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Kalter Krieg um Polio-Impfstoff

Bekämpfung der Kinderlähmung zwischen Politik und Wissenschaft

  • BRD (ab 1949)
  • DDR (1949-1990)

Kinderlähmung (Poliomyelitis, kurz: Polio) ist eine durch Viren verursachte Erkrankung, die zu schweren Lähmungen und Todesfällen führen kann. Die Erkrankung ist nicht heilbar. Daher kommt der Vorbeugung durch Schutzimpfungen besondere Bedeutung zu. Seit 1955 steht ein durch den Immunologen Jonas Salk entwickelter Totimpfstoff aus inaktivierten Viren zur Verfügung, der gespritzt wird. Der Virologe Albert Sabin trat wenig später für die Verwendung eines Lebendimpfstoffs aus abgeschwächten Viren ein, der in Form einer Schluckimpfung einzunehmen ist. Letzterem wird eine höhere Wirksamkeit zugesprochen, allerdings auch höhere Risiken, da eine Infektion Dritter durch mit dem Stuhlgang ausgeschiedene Erreger möglich ist.

Polio-Epidemien in Deutschland

Kinderlähmung kann in Form von Epidemien auftreten. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kam es sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik Deutschland mehrfach zu massenhaftem Auftreten von Polio-Erkrankungen. So wurden 1952 in der Bundesrepublik fast 10.000 Erkrankungen und 778 Todesfälle verzeichnet. Eine weitere Epidemie, die insbesondere Nordrhein-Westfalen betraf, führte in den Jahren 1960 und 1961 zu jeweils über 4.000 gemeldeten Erkrankungen und jeweils etwa 300 Todesfällen. Freiwillige Impfungen mit dem Salk-Impfstoff hatten dies nicht verhindern können

Einführung der Schluckimpfung in der DDR

In der DDR wurden bereits seit 1960 Schluckimpfungen mit dem Lebendimpfstoff nach Sabin, der durch den sowjetischen Forscher Tschumakow weiterentwickelt worden war, organisiert. In der Folge gingen die Fallzahlen von 958 im Jahr 1959 auf nur vier Fälle im Jahr 1961 zurück.
Am 29. Juni 1961 richtete Willi Stoph, Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, ein Telegramm an die Regierung der Bundesrepublik, in dem er im Namen der Regierung der DDR anbot, drei Millionen Dosen des Sabin-Tschumakow-Impfstoffes zur Verfügung zu stellen. In der Bundesrepublik entbrannte eine Debatte auf allen Ebenen von Politik, Gesellschaft und Verwaltung, ob es sich hierbei um eine humanitäre Geste oder einen politisch motivierten Schachzug handle.

Die Länder preschen vor

Während die zuständigen Bundesministerien noch prüfen ließen, ob die Anwendung eines Lebendimpfstoffs in gesundheitlicher und rechtlicher Hinsicht vertretbar sei, begannen Anfang 1962 einzelne Bundesländer (wie Bayern und Nordrhein-Westfalen) bereits mit der Schluckimpfung auf freiwilliger Basis. Der Impfstoff wurde aus den USA geliefert. Mit der Änderung des Bundesseuchengesetzes vom 23. Januar 1963 (BGBl. 1963 Teil I, S. 57) wurde endlich auf Bundesebene geregelt, dass die Durchführung von Schluckimpfungen mit Lebendimpfstoffen unter bestimmten Bedingungen zulässig ist, und wie bei Impfschäden Dritter zu verfahren ist. Seit 1965 ist die Zahl der Polio-Erkrankungen in Deutschland konstant unter 50 Fällen geblieben.