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Ernst Udet - Des Teufels General?

Noch in der Zwischenkriegszeit war Ernst Udet international als einer der erfolgreichsten Jagdflieger des Ersten Weltkrieges aber auch als waghalsiger Kunstflieger bekannt.

  • Nationalsozialismus (1933-1945)

Hintergrundinformationen

Noch in der Zwischenkriegszeit war Ernst Udet international als einer der erfolgreichsten Jagdflieger des Ersten Weltkrieges aber auch als waghalsiger Kunstflieger bekannt. Beides wird mittlerweile von seiner herausgehobenen Funktion in der Luftwaffe des Dritten Reiches überdeckt und heutigentags reduziert sich seine Bekanntheit in der Regel eher auf die Vorlage, die er in dieser Verwendung für die Titelfigur in Carl Zuckmayers Drama "Des Teufels General", 1946 in Zürich uraufgeführt und 1956 mit Curd Jürgens in der Hauptrolle verfilmt, gab.

Udet wurde am 26. April 1896 in Frankfurt am Main geboren, bald darauf zog er mit seiner Familie nach München und wuchs dort auf. Bereits früh reifte in ihm der Entschluß, Flieger zu werden. Nach dem Einjährigen-Examen 1913 wurde er zwar zunächst im August 1914 wegen seiner geringen Körpergröße nicht als Freiwilliger genommen. Als freiwilliger Motorradfahrer des ADAC in der Funktion eines Meldefahrers trat er jedoch am 18. August bei der 26. Württembergischen Reserve-Division den Dienst an, wechselte am 15. September zum Gouvernement Straßburg, am 25. September zum Kraftwagenpark Namur und wollte dort schließlich Beobachter bei einer Feldfliegerabteilung werden.

Als im Oktober 1914 alle "kriegsfreiwilligen Kraftfahrer" entlassen wurden, meldete er sich in München freiwillig bei den bayerischen Luftstreitkräften " wurde jedoch abgewiesen, da ausgebildeten Zivilfliegern der Vorzug gegeben wurde. Konsequent erwarb Udet nun bis Ende April 1915 den Zivilflugschein und meldete sich erneut. Als er wieder abgewiesen wurde (als zu jung) bewarb er sich auch bei den preußischen Luftstreitkräften und wurde dort genommen. Ausgebildet in Darmstadt, wurde er ab dem 4. September 1915 bei der Artilleriefliegerabteilung 206 an der Westfront eingesetzt, ab dem 2. Oktober 1915 beim Armeefliegerpark Gaede und ab dem 29. November 1915 bei der Feldfliegerabteilung 68. Ab Anfang 1916 war er Flugzeugführer in einer Kampffliegereinheit und errang am 18. März 1916 seinen ersten Luftsieg. Aus dieser Einheit wurde im Herbst 1916 die Jagdstaffel 15 gebildet. Am 22. Januar 1917 wurde Udet zum Leutnant der Reserve ernannt.

Am 5. August 1917 wurde er zum Armeeflugplatz 4 mit Verwendung bei der Jagdstaffel 37 versetzt und übernahm am 7. November 1917 deren Führung. Am 24. März 1918 trat er auf eine entsprechende Anforderung Manfred von Richthofens hin in dessen Jagdgeschwader Nr. 1 als stellvertretender Führer der Jagdstaffel 11 ein und übernahm dort, nachdem er im April den Pour le Mérite erhalten hatte, am 22. Mai 1918 die Führung der Jagdstaffel 4. Bis zum Ende des Krieges erzielte Udet 62 anerkannte Abschüsse und war damit nach Manfred von Richthofen der zweiterfolgreichste deutsche Jagdflieger " und vor allem der erfolgreichste überlebende. Am 18. November 1918 schied Udet als Oberleutnant aus der Armee aus.

Ab August 1919 war Udet als Kunstflieger auf Schauflügen unterwegs. Nachdem die Bestimmungen des Versailler Vertrages die Benutzung von Militärmaschinen unmöglich machten, gründete er jedoch zusammen mit anderen Gesellschaftern im Sommer 1921 die Firma "Udet Flugzeugbau", die sich auf Entwicklung und Fabrikation kleiner Sportflugzeuge spezialisierte. Die Geschäfte der Firma florierten, doch 1925 verließ Udet die Firma, die weiter seinen Namen trug und für die er auch weiterhin als Ein- und Schauflieger tätig war, und zog wieder auf Flugtage, bzw. veranstaltete eigene Schauflüge. Er entwickelte sich in der Folgezeit zum populärsten Kunstflieger in Deutschland und zog regelmäßig mehrere tausend Besucher zu seinen Veranstaltungen. Auch im Ausland war er mittlerweile bei Luftfahrtorganisationen und Veteranenverbänden ein angesehener Gast und Vortragsredner.

Als Flieger verblüffte er seine Zeitgenossen mit immer neuen Bravourstückchen (Start und Landung auf der Zugspitze 1927, Aufheben von Taschentüchern im Flug mit der Tragfläche erstmals im August 1930). Mitte der 20er siedelte er von München um nach Berlin. Flugtage zählten nunmehr mit oft mehreren 10.000 Besuchern zu den größten Spektakeln im öffentlichen Leben. Immer wieder kam es zu tödlichen Unfällen, da die Flieger im Kampf um die Gunst des Publikums sich gegenseitig zu übertrumpfen suchten. Udet gelang es hier bis zuletzt einen unangefochtenen Spitzenplatz zu bewahren " auch durch eine effektive Selbstvermarktung und "darstellung. Udet nahm nun öfter auch als Flieger in Spielfilmen teil, erstmals 1929 in dem Bergfilm "Die weiße Hölle vom Piz Palü" (von Arnold Fanck, mit Leni Riefenstahl), es folgten 1930 "Stürme über dem Mont Blanc" und 1933 "SOS Eisberg". Er trat auch selbst in die Filmproduktion ein, so 1930/31 bei dem Film "Fremde Vögel über Afrika", der Verfilmung einer Afrika-Expedition von Oktober 1930 bis März 1931.

Ab 1933 änderten sich jedoch auch für den wirtschaftlich erfolgreichen und international angesehenen Udet die Rahmenbedingungen. Sein ehemaliger Geschwaderchef Hermann Göring war nunmehr Reichsminister und mindestens für intime Kenner der Szene, zu denen Udet fraglos zu rechnen ist, mit dem Aufbau neuer Luftstreitkräfte befaßt. Göring machte Udet bereits ab 1933 Avancen auf Verwendung in seinem Bereich, doch zog dieser zunächst noch seine wirtschaftliche und fliegerische Unabhängigkeit vor. Trotzdem übernahm er bereits ab April 1933 im gleichgeschalteten Deutschen Luftsportverband als uniformierter Fliegervizekommodore repräsentative Aufgaben. Mit Wirkung vom 1. Mai 1933 trat er schließlich in die NSDAP ein und im Juni 1933 ermöglichte Göring ihm daraufhin den Ankauf zweier amerikanischer Sturzkampfflugzeuge vom Typ Curtiss Hawk, von deren Möglichkeiten Udet fasziniert war.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt hatten für Udet die neuen, mit dem NS-Regime und der Person Göring verbundenen fliegerischen Möglichkeiten Vorrang gegenüber etwaigen anderen Empfindungen. Auf die Flugtage zog er nun mit seinen Sturzbombern und löste regelmäßig Begeisterung aus. Zugleich bemühte er sich " als Privatmann " um die Weiterentwicklung und Erprobung dieser Technik in Deutschland.Udet wurde zunehmend aktiver Teil der NS-Propaganda zur Unterstützung der Flugbegeisterung in Deutschland. So entstand 1935 der Film "Wunder des Fliegens", in dem sich Udet selbst spielt.

Udet wurde nachwievor von Göring, aber mittlerweile auch von anderen, bereits eingetretenen Kriegskameraden umworben und trat schließlich mit Wirkung vom 1. Juni 1935 als Oberst in die Luftwaffe ein, mit Dienstantritt zum 1. September im Technischen Amt. Während er noch anläßlich der Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen im Februar 1936 Flugvorführungen gab, wurde er am 10. Februar 1936 zum Inspekteur der Jagd- und Sturzkampfflieger ernannt. In dieser Funktion keine schlechte Besetzung versuchte Göring jedoch, Udet in die Führung des Technischen Amtes zu drängen, was dieser zunächst ablehnte.

Mit dem durch den Tod des Generalstabschefs Wever am 3. Juni 1936 ausgelösten Revirement wurde Udet jedoch, auch auf dringenden Wunsch Hitlers, am 9. Juni 1936 zum Chef des Technischen Amtes ernannt. Ihm unterstanden damit die Forschung, Entwicklung und Beschaffung in der Luftwaffe. Eine schlechte Wahl und krasse Fehlbesetzung. Mit den bürokratischen Zwängen einer schließlich 4000 Mitarbeiter umfassenden Behörde kam Udet nicht zurecht, mit den technischen und insbesondere rüstungswirtschaftlichen Feinheiten und Notwendigkeiten war er überfordert. Hinzu kam ein permanentes Kompetenzgerangel mit dem in den behördeninternen Zwängen weit versierteren Staatssekretär Milch und ein Oberbefehlshaber Göring ohne Befähigung und Skrupel.

Es kam zu klaren von Udet zu verantwortenden Fehlentscheidungen in der Entwicklung " eine der bekanntesten ist die fatale Konzeption des Bombers He 177 als "sturzflugfähig. Es kam aber auch zur Zuschiebung von Problemen für die er nicht oder zumindest nicht allein verantwortlich war und schließlich zu seiner schleichenden Entmachtung zugunsten Milchs, bei gleichzeitigem Flugverbot, was Udet als besonders belastend empfand, und polizeilicher Überwachung.

Zunächst stieg Udet jedoch noch weiter auf: am 20. April 1937 wurde er Generalmajor, am 1. November 1938 Generalleutnant und am 1. Februar 1939 wurde er von Göring als Chef des Technischen Amtes zum Generalluftzeugmeister ernannt und direkt ihm unterstellt. Am 1. April 1940 wurde Udet zum General der Flieger ernannt und war selbst davon überzeugt, daß der Krieg nun zu Ende und weitere Aufrüstungsmaßnahmen überflüssig seien, was sich auch entsprechend auf die weitere Entwicklungsplanung auswirkte. Am 19. Juli 1940 wurde er noch Generaloberst, doch war zu diesem Zeitpunkt seine persönliche Stellung im Amt bereits untergraben.

Udet hatte sich aus Abneigung gegen jegliche Form der Schreibtischarbeit selbst in seinen Funktionen reduziert, zuletzt beherrschte sein Apparat ihn, nicht umgekehrt. Die wachsenden und eigentlich unlösbaren technischen und rüstungswirtschaftlichen Probleme konnte der dienstlich zunehmend isolierte Udet nicht mehr bewältigen. Die Vorwürfe Hitlers an Göring bezüglich des Versagens der Luftwaffe im Rußland-Feldzug gab dieser an Udet weiter und stempelte ihn ab zu dem an der aktuellen Misere Verantwortlichen. Seine eigene Verantwortung ignorierte Göring dabei völlig.

Am 17. November 1941 beging Ernst Udet Selbstmord, seine Anklage an Göring, er habe ihn verlassen ist ebenso überliefert wie seine Aussage, mit "dem Juden" Milch könne er nicht zusammenarbeiten. Der anerkanntermaßen geniale Flieger Udet war an einer Aufgabe gescheitert, von der er selbst gewußt hatte, daß er für sie keine Befähigung besaß. Von denjenigen, die ihn, um seinen weltweit bekannten Namen nutzen zu können, ins Amt gedrängt hatten, im Stich gelassen, zog Udet seine Konsequenzen. Mit Ablehnung des Regimes oder gar widerständigem Verhalten, wie dies Zuckmayers Drama suggeriert, hatte dies nichts zu tun.

Thomas Menzel