Reichsministerium des Innern vom 10. November 1939 (Seite 1)
  • Schreiben des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten an das Reichsministerium des Innern vom 10. November 1939
    Schreiben des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten an das Reichsministerium des Innern vom 10. November 1939 (Seite 2)
  • Schreiben des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten an das Reichsministerium des Innern vom 10. November 1939
    Schreiben des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten an das Reichsministerium des Innern vom 10. November 1939 (Seite 3)

Schlussendlich wurden die Olympischen Winterspiele 1940 komplett abgesagt. Carl Diem schlug vor, stattdessen die Winterspiele des Jahres 1944 in Garmisch-Partenkirchen abzuhalten, da es im geplanten Austragungsland Italien Unstimmigkeiten gäbe. Doch auch dazu kam es nicht. Der Zweite Weltkrieg dauerte noch bis 1945 an. Alle Olympischen Spiele wurden in diesem Zeitraum ausgesetzt.

Die ersten Olympischen Spiele nach dem Ende des Krieges fanden im Jahr 1948 statt: Die Winterspiele wurden im schweizerischen St. Moritz ausgetragen, die Sommerspiele in der britischen Hauptstadt London. Deutschland war aufgrund seiner Taten im Zweiten Weltkrieg nicht zugelassen worden.

Das Olympiajahr 1936: Eine Chronologie

1936 blickte die Welt nach Deutschland: Vom 6. bis 16. Februar war Garmisch-Partenkirchen Austragungsort der Olympischen Winterspiele; die Sommerspiele richtete die Reichshauptstadt Berlin vom 1. bis 16. August aus. Das nationalsozialistische RegimeRegimeAuch Regimeverhältnisse. Gesamtheit der Verhältnisse und Lebensbedingungen eines Landes oder... erkannte die Möglichkeiten, die das Großereignis für seine Propaganda bot: Der deutsche NS-Staat konnte sich auf der Weltbühne als friedliebende Nation präsentieren – obwohl er Jüdinnen, Juden und Andersdenkende verfolgte, die ersten Konzentrationslager errichtete und heimlich für einen Krieg aufrüstete.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Chronologie zum Olympiajahr 1936. Darin finden Sie zahlreiche Beiträge zum Verlauf der Olympischen Winter- und Sommerspiele 1936 sowie zu weiteren Ereignissen des Jahres 1936 mit einer Auswahl an Archivgut aus dem Bundesarchiv.

  • Siegerehrung im modernen Fünfkampf bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin
    Themenseite

    Olympia 1936 im nationalsozialistischen Deutschland

    1936 fanden die Olympischen Winter- und Sommerspiele in Deutschland statt – und damit das größte Sportereignis der Welt. Die Nationalsozialisten nutzten es für ihre Propaganda. Zum 90. Jahrestag der Spiele präsentiert das Bundesarchiv Archivalien aus dem Olympiajahr 1936.