Eine Fassade zu Olympia
Das NS-Regime erwartete 1936 zahlreiche Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland in der Reichshauptstadt. Die Nationalsozialisten wollten sich vor den Gästen mithilfe der Olympischen Spiele als friedliebende Nation präsentieren – obwohl sie Jüdinnen, Juden und Andersdenkende verfolgten, die ersten Konzentrationslager errichteten und heimlich für einen Krieg aufrüsteten. Mit der Austragung der Olympischen Spiele wollten sie dieses Unrecht verschleiern.
Die Reichshauptstadt putzte sich zu diesem Zweck heraus. Wie bei den Winterspielen im selben Jahr in Garmisch-Partenkirchen wurden antisemitische Schilder und Plakate im Stadtgebiet für die Zeit der Sommerspiele abgehängt. Dafür war Flaggenschmuck mit olympischen und Hakenkreuz-Flaggen für die Zeit der Olympischen Spiele in Berlin allgegenwärtig.
Das NS-Regime ergriff zudem zahlreiche weitere organisatorische Maßnahmen, die das Stadtbild Berlins betrafen. Diese „schöne Fassade“ sollte der Welt zeigen, dass die Deutschen ein weltoffenes und begeisterungsfähiges Volk waren, und gleichzeitig die Vorbehalte der ausländischen Gäste hinsichtlich eines sichtbar remilitarisierten Deutschlands widerlegen.
Ausnahmezustand in der Reichshauptstadt
Einige der beschlossenen Maßnahmen richteten sich direkt an die Berlinerinnen und Berliner. Die Berliner Polizei etwa verbot den Bürgerinnen und Bürgern der Reichshauptstadt drei Tage vor Beginn der Sommerspiele, „an Tagen, an denen allgemein geflaggt wird“ ihre Wäsche zum Trocknen auf den Vorderbalkonen aufzuhängen. Diese „Unsitte“ würde „bei der ordnungsliebenden Bevölkerung in immer steigendem Maße Unwillen und Empörung“ auslösen. Andere Anordnungen betrafen Verkehrsverbotszonen in der Innenstadt oder den Verkauf von warmen Würstchen im Straßenhandel. Hielten die Straßenverkäufer die vorgegebenen Wurstpreise nicht ein, drohten ihnen hohe Bußgelder.
Eine Werbeanzeige der Firma „Osram“ rief die Bewohnerinnen und Bewohner Berlins durch das Anschalten von Lichtern am Fenster dazu auf, „zur Olympia (...) die Festfreude durch viel Licht zu steigern“. Die passenden Glühlichter hielt „Osram“ selbstredend gleich zum Kauf bereit.
Eine Wandzeitung der NSDAP forderte die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt zu einem gastfreundlichen Verhalten gegenüber den ausländischen Gästen auf. Ein Motto der Spiele in Deutschland war „Olympia – eine nationale Aufgabe“, jeder Deutsche war also ein „kleiner Botschafter“.
Auch das Rahmenprogramm der Olympischen Spiele in Berlin stellte propagandistisch Vorzüge Deutschlands in den Mittelpunkt: Neben zahlreichen Kunstaufführungen mit Tanzdarbietungen gehörte die sogenannte „Deutschlandausstellung“ dazu, die den ausländischen Gästen ein positives, modernes und leistungsfähiges Bild Deutschlands vermitteln sollte.
Zwangsumsiedlung der Sinti und Roma
Seit ihrer Machtübernahme im Jahr 1933 verfolgten die Nationalsozialisten auch die Sinti und Roma in Deutschland. Drei Jahre später sollten sie während der Olympischen Sommerspiele aus dem Berliner Stadtbild verschwinden.
Dazu verfügte die Gestapo am 3. Juli 1936 eine überfallartig auszuführende „Aktion“, im Zuge derer alle im Stadtgebiet lagernden Sinti und Roma nach Marzahn am Rande Berlins abtransportiert werden sollten. Was in ihrer Anordnung euphemistisch als „Rastplatz“ beschrieben ist, meinte das größte Sammel- und Zwangslager für Roma und Sinti auf deutschem Staatsgebiet.
Das Zwangslager Marzahn hatte auch nach den Olympischen Spielen Bestand. Durchschnittlich lebten hier zur selben Zeit rund 1.000 Sinti und Roma unter katastrophalen Bedingungen. Im Frühjahr 1943 begannen die Nationalsozialisten damit, die Marzahner Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zu deportieren.
Die Wehrmacht bei den Sommerspielen
Wichtig war dem NS-Regime zudem, die Anwesenheit von Soldaten während der Spiele bewusst unauffällig zu inszenieren. Deutschland wollte sich als friedfertiges Land präsentieren. Die hohe Anzahl von SS- und Wehrmachtssoldaten war ausländischen Journalisten bereits bei den Winterspielen im selben Jahr in Garmisch-Partenkirchen aufgefallen. Das sollte sich nicht wiederholen.
Um den militärischen Charakter der Wehrmacht zu verbergen, wurden ihre Mitglieder in die Organisation der Spiele einbezogen. Die Wehrmacht übernahm Transport- und Sanitätsdienste, verwaltete das Olympische Dorf und stellte Musikkorps und sogar Richter und Zeitnehmer für unterschiedliche Wettkämpfe. Zudem nahmen zahlreiche aktive Wehrmachtsangehörige – vor allem in den Leichtathletik- und Reitdisziplinen – selbst an den Spielen teil.
Am 20. Juni 1936 gab der Kommandant von Berlin ein „Merkblatt für das Verhalten der Wehrmachtangehörigen im Standort Groß-Berlin während der Olympiade“ heraus. In diesem Merkblatt geht es nicht nur um das korrekte Tragen der Uniform, sondern auch um Verhaltensvorgaben: Die Wehrmachtssoldaten sollten sich „zuvorkommend in Verkehrsmitteln“ verhalten, „z. B. älteren, körperlich behinderten Leuten Platz anbieten". Traf man auf ausländische Militärangehörige, waren diese „kameradschaftlich zu grüßen". Das Merkblatt enthält auch eine Liste von jüdischen Kaufhäusern und Cafés, die die Wehrmachtsangehörigen nicht betreten durften.
Das Olympiajahr 1936: Eine Chronologie
1936 blickte die Welt nach Deutschland: Vom 6. bis 16. Februar war Garmisch-Partenkirchen Austragungsort der Olympischen Winterspiele; die Sommerspiele richtete die Reichshauptstadt Berlin vom 1. bis 16. August aus. Das nationalsozialistische Regime erkannte die Möglichkeiten, die das Großereignis für seine Propaganda bot: Der deutsche NS-Staat konnte sich auf der Weltbühne als friedliebende Nation präsentieren – obwohl er Jüdinnen, Juden und Andersdenkende verfolgte, die ersten Konzentrationslager errichtete und heimlich für einen Krieg aufrüstete.
Dieser Beitrag ist Teil unserer Chronologie zum Olympiajahr 1936. Darin finden Sie zahlreiche Beiträge zum Verlauf der Olympischen Winter- und Sommerspiele 1936 sowie zu weiteren Ereignissen des Jahres 1936 mit einer Auswahl an Archivgut aus dem Bundesarchiv.