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60 Jahre: Erdbebenhilfe für Marokko (März/April 1960)

Erfahrungsbericht zum ersten humanitären Auslandseinsatz der Bundeswehr

Kalender 1. März 1960

Titelblatt des Erfahrungsberichts über den Einsatz der Bundeswehr in Agadir, 27. Juli 1960

In der Nacht zum 1. März 1960 bebte in der südmarokkanischen Küstenstadt Agadir die Erde. Das gerade erst seit wenigen Jahren in die Unabhängigkeit entlassene Königreich Marokko erlebte die schwerste Naturkatastrophe seiner Geschichte. Etwa 15.000 Einwohner und Touristen kamen in den Trümmern ums Leben, 12.000 Verletzte und Tausende Obdachlose waren zu beklagen.

Die Bundesregierung reagiert

Das verheerende Erdbeben rief auch in Deutschland große Anteilnahme hervor. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß entschied bereits unmittelbar nach Bekanntwerden der Meldung, die damals noch kaum vier Jahre alte Bundeswehr an den internationalen Hilfsaktionen in Marokko zu beteiligen. Allerdings hielt man es unter den damaligen politischen Rahmenbedingungen zunächst für ratsam, diesen nach dem 2. Weltkrieg ersten Einsatz deutscher Soldaten im Ausland noch offiziell als „Übung“ laufen zu lassen.

Bereits am Abend des 1. März – am Tag nach Rosenmontag, während man überall in den rheinischen Karnevalshochburgen noch ausgelassen feierte – wurde das Sanitätsbataillon 5 in Koblenz in Alarmbereitschaft versetzt. Hektisch zog man die ganze Nacht über Geräte und Material aus dem gesamten westlichen Bundesgebiet zusammen. Einige Soldaten mussten aus Kneipen herausgeholt werden, mitunter blieb ihnen keine Zeit mehr, ihre Angehörigen vom bevorstehenden Einsatz zu unterrichten. Vom Flughafen Köln-Wahn startete schon am nächsten Morgen die erste Bundeswehrmaschine vom französischen Typ Noratlas in Richtung Agadir. Das Thermometer zeigte 40 °C im Schatten, als das feldgraue Transportflugzeug auf dem Flughafen nahe der zerstörten Stadt landete.

Erfahrungsbericht des Kommandeurs

Als Kommandeur und Einsatzleiter der 102 deutschen Soldaten vor Ort fungierte der kriegsgediente Oberfeldarzt Dr. Carl Merkle, der den Auftrag hatte, unweit der Unglücksstelle einen Hauptverbandsplatz zur Versorgung Schwerverletzter einzurichten. Dr. Merkle verfasste in den Monaten nach Einsatzende einen amtlichen Erfahrungsbericht an seine Vorgesetzten. In anschaulicher Sprache und nicht frei von drastischen Eindrücken und persönlichen Werturteilen beschrieb er darin die Erkenntnisse und Erlebnisse des ersten Katastropheneinsatzes der Bundeswehr. Trotz anfänglicher Probleme wie etwa Sprach-schwierigkeiten (die zwei mitgeführten Dolmetscher beherrschten nur Französisch, kein Arabisch) sowie die „Unschlüssigkeit und Desorganisation“ der nordafrikanischen Behörden sei die Zusammenarbeit vor Ort letztlich „vollkommen reibungslos“ verlaufen.

Während ihres fünfwöchigen Engagements in Agadir führten die Bundeswehrärzte mit ihrem Sanitätspersonal mehr als 80 Operationen durch und behandelten etwa 100 Personen stationär. Darüber hinaus führte die Luftwaffe 179 Tonnen an wertvollen Medikamenten, Verbandsstoffen und Lebensmitteln ein und legte dabei rund 280 000 Flugkilometer zurück. Das entspricht circa sieben Flügen rund um die Erde.

Bilanz und politische Einordnung des Einsatzes

Obwohl die Hilfsaktion „personell improvisiert“ gewesen sei, könne sie laut Dr. Merkle „als voller Erfolg“ gewertet werden. Gelobt wurde allseits das „deutsche Organisationstalent“, auch habe man überall große Dankbarkeit und eine „ausgesprochene Deutschfreundlichkeit“ erlebt. Tatsächlich bot dieser erste Auslandseinsatz der noch jungen Bundesrepublik die Möglichkeit, außenpolitisch im Zusammenspiel mit anderen Nationen aktiv zu werden und sich so auf internationaler Bühne erstmals als humanitäre Macht zu präsentieren.

Dies war auch vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Ost-West-Konflikts nicht ohne Bedeutung. Diese politische Dimension klingt mitunter bereits in dem zeitgenössischen Bericht Dr. Merkles an, etwa als dieser die uneingeschränkte Solidarität der westlichen Helfer untereinander in seinem positiven Fazit ausdrücklich hervorhob. Schließlich hätten in Marokko auch „Experten aus ostzonalen Ländern“ nur auf die Gelegenheit gewartet, „tätig werden zu können“.

Überlieferung beim Bundesarchiv

Der Erfahrungsbericht ist im Bestand BW 24 Bundesministerium der Verteidigung - Inspektion des Sanitäts- und Gesundheitswesens der Bundeswehr überliefert. Die dazugehörige Akte zum Marokko-Einsatz ist vollständig digitalisiert und über die Rechercheanwendung INVENIO zugänglich. Das Bundesarchiv plant sukzessive weitere Unterlagen aus den Auslandseinsätzen der Bundeswehr digital zur Verfügung zu stellen.