Olympia im Rundfunk
Am 29. Oktober 1923 nahm am Potsdamer Platz in Berlin der erste Radiosender Deutschlands seinen Betrieb auf. Zu dieser Zeit gab es nur 250 Rundfunkempfänger im ganzen Deutschen Reich. In den Jahren danach entstanden im ganzen Land zahlreiche Sender, die Hörerschaft stieg schnell an. Während das Radio in der Weimarer Republik größtenteils unbeeinflusst von der Politik agierte, änderte sich das nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933. Propagandaminister Joseph Goebbels machte den Rundfunk zum Massenmedium. Bereits im August desselben Jahres wurde der „Volksempfänger“ auf der Funkausstellung in Berlin vorgestellt. Er war preislich erschwinglich, so dass sich die Zahlen der Rundfunkteilnehmer bis 1939 mehr als verdreifachten. Das Radio wurde zum wichtigen Mittel der Nationalsozialisten zur Beeinflussung der Bevölkerung.
Auch Menschen, die gerade nicht in der Nähe eines Radios waren, sollten Teil der Spiele sein: In Berlin und in anderen deutschen Großstädten waren Lautsprecher auf öffentlichen Plätzen angebracht worden. Sie übertrugen die Live-Sendungen des Rundfunks. Diese Maßnahme sollte die Begeisterung für die Sommerspiele in der Bevölkerung hochhalten.
Der „Fernsehsender Paul Nipkow“ berichtete bis zu acht Stunden am Tag über die Olympischen Sommerspiele 1936. Von der Eröffnungsfeier im Olympiastadion am 1. August 1936 produzierte der TV-Sender eine Live-Übertragung. Dabei filmte er von drei Übertragungsstellen aus: Die erste lag im Olympiastadion unter der Ehrentribüne, die zweite im Schwimmstadion und die dritte über dem Marathontor. Zusätzlich gab es sogenannte „Zwischenfilmwagen“, also Autos, auf deren Dächern Kameras befestigt waren. Die Eröffnungsfeier verfolgten knapp 1.000 Menschen in den Fernsehstuben. Damit waren die Sommerspiele in Berlin das erste live übertragene Ereignis der Fernsehgeschichte.
Der „Fernsehsender Paul Nipkow“ berichtete nicht nur über die olympischen Wettkämpfe: Seine Reporter fertigten u. a. auch einen Bericht über das Olympische Dorf bei Dallgow an. Dabei interviewte ein Reporter des Senders ausländische Sportler sowie Angestellte des Olympischen Dorfes wie einen Wachsoldaten oder die Köche im Speisehaus.
Andere Filmbeiträge über die Olympischen Spiele wurden nicht im Fernsehen, sondern im Kino als Teil des Vorprogrammes ausgestrahlt. Ein Filmteam der „Fox Tönenden Wochenschau“, der deutschen Abteilung der US-amerikanischen Produktionsfirma „Fox Movietone News“, zeigte auf den vorliegenden Fotos einem Pressefotografen ihr Equipment. Dazu zählten neben mehreren Kameras auch drei Tonwagen, in denen die Tonverarbeitung stattfand.
Die Olympia-Filme von Leni Riefenstahl
Wie die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen sollten auch die Sommerspiele in Berlin in einem Film festgehalten werden. Als Regisseurin beauftragte das Propagandaministerium Leni Riefenstahl. Diese hatte bereits die Filme „Sieg des Glaubens“ sowie „Triumph des Willens“ über die Reichsparteitage der NSDAP 1933 und 1934 gedreht. Die propagandistischen Filme waren kommerzielle Erfolge gewesen: 20 Millionen Menschen hatten allein „Sieg des Glaubens“ im Kino gesehen – ganz im Sinne von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Ähnliche Massenwirkung sollte auch der Olympia-Film von Leni Riefenstahl erzielen.
Riefenstahl setzte mit ihrem Zweiteiler „Olympia“ die Olympischen Spiele in Berlin in direkte Verbindung mit dem antiken Griechenland. Den Prolog des Filmes drehte sie u. a. auf der Athener Akropolis. Für den Zweiteiler nutzte Riefenstahl die modernsten Kameras und entwickelte neuartige Filmtechniken. An den Wettkampfstätten ließ sie Gruben ausheben, aus denen die Kameraleute die Athletinnen und Athleten aus der „Froschperspektive“ filmten – diese Perspektive ließ sie heroischer wirken. Riefenstahl und ihre Kollegen entwickelten Schienen, auf denen Kameras fuhren, filmten die Schwimmer unter Wasser und befestigten den Marathonläufern Kameras an ihren Körpern. Dabei filmte Riefenstahl nicht immer die tatsächlichen Wettbewerbe mit: Der Leichtathletik-Star und mehrfache Olympiasieger Jesse Owens etwa musste seinen Weitsprung für Riefenstahls Film noch einmal nachstellen.
Insgesamt fertigten Riefenstahl und ihre Kameraleute 400 Kilometer Filmmaterial an. Dementsprechend dauerte die Postproduktion des Films auch über anderthalb Jahre – entgegen der ursprünglichen Planung des Propagandaministeriums. Dieses wollte den Film zeitnah nach den Sommerspielen veröffentlichen. Auch die Produktionskosten waren deutlich höher als ursprünglich veranschlagt: Anstatt 1,5 Millionen Reichsmark (RM) kostete der Film schlussendlich 2,8 Millionen RM. 250.000 Reichsmark waren dabei allein für Riefenstahls „Auslagen (für Reisen, Aufwendung, Kraftwagen usw) und persönliche Vergütung“ vorgesehen.
Die Uraufführung von „Olympia“ fand schließlich am 20. April 1938 im Ufa-Palast in Berlin statt – am Tag von Adolf Hitlers 49. Geburtstag. Die Nationalsozialisten feierten „Olympia“, wie auch die Zuschauerinnen und Zuschauer in den meisten europäischen Ländern. Dies war jedoch nicht überall auf der Welt der Fall: Im November 1938 tourte Riefenstahl durch die Vereinigten Staaten, um „Olympia“ zu bewerben. Doch die USA zeigten den Film aufgrund der Novemberpogrome in Deutschland sowie wegen Riefenstahls Nähe zum Nationalsozialismus nicht regulär im Kino.
Das Olympiajahr 1936: Eine Chronologie
1936 blickte die Welt nach Deutschland: Vom 6. bis 16. Februar war Garmisch-Partenkirchen Austragungsort der Olympischen Winterspiele; die Sommerspiele richtete die Reichshauptstadt Berlin vom 1. bis 16. August aus. Das nationalsozialistische Regime erkannte die Möglichkeiten, die das Großereignis für seine Propaganda bot: Der deutsche NS-Staat konnte sich auf der Weltbühne als friedliebende Nation präsentieren – obwohl er Jüdinnen, Juden und Andersdenkende verfolgte, die ersten Konzentrationslager errichtete und heimlich für einen Krieg aufrüstete.
Dieser Beitrag ist Teil unserer Chronologie zum Olympiajahr 1936. Darin finden Sie zahlreiche Beiträge zum Verlauf der Olympischen Winter- und Sommerspiele 1936 sowie zu weiteren Ereignissen des Jahres 1936 mit einer Auswahl an Archivgut aus dem Bundesarchiv.