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Verpasste Chancen und verhinderte Katastrophen – Die Gründung der Weimarer Republik 1918-1920

Rückblick auf den Vortrag von Prof. Dr. Walter Mühlhausen beim Bundesarchiv in Koblenz am 5.2.2020

07.02.2020

Öffentlichkeitsarbeit

Platz vor dem Nationaltheater in Weimar während der Eröffnung der Nationalversammlung, 6. Februar 1919

Am Vorabend des „Tages der Weimarer Republik“ (6. Februar, Tag der Eröffnung der Nationalversammlung im Jahr 1919) hatte auch das Bundesarchiv am Standort Koblenz zu einer Veranstaltung eingeladen, zu der rund 140 interessierte Gäste erschienen. Prof. Dr. Walter Mühlhausen, Geschäftsführer der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg und apl. Professor an der TU Darmstadt, sprach über die Gründungsphase der Weimarer Republik zwischen Herbst 1918 und Frühjahr 1920 und stellte sich anschließend den Fragen aus dem Publikum. Sein Vortrag stand unter der Leitfrage, ob die Weimarer Republik durch Versäumnisse in dieser Frühphase tatsächlich von Beginn an zum Scheitern verurteilt war, wie manche spätere Betrachtungen suggerieren, die die ersten Jahre vor allem aus der Perspektive von 1933 und 1945 beurteilen.

Leistungen und Versäumnisse

Nach der Einführung durch den Präsidenten des Bundesarchivs, Dr. Michael Hollmann, gab Walter Mühlhausen mit eigenen Akzentuierungen und Bewertungen einen kenntnisreichen Überblick über den Gang der Ereignisse zwischen der völlig überraschenden Forderung der Obersten Heeresleitung zur Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen im September 1918 und der Niederschlagung des Kapp-Lüttwitz-Putsches im März 1920. An diesem Punkt wäre die Gelegenheit gewesen, so Mühlhausen, die Reichswehr durch konsequente Strafverfolgung der Putschisten stärker auf die Republik zu verpflichten. Insgesamt aber lautete sein Urteil, dass die Verhinderung der Katastrophe unter schwierigsten Rahmenbedingungen, also die Leistungen der Träger der jungen Republik, gegenüber den verpassten Chancen deutlich überwiegen. Die Bürde des „niederschmetternden“ Versailler Vertrags und die wirtschaftlichen Krisen der Zeit seien nicht der Republik und ihren politisch Verantwortlichen anzulasten. Auch für die Weimarer Reichsverfassung fand Mühlhausen lobende Worte: Sie habe das Fundament für einen modernen demokratischen Rechtsstaat geschaffen, habe aber mit Leben gefüllt werden müssen. Der letztliche Untergang der Republik zwischen 1930 und 1933 gehe auf ein Bündel von Ursachen zurück, doch sei ihr Scheitern der Republik nicht in die Wiege gelegt, keineswegs zwangsläufig gewesen.

"Weimarer Verhältnisse" heute?

Die Fragen und Kommentare aus dem Publikum zielten unter anderem auf die Rolle der „bürgerlichen Mitte“, der Kirchen, der Reichswehr und der Freikorps, auf den Wert der 5%-Hürde bei Wahlen und auf die heutige Arbeit der Stiftung in Heidelberg ab. Dabei wurde mehrfach auch der Gegenwartsbezug hergestellt, den Walter Mühlhausen mit Zurückhaltung aufnahm. Bemerkenswert sei aus seiner Sicht, dass es in der Weimarer Zeit so schwierig gewesen sei, Personen zu finden, die einen Posten mit hoher politischer Verantwortung wie den des Reichskanzlers mit Interesse oder gar Begeisterung angetreten hätten. Den Tag ihres Rücktritts hätten manche als den befreiendsten und glücklichsten ihres Lebens empfunden. Wir müssten gut aufpassen, so Mühlhausen, dass wir nicht wieder ein Klima schafften, in dem die Übernahme von (Regierungs-)Verantwortung nur noch als Belastung empfunden werde und die Fähigkeit zur Kompromissfindung so schwach ausgebildet sei wie vor 100 Jahren.