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"Ansteckende Krankheit! Zutritt verboten!"

Infektionsvorsorge und -bekämpfung im Deutschen Reich und seinen Kolonien 1871-1933

  • Kaiserreich (1871-1918)
  • Weimarer Republik (1918-1933)

Unter Infektionskrankheiten versteht man Erkrankungen, die durch lebende Erreger wie Bakterien, Viren oder Pilze ausgelöst werden. Wenn sich gefährliche, oft noch unbekannte Infektionskrankheiten schnell ausbreiten, spricht man auch von Seuchen. Dieser Begriff besitzt einen deutlich emotionalen Aspekt, da die Ursachen solcher massenhafter Erkrankungen bis weit ins 19. Jahrhundert nicht hinreichend bekannt waren und die Menschen sich dem Seuchengeschehen hilflos ausgesetzt sahen.

Erst Fortschritte in der Wissenschaft und der technischen Entwicklung (z.B. der Mikroskopie) machten die Identifizierung von Erregern möglich. Während Bakterien als Krankheitserreger bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts beschrieben wurden (beginnend 1876 mit dem Milzbranderreger durch Robert Koch), konnten die deutlich kleineren Viren erst seit den 1890er Jahren nachgewiesen werden.

Epidemien in historischen Akten

Wenn man im Archivgut des Bundesarchivs nach historischer Überlieferung zu Infektionskrankheiten, Epidemien und Seuchen sucht, fällt auf, dass der Ausbruch von Epidemien oft mit sozialem Elend verbunden ist: mangelhafte hygienische Verhältnisse, fehlende Kenntnisse der Vorsorge, kein Zugang zu ärztlicher Versorgung. Die Ausbreitung von Infektionskrankheiten scheint häufig verknüpft mit gesteigerter räumlicher Mobilität, wie zum Beispiel infolge von Truppenbewegungen im und nach dem Ersten Weltkrieg oder der Flucht vor Hungersnöten (beispielsweise in Sowjetrussland 1921-22).

Pocken, Cholera, Malaria: Gründung des Kaiserlichen Gesundheitsamts

Bereits 1876, nur fünf Jahre nach der Reichsgründung, wurde das Kaiserliche Gesundheitsamt errichtet, um die Reichsregierung bei der Durchführung von Maßnahmen der „öffentlichen Gesundheitspflege“ und bei der Gesetzgebung in „Medizinalangelegenheiten“ zu unterstützen. Nach Zunahme von Epidemien Ende des 19. Jahrhunderts (Pocken 1870-73, Cholera 1892) wurde im Jahr 1900 das Reichsseuchengesetz erlassen, das in der Bundesrepublik bis 1961 (!) in Kraft blieb. Wie sehr die Gesetzgebung im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichen und moralischen Argumenten stand, wird besonders deutlich beim Gesetz zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten, das sieben Jahre lang (von 1920 bis 1927) intensiv diskutiert wurde, bevor es verabschiedet werden konnte.

Ein weiterer Aufgabenschwerpunkt des Kaiserlichen Gesundheitsamts (seit 1918 Reichsgesundheitsamt) war - im Zusammenwirken mit anderen Stellen des Reichs und der Einzelstaaten - die Erforschung von Infektionskrankheiten und ihrer Bekämpfung. Als besondere Herausforderung erwiesen sich die in den deutschen Kolonien vorkommenden tropischen Infektionskrankheiten, wie Malaria und Schlafkrankheit. Sie beeinträchtigten nicht nur das europäische Kolonialpersonal, sondern in großem Umfang auch die Einheimischen, die somit als potenzielle Arbeitskräfte für die Kolonialmacht ausfielen. Bei der Erprobung möglicher Therapien nahmen deutsche Wissenschaftler wenig Rücksicht auf die Einheimischen.

Hygiene, Impfungen - und die Aushandlung von Zuständigkeiten

Seuchen können die Legitimität von Herrschaft in Frage stellen, indem ihre wirtschaftlichen Folgen schwere soziale Probleme hervorrufen können. Umgekehrt machen sich Staaten gerne Erfolge in der Seuchenbekämpfung zu eigen, indem sie auf ihre fortschrittliche Regierungsführung, Verwaltung und Wissenschaft verweisen. So spricht aus den Archivalien auch ein gewisses Sendungsbewusstsein von Wissenschaftlern und Beamten, insbesondere gegenüber als rückständig empfundenen Bevölkerungen „im Osten“.

Das Gesundheitswesen einschließlich der Infektionsbekämpfung lag seinerzeit in der Zuständigkeit der Einzelstaaten und Kommunen. So verwundert es nicht, dass im Bundesarchiv neben Dokumenten zu übergreifenden Angelegenheiten vor allem solche zu den in unmittelbarer Reichszuständigkeit liegenden Bereichen „Militär“ und „Kolonien“ überliefert sind.

Auch vor dem Hintergrund des zwischenzeitlichen medizinischen Fortschritts spiegeln sich in den Akten viele bekannte Maßnahmen wider, in der Infektionsvorbeugung ebenso wie in der Bekämpfung von Infektionskrankheiten: Aufklärung der Bevölkerung, Verbesserung der Hygiene, Entwicklung von Impfstoffen und Einführung der Impfpflicht (Impfgesetz 1874), Meldepflicht für ansteckende Krankheiten, Isolierung von Erkrankten, Entwicklung von Medikamenten, Einrichtung von Heilstätten. Und noch etwas mutet bei der Durchsicht der historischen Akten recht vertraut an: das kontinuierliche Aushandeln von Zuständigkeiten und finanziellen Verpflichtungen zwischen Reich und Einzelstaaten.