Das Ende der Fassade
Das Ziel, sich durch die Ausrichtung der Olympischen Spiele auf der Weltbühne als friedliebende Nation zu präsentieren, hatte der NS-Staat im Großen und Ganzen erreicht. Er konnte einen Großteil der internationalen Gemeinschaft und auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) über seine wahren Absichten täuschen: die Verfolgung von Jüdinnen, Juden und Andersdenkenden sowie die Kriegsaufrüstung.
In den Monaten nach den Spielen nahm auch die Verfolgung anderer Bevölkerungsgruppen im Deutschen Reich weiter zu: Am 31. August 1936 führte die Gestapo im gesamten Deutschen Reich eine Verhaftungsaktion gegen die Zeugen Jehovas durch. Am 10. Oktober 1936 wurde die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“ durch einen Erlass von Heinrich Himmler gegründet. Die Reichszentrale hatte die Aufgabe, Informationen über homosexuelle Männer und Polizeimaßnahmen gegen diese zu sammeln, um so deren Verfolgung zu organisieren.
Auch die Kriegstüchtigkeit der deutschen Wirtschaft förderte das NS-Regime nach den Sommerspielen weiter. Mit der „Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplanes" vom 18. Oktober 1936 wollte das NS-Regime die Wirtschaft und die Wehrmacht innerhalb von vier Jahren in Kriegsbereitschaft versetzen.
Auch ehemalige Olympia-Stätten dienten nun der Kriegsaufrüstung: Das Olympische Dorf bei Dallgow war beispielsweise bereits wenige Tage nach der Abschlussfeier der Sommerspiele von der Wehrmacht übernommen worden: Sie brachte hier eine Heeres-Infanterieschule sowie ein Lazarett unter.
Das Organisationskomitee für die Winterspiele 1940 trat im Juli 1939 erstmals zusammen. Sein Präsident war wie bei den Winterspielen 1936 Karl Ritter von Halt, sein Generalsekretär wie bei den Sommerspielen in Berlin Carl Diem. Im Sitzungsprotokoll sind die finanziellen Erfordernisse für die erneute Austragung der Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen aufgelistet. Das Komitee plante großangelegte Umbaumaßnahmen: Im Skistadion zum Beispiel sollten die Tribünen erneuert werden, das Eisstadion sollte eine Schnelllaufbahn erhalten. Für das Bauprogramm rechnete das Komitee mit Kosten von 6 Millionen Reichsmark.
Das Komitee erwartete auch Boykottbestrebungen der internationalen Sportverbände. Um diesen entgegenzuwirken, wollte es „die 1500 besten Skiläufer der ganzen Welt nach Deutschland“ einladen und „ihnen die Reise vom Heimatort nach Deutschland und zurück“ sowie die Aufenthaltskosten bezahlen. So erhoffte sich das Organisationskomitee die Zusagen der großen Wintersportnationen.
Beginn des Zweiten Weltkriegs
Zu den zweiten Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen kam es jedoch nicht mehr: Am 1. September 1939 marschierte Deutschland in Polen ein und begann so den Zweiten Weltkrieg. Im Oktober desselben Jahres wurde dem Organisationskomitee klar, dass der Krieg wohl nicht vor dem Beginn der Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen im Frühjahr 1940 beendet sein würde. Hitler befahl, die Bauarbeiten an den Olympia-Stätten einzustellen. Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten erläuterte in einem Schreiben an das Reichsministerium des Innern vom 10. November 1939, dass man sich genötigt sehe, „die Aufgabe dieser Veranstaltung ins Auge zu fassen“. Darüber hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits den IOC-Präsidenten Henri de Baillet-Latour informiert.
Schlussendlich wurden die Olympischen Winterspiele 1940 komplett abgesagt. Carl Diem schlug vor, stattdessen die Winterspiele des Jahres 1944 in Garmisch-Partenkirchen abzuhalten, da es im geplanten Austragungsland Italien Unstimmigkeiten gäbe. Doch auch dazu kam es nicht. Der Zweite Weltkrieg dauerte noch bis 1945 an. Alle Olympischen Spiele wurden in diesem Zeitraum ausgesetzt.
Die ersten Olympischen Spiele nach dem Ende des Krieges fanden im Jahr 1948 statt: Die Winterspiele wurden im schweizerischen St. Moritz ausgetragen, die Sommerspiele in der britischen Hauptstadt London. Deutschland war aufgrund seiner Taten im Zweiten Weltkrieg nicht zugelassen worden.
Das Olympiajahr 1936: Eine Chronologie
1936 blickte die Welt nach Deutschland: Vom 6. bis 16. Februar war Garmisch-Partenkirchen Austragungsort der Olympischen Winterspiele; die Sommerspiele richtete die Reichshauptstadt Berlin vom 1. bis 16. August aus. Das nationalsozialistische RegimeRegimeAuch Regimeverhältnisse. Gesamtheit der Verhältnisse und Lebensbedingungen eines Landes oder... erkannte die Möglichkeiten, die das Großereignis für seine Propaganda bot: Der deutsche NS-Staat konnte sich auf der Weltbühne als friedliebende Nation präsentieren – obwohl er Jüdinnen, Juden und Andersdenkende verfolgte, die ersten Konzentrationslager errichtete und heimlich für einen Krieg aufrüstete.
Dieser Beitrag ist Teil unserer Chronologie zum Olympiajahr 1936. Darin finden Sie zahlreiche Beiträge zum Verlauf der Olympischen Winter- und Sommerspiele 1936 sowie zu weiteren Ereignissen des Jahres 1936 mit einer Auswahl an Archivgut aus dem Bundesarchiv.